szmtag
 
 

BREMENSIEN

<< zurück

Bräuche


Bräuche machen oftmals überhaupt keinen Sinn, sind aber trotzdem nett. Die Amerikaner haben zum Beispiel ihren „Murmeltiertag“ und wir haben die „Eiswette“. Die Gemeinsamkeit: Beides ist absolut überflüssig, ist aber witzig. Obwohl das Wettergebnis klar ist, wird jedes Jahr wieder ein Schneider mit Bügeleisen über die Weser geschickt. Und wer keine Babys in die Welt setzt, muss Treppen fegen, die „Fünfte Jahreszeit“ macht aus sonst zurückhaltenden Bremern Stimmungskanonen und Anfang Februar wird in Bremen die Herbert-Grönemeyer-Frage „Wann ist der Mann ein Mann?“ beantwortet: beim Schaffermahl.


Wetten, daß? Das skurrile Ritual der Bremer Eiswette.

Wetten, daß? Das skurrile Ritual der Bremer Eiswette.
Foto: btz

Ein Wunder, die Weser fließt: Die Eiswette

Obwohl die Weser durch die Begradigung schon seit über 50 Jahren nicht mehr zu friert, treffen sich jedes Jahr am 6. Januar um 12 Uhr am Osterdeich die Herren der Eiswettgesellschaft von 1829. Die ehrwürdigen Kaufleute „wetten“, ob die Weser „geiht oder „steiht“, also ob sie fließt oder zugefroren ist. Hauptakteure des skurrilen Spektakels sind ein Zeremonienmeister, zwei Pagen, das „Präsidium“, ein Wundarzt, ein „Notarius Publicus“, die Heiligen Drei Könige und ein Schneider mit einem heißen Bügeleisen. Letzterer darf mit dem Eisen exakt nur 99 Pfund schwer sein. Allerdings werden bei der Wiegung beide Augen zugedrückt. Die Details des Ablaufes würden jetzt zu weit führen. Auf jeden Fall fährt der Schneider mit einem Boot über die Weser und danach werfen die Herren noch Steinchen in die Weser. Quintessenz (und hier bitte nicht lachen, das ist eine ernste Angelegenheit): Versinken die Steine, ist die Weser offen, bleiben sie auf der Wasseroberfläche liegen, ist sie zu. Der Ausgang der Wette wird per Los entschieden. Die „Verlierer“ müssen dann das anschließende Essen, Kohl und Pinkel, für 500 Gäste bezahlen.


Das Fegen der Domtreppe wird meistens von "wahren" Freunden organisiert.

Das Fegen der Domtreppe, von "wahren" Freunden organisiert.
Foto: btz

Putzen bis die Jungfrau kommt: Domtreppenfegen und Klinken putzen

Immer wieder eine Wonne für Zuschauer: Das Domtreppenfegen von unverheirateten, 30-jährigen Männern. Fleißig fegen sie Kronkorken, Sägespäne oder ähnliches von den Stufen. Jungesellinnen müssen die Klinken des Portals putzen. Man darf erst aufhören, wenn einen eine Jungfrau, bzw. ein „Jungmann“ küsst. Währenddessen spielt ein Drehorgelspieler und die Freunde und Verwandten trinken sich munter einen. Das mühselige Spektakel geht auf den Volksglauben zurück, dass Menschen, die sich nicht an der Fortpflanzung beteiligt hatten, nach dem Tod an einen fiesen Ort verbannt würden, wo sie eine total überflüssige Arbeit machen müssten. Alten Jungfern drohte man damit, dass sie nach ihrem Tod bis in alle Ewigkeit die Kirchturmspitze der St. Ansgarii-Kirche putzen müssten.


Das älteste deutsche Volksfest: Das Bremer Schaffermahl.

Das älteste deutsche Volksfest: Der Bremer Freimarkt.
Foto: btz

Vom Kramer-Markt zur hemmungslosen Sause: Der Freimarkt

Sollte jemand behaupten, die Bremer seien reserviert, dann hat er sie noch nie in ihrer „fünften Jahreszeit“ im Oktober erlebt: „Ischa Freimaak“ heißt es dann und wir sind dann außer Rand und Band. Die Wurzeln des ältesten deutschen Volksfestes liegen im Mittelalter. Am 16. Oktober 1035 verlieh Kaiser Konrad II. dem bremischen Erzbischof Bezelin die Jahrmarktsgerechtigkeit. Damit hatte die Stadt die Erlaubnis, zweimal im Jahr Markt auf dem Kirchhof „Unser Lieben Frauen“ abzuhalten. Ohne Beschränkung und Rücksicht auf die einheimischen Zünfte durften Kramer und Wandersleute ihre Waren verkaufen. Daher der Name „Freimarkt“.
>> www.freimarkt.de


Das Bremer Schaffermahl.

Das Bremer Schaffermahl.
Foto: btz

Wo der Mann noch Platzhirsch ist: Die Schaffermahlzeit

Bevor Frauenrechtlerinnen gleich aufschreien: Nein, Frauen dürfen grundsätzlich nicht an dem Schaffermahl teilnehmen, aber im Jahr 2015 wird wohl die erste Frau ihren Platz in der Herrenrunde haben. Die Veranstaltung findet immer am zweiten Freitag im Februar in der Oberen Rathaushalle statt, geht bis ins Jahr 1545 zurück und ist eine Veranstaltung des „Hauses Seefahrt“. Damals war es ein Abschiedsessen, bei dem Schiffer und Kaufleute nach der Winterpause und vor neuen Fahrten noch mal zusammenkamen. Noch heute wird man mit den Worten „Schaffen, schaffen unnen und boven, unnen und boven schaffen“ zu Tisch gebeten. „Schaffen“ war auf Schiffen der Hinweis, dass das Essen angerichtet (beschafft) sei und dass alle Mann unter und über Deck, „unnen und boven“, zu Tisch kommen sollen. Kaufleute, Reeder, Kapitäne und ihre Geschäftspartner feiern hiermit noch heute ihre neue Geschäftssaison. Aber jeder darf nur einmal im Leben teilnehmen. Interessant ist, dass sich seit 1545 die Speise- und Getränkefolge nicht geändert hat.
>> www.schaffermahlzeit.de


Der Wunschbrunnen.

Der Wunschbrunnen.
Foto: Alena Mumme

Wunschbrunnen

Im "Taxi-Brunnen" auf dem Liebfrauenkirchhof sind nicht nur Wasser und Zigarettenstummel zu finden, sondern oft auch jede Menge Münzen. Wer nämlich ein Geldstück über die Schulter dort hineinwirft, der erhofft sich die Erfüllung eines Wunsches. Seit früher Taxis am Brunnen auf Fahrgäste warteten, hatten es sich die Fahrer zur Aufgabe gemacht, ab und zu die Münzen herauszuholen und zu reinigen. Davon wurde zum einen die Pflege der im Brunnen schwimmenden Fische bezahlt, zum

Mehr Artikel zum Thema

anderen wohltätige Veranstaltungen organisiert – beispielsweise wurden einmal die Kinder aus dem St.-Petri-Waisenhaus mit Taxis zum Freimarkt kutschiert und dort im Bayernzelt bewirtet.


von Miriam Ernst und Alena Mumme