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KEINE GEHEIMNISSE

Chips und Karten


Auf diesem Bild sieht eine junge Frau, die skeptisch eine ihrer vielen Plastikkarten in der Hand hält. Foto: bremen4u

Sind wir bald nur die Summe dessen, was in Chips von uns gespeichert ist?
Foto: bremen4u

Ist es nicht schön, dass wir beim Arzt nur noch "Hallo" sagen müssen und die ganze andere, lästige Kommunikation zwischen Kartenlesegerät und Krankenkassenkarte erledigt wird? Wohin aber führt es, wenn wir zunehmend unsere Daten in elektronischer Form mit uns herumtragen? Wir haben einmal geschaut, was bereits jetzt gemacht wird und was schon in naher Zukunft sein könnte.


EC-Karte / Kreditkarte: Attrappen-Alarm

Heute: Die EC-Karte oder Kreditkarte ist der direkte Zugang zum Konto. Entsprechend vorsichtig gehen die meisten mit ihr um. Die Daten werden verschlüsselt auf dem Magnetstreifen und dem Chip gespeichert und gelten bei neuen Karten als sicher.
Gefahr: Aktuell beliebt bei Kriminellen: das "Skimming". Der Trick: Auf den Türöffner der Bank oder vor den Kartenschlitz am Geldautomaten wird eine Attrappe mit einem Lesegerät gesetzt - für den Kunden kaum zu erkennen. Eine ebenfalls am manipulierten Geldautomaten angebrachte Minikamera filmt die Eingabe der PIN mit. Die Daten werden auf eine leere Karte kopiert. Im Ausland kann mit diesen Karten das Konto leergeräumt werden. In Deutschland und Europa funktioniert das nicht, weil die hiesigen Automaten ein zusätzliches Sicherheitsmerkmal abfragen. Deshalb arbeiten die "Skimmer" in straff organisierten Banden: Vom Attrappenbauer bis zum Geldabholer sind die Rollen klar verteilt, und das Konto ist innerhalb weniger Tage leergeräumt. Da die Karte ja nur kopiert und nicht gestohlen wurde, bemerkt der Kontoinhaber den Schwindel erst, wenn das Geld weg ist. Also: Kontoauszüge regelmäßig kontrollieren und jede Unstimmigkeit sofort der Bank melden! Der Bundesverband der Verbraucherschutzzentralen kritisiert die Untätigkeit der Banken. Es gäbe schon lange Gegenmaßnahmen wie "Anti-Skimming-Module", die Geldinstitute würden jedoch die zusätzlichen Kosten scheuen. Das Magazin "c't" rät von dem oft beschriebenen Tipp ab, den Automaten durch Rütteln oder Ziehen am Kartenschlitz zu überprüfen, schließlich seien die Täter in der Nähe und beobachteten den Automaten. So bringe man sich selber in Gefahr, wenn der Automat tatsächlich manipuliert sei.
Zukunft: In Japan experimentieren die Banken mit biometrischen Sicherheitssystemen: Erst wenn ein Scan des Auges oder der Hand mit den gespeicherten Daten übereinstimmt, spuckt der Automat Geld aus. Hacker in aller Welt beweisen aber immer wieder, wie leicht sich auch biometrische Systeme überlisten lassen.

Reisepass: Jeder könnte ein Terrorist sein
Auf diesem Bild sieht man einen Reisepass. Foto: matttilda - Fotolia.com

Fast mehr Speicherplatz als ein iPod? Der neue Reisepass.
Foto: matttilda - Fotolia.com

Heute: Seit November 2007 gibt es den neuen ePass. Neben den schon vorher üblichen Daten, Name, Adresse, Geburtsdatum, werden jetzt auf einem Funkchip (RFID) zwei Fingerabdrücke und das Passbild gespeichert. Für das Passbild gelten neue Anforderungen: neutraler Gesichtsausdruck, keine Haare im Gesicht. Der Hintergrund: die biometrische Gesichtserfassung. Dabei wird das Gesicht elektronisch vermessen und mit diesen Daten kann ein Computer das Gesicht unter Tausenden wiedererkennen. Genau wie ein Fingerabdruck kann das biometrische Gesichtsbild den Inhaber des Reisepasses eindeutig identifizieren.
Gefahren: Der Chip kann berührungslos ausgelesen werden und somit auch unbemerkt, während der Pass in der Tasche steckt. Angeblich funktioniert das aber nur aus nächster Nähe. Trotzdem gab es Gerüchte, dass selbst der Chef des Bundeskriminalamtes seinen Reisepass sicherheitshalber in einer Aluminiumhülle trägt - die schirmt den Chip ab. Alle sensiblen Daten plus Fingerabdrücke und Passfoto auf einem Chip. Der Bundesdatenschutzbeauftragte hat gegen die Einführung protestiert.
Zukunft: Die große Koalition will ab 2009 die Fingerabdrücke auch im Personalausweis. Dafür sollen auch diese Ausweise mit einem Funkchip ausgestattet werden

