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Bremer entschlüsselt Prozesse im Gehirn
Thorsten Fehr (rechts) nimmt das Gehirn genau unter die Lupe. Sie errechnen binnen Sekunden, welcher Wochentag etwa der 20. Dezember 1809 war. Sie können mehr als 10.000 Musikstücke aus dem Gedächtnis spielen oder sind in der Lage, eine Fremdsprache innerhalb einer Woche zu erlernen. Die Rede ist von "Savants", Menschen mit einer Inselbegabung. Doch wie rufen sie – und andere Gedächtniskünstler – ihr Wissen ab? Zu diesem Thema forscht und lehrt der Bremer Neurokognitionswissenschaftler Thorsten Fehr. "Ursprünglich beschäftigte ich mich mit mentalen Rechenprozessen, einfacher gesagt: Kopfrechnen, und den beteiligten Hirnarealen", erzählt Thorsten Fehr. Dabei lernte er den Rechenkünstler Rüdiger Gamm kennen – kein Savant, aber ein sogenannter "Kalenderrechner", der innerhalb von Sekunden weiß, dass besagter 20. Dezember 1809 ein Mittwoch gewesen ist. Mit ihm arbeitete Fehr erstmals für die Fernsehsendung "Expedition ins Gehirn" zusammen: Während Rüdiger Gamm Aufgaben löste, wurde per Kernspintomographie die Aktivität in seinem Gehirn aufgezeichnet. "Es stellte sich heraus, dass Gamm für dieselben Aufgaben nicht immer die gleichen, sondern in weiten Teilen unterschiedliche Hirnbereiche nutzte", erklärt Fehr. Danach ließ sich der Kalenderrechner George Widener per Kernspintomographie beim Kalkulieren begleiten. Wie viele Savants ist er Autist. Bei ihm waren wiederum andere Hirnregionen aktiv. Für Thorsten Fehr, der an der Bremer Universität zu den Themen komplexe Kognitionen, Emotionen und Methodik lehrt, ein Beweis für Individualität, Anpassungsfähigkeit und Komplexität des Gehirns: Während man weiß, dass zum Beispiel Sehen und Hören in bestimmten Arealen verortet sind, laufen Leistungen wie das Rechnen offenbar nicht in festgelegten Bahnen ab, sondern von Mensch zu Mensch sehr verschieden. Dass die Unterschiede ausschließlich am Handicap George Wideners liegen, glaubt Fehr nicht – denn auch Inselbegabte müssen lernen. "Sie beschäftigen sich meist geradezu zwanghaft mit einem bestimmten Gebiet", erklärt Thorsten Fehr. "Das könnte daran liegen, dass sie, oft sozial isoliert, sich ganz auf ein Thema konzentrieren, all ihre innere Energie darauf richten können und so keinen 'inneren Schweinehund' besiegen müssen." Ob Savant oder nicht: Jeder geht beim Rechnen anders vor. Manch einer nutzt eher sein räumliches Vorstellungsvermögen, ein anderer spricht die einzelnen Rechenschritte still vor sich hin – was jeweils verschiedene Hirnbereiche aktiviert. "Das bedeutet, dass man in Bezug auf das Lernen zum Beispiel nach Krankheiten oder Kopfverletzungen viel wieder gutmachen kann", resümiert Fehr. Dies bekräftige die Vorstellung vom Hirn als Netzwerk. "Wir können also sagen, wie jemand denkt. Aber keine Sorge", beruhigt er, "wir werden mit den gegenwärtigen Untersuchungsmethoden nicht sagen können, was jemand denkt." |
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