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Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs (84)

Dinge, die im Zuge der WM massiv aus der Mode gekommen sind


1.) Brasilien-Trikots

Auf diesem Bild ist ein Ausschnitt von einem Brasilien-Trikot zu sehen.

Gab's günstig im Drogeriemarkt. War aber immer noch teurer als die Shirts von Tschechien und Togo.

Trägt mittlerweile jeder. Sind kein Synonym für Fußball-Feinschmeckertum mehr (dafür hatten wir ja unsere eigenen Jungs) und dienen auch „in keinster Weise“ (J. Klinsmann) mehr als cooles Fashion-Statement, weil das durchschnittliche Brasilien-Shirt mittlerweile für 5 Euro im Supermarkt gekauft wird. Aber das Gelb ist wirklich hübsch.

2.) Fragen nach kommenden möglichen Gegnern

Auf diesem Bild ist der Bundestrainer Jürgen Klinsmann zu sehen.

Der Bundestrainer wird melancholisch: Vor dem Argentinien-Spiel wurde er soeben gefragt, welchen Gegner er sich für das Eröffnungsspiel der Euro 2008 wünscht.

Gähn. Komischerweise war es eine Reporter-Manie (oder ein Befehl vom Chefredakteur), jeden Verantwortlichen vor einem wichtigen Spiel nach dem übernächsten Gegner zu fragen. Klinsmann wurde vor dem Costa-Rica-Spiel zu Polen befragt, vor dem Polen-Spiel zu Ecuador, vor dem Ecuador-Spiel darüber, ob er lieber Schweden oder England hätte und vor dem Schweden-Spiel darüber, ob Argentinien nicht anschließend zu stark sein könnte. Die Antwort lautete immer gleich, und zwar nicht nur im Fall Klinsmann, sondern bei jeder der 32 teilnehmenden Nationen, deren Trainer und Spieler alle dasselbe gefragt wurden: “Wir kümmern uns nur um unseren nächsten Gegner. Danach sehen wir weiter.” Immer wieder diese Antwort. Wem's gefällt...

3.) Fan-ReporterInnen

Auf diesem Bild ist ein Reporter mit südkoreanischen Fans zu sehen.

Das Gesicht dieses Fanreporters sieht zwar nicht so aus, ist aber trotzdem NICHT grotesk angemalt. Der Südkoreaner hinter ihm hat im Drogeriemarkt kein Brasilien-Trikot mehr bekommen, und der Togolese (links) entfacht in diesem Moment daheim eine sehr ernste Patriotismusdebatte.

Kein Tag ohne eine fiebrige Schaltung in irgendeinen Außenbezirk, in die togoische Hauptstadt oder nach Rotenburg/ Wümme. Der Ort war egal, wichtig war nur: Heiser brüllende Fans mit angemalten Gesichtern mussten es sein! Jaaaah, gib sie miiir! Überdreht gebrüllte Sprechchöre auf Spanisch oder Portugiesisch? Jaaaaaah! Wichtig war immer der Beginn einer solchen “Schalte”. Der bestand immer in einer Anmoderation des Moderators, die die Worte “Ausnahmezustand” und “fest in (- - -)...ischer Hand” enthalten musste. Der erste Satz des Reporters wiederum musste standardmäßig so lauten: “Tut mir leid lieber Johannes B. Kerner, ich habe ihre Frage nicht verstanden. Hier ist aber auch soo eine Riesen-Stimmung...!”

4.) Patriotismusdebatten

Auf diesem Bild ist ein Junge zu sehen, der auf seinem T-Shirt, Tausche Schwester gegen Karten fürs Endspiel, zu stehen hat.

Darüber müssen wir wirklich mal ganz ersthaft diskutieren, du. Am besten mit Guido Knopp.

“Deutsch” sein ist vielleicht nach der WM 2006 nicht unbedingt hip oder schick oder angesagt, aber es ist auch nicht mehr schlimm. Wir können ja eh nichts dafür – und dann kann man auch ruhig dazu stehen. Das Deutscheste an dieser WM waren nicht die vielen Flaggen, die Sprechchöre, der Optimismus oder unsere Nationalhymne, sondern die Debatte darüber, ob das alles auch wirklich so okay ist. Natürlich, wir Deutschen! Nicht einfach mal was rauslassen, sondern jedes einzelne Fähnchen unbedingt ganz, ganz kritisch hinterfragen und im Rahmen eines guten Gespräches, am besten im ZDF kurz vor 23 Uhr und unter Mithilfe renommierter Theologen, Kulturwissenschaftler, Theaterregisseure und Guido Knopp kaputtdiskutieren. Hey! Es ging hier nicht um Nationalismus, um einen neuen Patriotismus oder das drohende Wiederauftauchen des “hässlichen Deutschen”! Es ging um eine Fußballmannschaft, die zuweilen ziemlich gut gekickt hat und um die Erkenntnis, dass Fußball sehr viel mehr Laune macht, wenn man sich mit einer Mannschaft identifizieren kann.

5.) WM-Songs

Auf diesem Bild ist Franz Lambert, der sich gerade mit Manni Kaltz unterhält, zu sehen.

Franz Lambert (links) bespricht mit Manni Kaltz die Taktik für das nächste Spiel (WM 1978). Am Tag darauf ereignete sich die “Schande von Cordoba”.

Schon gut. Es hätte wirklich schlimmer kommen können als Sportfreunde Stiller, Grönemeyer und “Football's Coming Home”. Die Älteren von uns haben schon den periodisch wiederkehrenden Ralph Siegel / Udo Jürgens-Schrott überstanden, der meistens auch noch in Tateinheit mit Franz Lambert an seiner Hammond-Orgel (auf der Ladefläche eines LKW über die Laufbahn eines Stadions tuckernd, orgelnd) und den Fischer-Chören (mit dem gesamten Stadion “Horch was kommt von draußen rein?” schmetternd) daherkam. Als unsere Elf mit den Village People sang, waren wir längst immunisiert gegen das musikalische Elend dieser Fußballwelt. Dann kam irgendwann “Three Lions (Football's Coming Home)”, und wir begannen wieder zaghaft zuzuhören.

Auf diesem Bild ist Gotthilf Fischer auf der Bühne zu sehen.

Gotthilf Fischer singt mit dem ganzen Stadion "Horch was kommt von draußen rein!". Meistens kommt keiner – es sind ja schon alle da, und das Stadion ist zu.

Mittlerweile ist es mit dem gelegentlichen Auflegen eines Fußballsongs nicht mehr getan. Der Refrain von “Zeit dass sich was dreht” war während der WM an einem durchschnittlichen Sendetag des ZDF 40 bis 60 mal zu hören, ohne Übertreibung. Die Sportfreunde Stiller wurden herumgereicht bis zum Umfallen, “Three Lions” wurde gespielt, bis der Song zuckend am Boden lag und nicht mehr konnte und den abgekämpften Spielern wurde unmittelbar nach Schlusspfiff aller Spiele mit dem offenbar von oben befohlenen Malträtieren mit einer Fahrstuhlmusik-Version von “Go West” der Rest gegeben.

Ich bin ganz sicher: Viele finden es auch irgendwie ganz gut, dass sich die nächste WM nun voraussichtlich vier Jahre Zeit nimmt.

von Arnd Zeigler