Tüte Chips: Jetzt neu mit Schnüffelchip

Heute: Werden über den Barcode eingescannt. Dieser EAN (European Article Number) ist sichtbar auf der Packung aufgedruckt und enthält codiert Produkt- und Herstellernummern. Ansonsten nur eine Tüte Chips, außer man verwendet beim Bezahlen eine => Kundenkarte
Gefahren: Keine, zumindest nicht für den Datenschutz.
Zukunft: Im Moment stellen alle Unternehmen ihre Logistik auf Funk-Etiketten (RFID) um. Die Chips identifizieren jedes Produkt eindeutig und lassen sich aus einiger Entfernung auslesen. Die Industrie preist die Vorzüge an: Waren müssten beispielsweise nicht mehr aufs Band gelegt werden, es reicht, den Einkaufswagen zur Kasse zu schieben. Andererseits bergen RFID-Etiketten riesige Gefahren. Von Datenschutzexperten werden sie nur "Schnüffelchips" genannt. Das Problem: Die Etiketten sind fast unsichtbar. Wenn sie nach dem Kauf nicht zerstört werden - und das lehnen Wirtschaftsverbände als "zu aufwändig" ab - lassen sich alle Produkte weiterhin eindeutig identifizieren. Dein Konsumverhalten ist also für jeden mit einem Lesegerät und den nötigen Vergleichsdaten ein offenes Buch. Welche Marken haben Deine Klamotten, was hast Du so im Rucksack, warst Du bei der Konkurrenz einkaufen - all dies könnte ein Geschäftsinhaber herausfinden, sobald man durch die Tür tritt. Die Industrie freuts, Deine Privatsphäre ist futsch.

Kundenkarte: Der Daten-Gau
Auf diesem Bild sieht man eine Iris und einen Fingerabdruck. Foto: doug Olson - Fotolia.com

Auch biometrische Daten sind übrigens nicht Fälschungssicher.
Foto: doug Olson - Fotolia.com

Heute: Unglaublich, wie viele Menschen bei der Aussicht auf ein paar Rabatte jegliche Vorsicht vergessen. Kundenkarten machen Dich zum gläsernen Konsumenten. Jede Flasche Bier und jede Kopfschmerztablette wird verzeichnet. Für die beteiligten Unternehmen eine echte Goldgrube, schließlich gibt's im Leben nix umsonst, und die Mitarbeiter an der Kasse kommen sicher nicht von selbst auf die Idee, tausendmal am Tag "Haben Sie denn auch eine Kundenkarte?" zu fragen. Wer sich um seine Daten sorgt, kann hier eigentlich nur mit einem klaren "Nein!" antworten.
Gefahren: Es gibt einen schwunghaften Handel mit den Kundendaten. Schließlich hast Du ja beim Antrag auf die Kundenkarte dem Datentransfer zugestimmt - im Kleingedruckten. Es lohnt sich, einmal die Geschäftsbedingungen (AGB) der Firmen zu lesen, die die Karten ausgeben. Meist lassen sie sich ungefähr so zusammenfassen: Wir speichern jedes Detail über jeden Einkauf, bei dem Du Deine Kundenkarte zückst. Wir geben die Daten an jeden weiter, der dafür zahlt. Du hast keine Möglichkeit zu kontrollieren, wo Deine Daten schließlich landen. Ob wir die Daten jemals löschen sagen wir nicht. Mit welchen anderen Daten wir unseren Bestand verknüpfen auch nicht. Dafür hast Du schließlich die gehäkelten Topflappen etwas billiger bekommen.
Zukunft: Der Traum jeder Marketing-Abteilung: Alles über Dich zu wissen. Daher wird verstärkt versucht, Daten zu verknüpfen. Aktueller Trend: Online-Unternehmen kooperieren mit Datensammlern aus der realen Welt, vielleicht weiß die Frau an der Fleischtheke also bald, was Du gestern im Internet gemacht hast. Denn bei allem Gerede über "Treue", "Kundenzufriedenheit" und "Vorteilen": Hier wird hart gerechnet, die Firmen vertrauen darauf, dass Du den Wert Deiner Daten nicht kennst. Besonders spaßig wird das dann in Verbindung mit => Funk-Etiketten. Sobald Du einen Laden betrittst, weiß der Inhaber mehr über Dich als Deine beste Freundin.

Handy: Überwachung inklusive

Heute: Jede SIM-Karte und jedes Handy hat eine weltweit eindeutige Seriennummer. Die Seriennummer der SIM-Karte (IMSI, "International Mobile Subscriber Identity") wird bei Vertragsabschluss einer Person zugeordnet - auch bei Prepaidkarten. Handys und andere Mobilfunkgeräte wie beispielsweise die Datenkarten fürs Laptop haben eine IMEI - "International Mobile Equipment Identity". Mit IMSI und IMEI meldet sich das Handy beim Mobilfunknetz an - der Netzbetreiber weiß also immer, welche SIM-Karten und welche Handys gerade in einem bestimmten Bereich sind. Jedes eingebuchte Handy lässt sich bis auf wenige Meter genau orten.
Gefahren: Dein Netzbetreiber weiß, wo Du gerade bist. Mit dem Handy ist man eindeutig identifizierbar - bei Diebstahl oder Verlust also immer die Karte sperren lassen (auch Prepaid). Das Abhören von Handygesprächen ist recht aufwendig. Das können nur Polizeibehörden und Geheimdienste, die eigentliche Kommunikation ist also sicher. Aber: Keine Passwörter oder PINs im Handy speichern. PIN-Abfrage beim Einschalten und Kartenwechsel aktivieren.
Zukunft: Hier schlägt die Vorratsdatenspeicherung ab 2009 richtig zu: Gespeichert wird alles außer den Inhalten. Das bedeutet, dass der Netzbetreiber für jeden Anruf und für jede SMS einen besonderen Datensatz anlegt. Beispiel: Du sendest eine SMS. Dann wird nicht nur gespeichert, wann und an wen Du diese SMS geschrieben hast, sondern auch, in welcher Funkzelle Du Dich zu dieser Zeit befunden hast. Das Ganze wird sechs Monate lang aufbewahrt. Datenschützer befürchten, dass irgendwann auch alle Inhalte der Kommunikation gespeichert werden könnten. Im Moment wären die Datenmengen noch zu groß, aber die Technik entwickelt sich rasant weiter.



von Achim Eidenberg