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Kriminelle Künstler?
Vandalismus oder Kunst? Die Geister scheiden sich... Anspruchsvolle Straßenkunst oder sinnentleerter Vandalismus? Die Ansichten zum Thema Graffiti gehen seit jeher weit auseinander. Kein Wunder, schließlich gibt es neben den großflächigen Kunstwerken eben auch hässliche Schmierereien. Wir haben einen Blick auf die Graffiti-Szene der Stadt geworfen und mit "Tätern", "Opfern" und Ermittlern gesprochen. Spaß beiseiteGraffiti? Bei diesem Stichwort dürfte so manchem Mitarbeiter der Bremer Straßenbahn AG der Kamm schwellen. Täglich müssen Busse, Bahnen und Haltestellen des Unternehmens wieder von neuen "Verzierungen" befreit werden. Hauptziel der Sprayer sind die Betriebshöfe des BSAG, aber auch an Endhaltestellen wartende Bahnen werden gerne besprüht: "Wenn ich vorne in der Bahn warte, bekomme ich nichts davon mit, wenn nachts ganz hinten die Sprayer aktiv sind", erklärt ein hilfloser Fahrer der Linie 4. "Wir haben durchaus Sinn für Kunst, aber Sachbeschädigung und Vandalismus können wir nicht gutheißen", bekräftigt BSAG-Sprecher Jürgen Lemmermann. Pro Jahr müsse sein Unternehmen eine Million Euro für die Beseitigung von Farbvandalismus ausgeben. Die Hauptlast trage dabei die Stadtgemeinde und damit letztlich der Steuerzahler.
Ist das Kunst? Großer Name der SzeneBremens populärster Sprayer Markus Genesius steht illegalen Graffitis gespalten gegenüber. "Einerseits finde ich manche Tags künstlerisch sehr ansprechend und in der Regel werden heruntergekommene Wände durch Graffiti optisch aufgewertet. Andererseits kann ich verstehen, dass viele Leute sauer sind, wenn ihre Wohnhäuser oder Geschäfte beschmiert werden", sagt der 34-Jährige. "Ich besitze ein schwarzes Motorrad. Wenn es irgendjemand plötzlich in der Nacht pink anmalen würde, wäre ich auch extrem verärgert." Genesius selbst hat sich ohne illegale Aktivitäten unter dem Pseudonym "Wow123" einen Namen in der internationalen Graffiti-Szene gemacht. Als Jugendlicher sei er einmal in Konflikt mit der Polizei geraten, seitdem habe er aber nur noch im legalen Bereich agiert. "Mich reizen große aufwändige Bilder, die ich vorher ausführlich planen kann. Bei illegalen Nachtaktionen würde mir die Zeit dafür fehlen", erklärt Genesius. Er besprüht häufig im Auftrag der Eigentümer ganze Gebäudefronten und prägt mit diesen auffälligen Arbeiten das Bremer Stadtbild, insbesondere in seinem Heimatstadtteil Neustadt. Zudem erhält Genesius durch den Bekanntheitsgrad, den er sich in seiner 20-jährigen Sprayer-Laufbahn erarbeit hat, hin und wieder besonders reizvolle Aufträge. Beispielsweise durfte der Bremer in der Tatort-Folge "Kalte Wut" einen Hauptdarsteller bei Graffiti-Szenen doubeln und im vergangenen Jahr das Titelmotiv des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" zum Thema "Rettet dem Deutsch" anfertigen.
Markus Genesius. Von Kings und ToysMarkus Genesius gehört damit zu jenen Sprayern, die Hans Georg Butt in die Kategorie "Kings" einordnet. Das seien die anerkannten Szenegrößen, denen gegenüber die "Toys" (Anfänger) das Nachsehen hätten, wenn legale Flächen für Graffiti zur Verfügung stünden, erläutert der für den Bereich "Farbvandalismus" zuständige Oberkommissar. Bis zu 800 Anzeigen gehen pro Jahr über seinen Schreibtisch, die Dunkelziffer schätzt der Ermittler auf "doppelt bis drei Mal so hoch". Rund 75 Prozent der gefassten Täter sind 14 bis 18 Jahre alt und gehören laut Butt zu den "Toys". Deren Hintergründe und Motive versucht Hans Georg Butt klar zu umreißen: "Das sind meistens kleine, schmächtige Bubis, Hinterbänkler, die in der Schule, beim Sport und bei den Mädchen nichts erreichen. Die stecken in einem ganz normalen Entwicklungsprozess und sehnen sich nach Aufmerksamkeit." Da kämen die illegalen Tags gerade recht, getreu dem Motto: "Nehmt mich zur Kenntnis, aber lasst mir meine Anonymität", so Butt. Ausstellung der NordbandeÜber zu wenig Aufmerksamkeit können sich die Jungs der "Nordbande" nicht beklagen. Die beiden 23-jährigen Graffiti-Künstler Jerome Ehlers und Patrick Przewloka haben die 25-köpfige Hip-Hop-Gruppe vor fünf Jahren ins Leben gerufen und konnten schon zahlreiche legale Aufträge an Land ziehen, u.a. großformatige Graffitis für die Stadtbibliothek Lesum, Auftragsarbeiten für die Brebau und die AWO, sowie zum zehnjährigen Jubiläum des Café Sand eine riesige Graffitiwand zum Thema Sahara.
