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KEINE GEHEIMNISSE

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Interview: Markus Gerstmann


Auf diesem Bild sieht man Markus Gerstmann. Foto: bremen4u

"Für ewige Zeiten Spuren im Netz"
Foto: bremen4u

bremen4u-Autor Jens Otto sprach mit Medienpädagogen Markus Gerstmann, Mitarbeiter des ServiceBureaus Jugendinformation in Bremen. Gerstmann beschäftigt sich intensiv mit Datenschutz und dem damit verbundenen Missbrauch in Internet-Communitys. Überrascht zeigt er sich über die Sorglosigkeit vieler junger Menschen.


Was ist aus Sicht des Datenschutzes das große Problem von Communitys wie schülerVT, studiVZ und Co.?

Markus Gerstmann: Communitys leben davon, dass persönliche Daten ins Netz gestellt werden. Und alle Nutzer geben gerne etwas von sich preis. Sie stellen Fotos und sehr Persönliches ein. Die meisten sehen aber die Auswirkungen nicht. Sie denken nicht ausreichend daran, dass Fremde ihre Privatsachen angucken. 30 Prozent aller Arbeitgeber recherchieren mit extra dafür abgestellten Leuten im Internet und bewerten zum Beispiel anhand der Fotos die Bewerber. Viele Sachen sind zwar oft bloß witzig gemeint, kommen aber bei Außenstehenden oft anders an.

Waren Sie anfangs überrascht, was und wie viel manche User über sich verraten?

Ja. Ich hätte gedacht, dass eigentlich niemand der Öffentlichkeit so viel über sich verraten will. Einige Mädchen stellen Bilder von sich in Unterwäsche ein. Diese Aufgabe der Privatsphäre hat mich überrascht. Außerdem habe ich mich gewundert, dass Leute über die Zugehörigkeit zu Gruppen Aussagen, oft politische, treffen, die teilweise recht deutlich sind. Da mussten ja schon Leute zurücktreten, weil sie in den falschen Gruppen waren.

Die Problematik besteht aber eher darin, dass Nutzer ihre Daten freiwillig abgeben, als dass studiVZ oder andere Communitys damit Schindluder treiben würden?

Bis jetzt ist nicht bekannt, dass Schindluder mit den Daten getrieben wird. Ich gehe aber davon aus, dass die Daten der Nutzer langfristig auch benutzt werden. Wenn wie bei den VZs elf Millionen Menschen angemeldet sind, ist das ein wahnsinnig großer Datenbestand und ein riesiges Kapital. Sie können sagen, wer in welcher Stadt welches Hobby hat oder wer welche politische Richtung vertritt. Mithilfe dieser Daten können Leute über Werbung gezielt angesprochen werden. Die Konzerne, wie die Holtzbrinck-Verlagsgruppe, die hinter schülerVZ, meinVZ und studiVZ steckt, werden die Daten zwar wohl nicht verkaufen, aber sicher irgendwann zumindest intern nutzen.

Ist Ihnen schon mal ein Fall untergekommen, in dem jemand wirklich einen Nachteil hatte, weil er etwas von oder über sich in einer Community veröffentlicht hatte?

Der dramatischste Fall, den ich kenne, ist der eines Mädchens aus einem Dorf bei Oldenburg. 100 Leute waren einer Hassgruppe gegen dieses Mädchen bei schülerVZ beigetreten und dort mit Namen und Foto aufgelistet. Wenn das Mädchen ins Jugendzentrum, in die Schule oder zum Einkaufen geht und dort Leute trifft, weiß sie genau, wer sie hasst. Für mich ist das schlimme Psychofolter und Isolierung per Internet.

Für wie nachhaltig halten Sie die Auswirkungen, die die Preisgabe von Persönlichem in Online-Communitys hat? Ist es damit getan, sein Profil einfach zu sperren oder zu löschen und man hat wieder seine Ruhe?

In manchen Fällen ist es mit solch einfachen Mitteln wohl getan. Oft kopieren und speichern andere Nutzer aber auch Daten und Fotos und diese tauchen dann an anderen Stellen wieder auf. Einige Sachen, die man eingestellt hat, sind aus dem Internet nie wieder zurückzuholen. Wer einmal etwas veröffentlicht hat, kann zumindest theoretisch davon ausgehen, dass es für ewige Zeiten Spuren im Netz hinterlässt.

Wie wird sich die Problematik Ihrer Meinung nach in Zukunft entwickeln?

Massiv. Ich glaube, es wird noch viel, viel mehr Daten von einzelnen Personen geben. Das Interesse daran ist einfach da. Die Communitys werden immer mehr Möglichkeiten bieten, wie zum Beispiel integrierte Instant Messenger, und so werden die Nutzer in Zukunft noch mehr animiert, Dinge über sich preiszugeben.



von Jens Otto