Die Jungs der Nordbande. In einem Projekt namens "Graffiti Arts der Nordbande" hatte die Gruppe sich der Herausforderung gestellt, ihre Werke kleinformatig auf Leinwänden, anstatt an Meter großen Halls zu produzieren. Sinnentleerte, in Sekundenschnelle gesprayte Tags suchte man in der Ausstellung im "Izzi's" in Bremen-Nord vergeblich. Viel mehr bevölkerte Graffiti in den unterschiedlichsten Facetten die Lokalität. Unter den über 20 Werken stieß man schnell auf die Bilder des 24-jährigen Paul, der sich vor zwei Jahren der Nordbande angeschlossen hat. In seinen Augen ist jeder Sprayer ein Maler und Graffiti eine verkannte Kunst. Neben seiner Vorliebe für Landschaften und seinem Ziel, Farbspiele so real wie möglich abzubilden, nutzt er Graffiti als Medium, um Kritik an der Gesellschaft zu üben. "Wir sind trotz offener Augen blind", sagt Paul und stellt die Kritik in das Zentrum seiner Werke. Ein Brand legender Roboter soll z.B. davor warnen, den Forschungs- und Entwicklungsdrang der Menschheit weiter zu schüren. Großartiges GemeinschaftserlebnisAuch Markus Genesius besprüht vermehrt Leinwände, die dann öffentlich ausgestellt werden: "Es gibt immer mehr Galerien, die Interesse an Graffiti bekunden. Außerdem möchte ich im nächsten Jahr eine Ausstellung anlässlich meines 20-jährigen Jubiläums als Sprayer veranstalten." Der Bremer Künstler konnte in seiner langjährigen Laufbahn viele wertvolle Erfahrungen sammeln und ferne Länder wie Südafrika oder Neuseeland bereisen, um mit dortigen Sprühern zusammenzuarbeiten. "Graffiti bietet einem die Möglichkeit, kulturübergreifend im Team ein gemeinsames Endprodukt zu erstellen. Dieses Gemeinschaftserlebnis ist einfach großartig", schwärmt Genesius. "Aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen kann ich Jugendlichen nur empfehlen, die Angebote von Freizeitheimen und Initiativen wahrzunehmen, um diese besondere Kunstform kennen zu lernen. Auch ich habe in den 80ern in einem Freizeitheim meine ersten Sprühversuche unternommen." Mit Workshops bieten auch Jerome Ehlers und Patrick Przewloka von der "Nordbande" jungen Menschen die Möglichkeit, legal in die Graffiti-Szene einzusteigen. In Schulen und Freizeitheimen bringen sie Jugendlichen ab 12 Jahren den Umgang mit der Dose bei. Praxis und Theorie stehen dabei im Wechsel zueinander, die Teilnehmer erhalten u.a. einen Einblick in die Kultur des Graffiti, ausgehend von den Ursprüngen der Spraykunst in New York über verschiedene Stile bis hin zum Fachjargon. Wer annimmt, dass diese Inhalte nur bei männlichen Teilnehmern auf Interesse stoßen, liegt definitiv falsch. "Die aus maximal zehn bis 15 Personen bestehenden Gruppen weisen so gut wie immer ein ausgeglichenes Verhältnis auf", erklärt Patrick.
Graffitis können die Welt auch durchaus schöner machen. BSAG für legale SprühaktionenHans Georg Butt steht solchen Kursen und legalen Graffitiflächen eher skeptisch gegenüber. Der Oberkommissar geht davon aus, "dass viele Jugendliche kein Maß kennen. Wenn die legale Fläche vollgesprüht ist, dann weichen die einfach auf nebenstehende Wände aus." Insofern sei es ganz gut, dass in Bremen seitens der Politik legale Graffitiflächen kaum gefördert würden. Bei der vom Farbvandalismus arg gebeutelten BSAG sieht man das erstaunlicherweise anders: "Wir schätzen den künstlerischen Aspekt des Graffitis durchaus und haben in den vergangenen Jahren mehrfach mit Sozialarbeitern und Jugendprojekten kooperiert", erklärt Unternehmenssprecher Jürgen Lemmermann. Man habe unter anderem eine große Wandfläche an der Endstation in Sebaldsbrück und eine Haltestelle an der Norderländer Straße für legale Sprühaktionen zur Verfügung gestellt. Auch in Zukunft seien solche Kooperationen denkbar, schließlich "können nette Graffitis für uns ja auch eine Verschönerung sein." Das werden Jerome, Patrick, Markus und all die anderen Graffiti-Künstler sicher gerne hören… Übrigens gibt es in Bremen auch eine Stadtführung zu den Kritzeleien an den Wänden. Mehr dazu findet Ihr hier! Alles, was Ihr zum Sprayen braucht:Gefunden: 3 Einträge |
CommunityFreizeit Specials![]() Ihr habt Lust, mal was anderes zu machen? Hier findet ihr Ideen, was ihr nach Feierabend oder am Wochenende in Bremen und umzu mal unternehmen könnt.
Bühnen Specials![]() Die Welt des Theaters ist vielfältig. Wir blicken mit euch hinter die diversen Kulissen in Bremen und umzu und zeigen euch Möglichkeiten, selbst auf die Bühne zu kommen.
Kunst Specials![]() ... fragt ihr euch bestimmt, wenn ihr vor so manchem Kunstwerk steht. Aber es gibt viel Cooles - Bilder, Skulpturen, Performances oder Videos. Wir zeigen euch, was ihr in Bremen in Sachen Kunst nicht verpassen solltet.
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