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Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs (93)

Die neue BamS hat mehr Bums!
(...und Paul Breitner ist der Chefknaller...!)


Auf diesem Bild ist der Kolumnist im Schaukelstuhl zu sehen. Hinten an der Wand ein Poster von Ralph Siegel vor einer indischen Tapete mit indischen Meisterschalen drauf. Im Vordergrund rechts: Bundestrainer Derwall.

Der Kolumnist im Schaukelstuhl. Hinten an der Wand ein Poster von Ralph Siegel vor einer indischen Tapete mit indischen Meisterschalen drauf. Im Vordergrund links: Bundestrainer Derwall.

Mit diesem Werbeslogan, der wahrscheinlich zum Besten gehört, was sich Werbestrategen diesseits des Äquators jemals haben einfallen lassen, warb einst eine große Boulevard-Sonntagszeitung (ich verrate aber nicht, WELCHE) für ihren großen Fußballteil. Nimmt man mal die reine Quantität, so hat diese Zeitung wirklich massig Bums. Die Freude am Bamsbums wird allerdings etwas getrübt durch den Chefkolumnisten dieser Sonntagszeitung. Der heißt Paul, hatte mal einen großen Afro auf dem Kopf, war früher linker Verteidiger, und wenn er gerade nicht links verteidigte, griff er links an, indem er sich lesend in seinen Schaukelstuhl setzte, der vor einem großen Mao-Poster stand.


Ich weiß nicht, ob Paul da wirklich IMMER saß, aber es existieren ungefähr 6.000 verschiedene Fotomotive mit Paul vor einem Mao-Poster, also nehmen wir mal an, dass er diesen Stuhl nur zum Linksverteidigen kurz verließ, um sofort nach Schlusspfiff etwas verschwitzt zurück auf das Möbelstück zu klettern. Breitners Kolumnen sind manchmal seltsam, um es nett zu formulieren. Sie bestehen eigentlich immer aus irgendeiner deppensicheren Analyse, die auch von einem Vierjährigen kommen könnte (z.B. nach einer Serie von 20 Spielen ohne Sieg: „Der HSV wird es diese Saison schwer haben!“), verbunden mit einem Gaga-Schlaumeier-Vorschlag, der keinerlei Gehalt haben muss, aber unheimlich unpopulär klingen soll. Zum Beispiel: „Thomas Doll muss sich jetzt mal endlich einen Irokesenschnitt machen lassen, um die Wende herbeizuführen!“.

Auf diesem Bild ist Paul Breitner zu sehen, als er noch nicht ganz so viel Bums hatte. Links im Bild: Irgendein anderer Kolumnist.

Paul Breitner, als er noch nicht ganz so viel Bums hatte. Links im Bild: Irgendein anderer Kolumnist.

Bestechend ist, dass Breitner sich manchmal brachial widerspricht, noch ehe sein Schaukelstuhl einmal vor- und zurückgewippt ist. So ist Thomas Doll nach dem ersten Sieg nicht davor gefeit, am nächsten Sonntag zu lesen: „Es war immer klar, dass der HSV die Kurve wiederkriegen würde! Nun muss Doll nur noch diesen albernen Irokesenschnitt wegmachen, dann wird sofort alles wieder gut!“ Bums. Das Tolle ist, dass Paul B. dieses Erfolgsrezept schon immer konsequent mit Leben gefüllt hat – sogar schon damals, als Linksverteidiger. Das liest sich am besten ab an seinen vielen Zitaten zum Thema „Nationalelf“, aus der er 1974 nach dem WM-Sieg zurücktrat, um endlich mehr Zeit für seinen Stuhl zu haben.

Im Juli 1974 verkündete er: “Mit denen vom DFB bin ich jetzt fertig!“. Sechs Monate später bekräftigte er: „Ich hätte wirklich gerne wieder für Deutschland gespielt. Aber man will mich demütigen. Ich soll vor den Funktionären auf die Knie fallen. Ich habe jetzt die Schnauze voll!“. Interessanterweise dauerte es damals nur wenige Tage bis zu dieser Aussage hier: „Der Ärger mit dem DFB ist erledigt. Ich überlasse es dem Bundestrainer, auf welcher Position er mich einsetzt!“ Acht Monate später (November 1975) folgte: „Das Kapitel Nationalmannschaft ist für mich endgültig gestorben. Ich habe die Nase voll!“.

Auf diesem Bild stellen Siegfried und Roy stolz ihre berühmte Nummer mit dem weißen Pavian vor. Dieses Bild ist versehentlich in die heutige Kolumne gerutscht.

Dieses Bild ist versehentlich in die heutige Kolumne gerutscht. Siegfried und Roy stellen stolz ihre berühmte Nummer mit dem "weißen Pavian" vor.

Obwohl er also mit dem DFB „fertig war“, dann „die Schnauze“ und später auch „die Nase“ voll hatte, überraschte Bums-Breitner bald mit der Ankündigung „Auch wenn ich damals gesagt habe, nie wieder für Deutschland zu spielen, waren das Sprüche, die zu ihrer Zeit volle Gültigkeit hatten. Nur bin ich ein Typ, der sich die Freiheit nimmt, seine Meinung zu ändern!“ (Sept. 1979). So ein Satz will bekräftigt werden, und er wurde: „Ich bin bereit, den ersten Schritt zu tun. Ich werde mit dem Bundestrainer reden!“ (immer noch Sept. 1979).

Wie das Gespräch ausfiel, ist heute nicht mehr rekonstruierbar, denn im selben Monat ging Breitner mit folgenden Worten an die Presse: „Nach reiflicher Überlegung bleibe ich bei meinem getroffenen Entschluss und erkläre hiermit, dass ich niemals mehr in der deutschen Nationalelf spielen werde. Diese Aussage ist endgültig. Es gibt für mich kein Zurück mehr!“.

Der geneigte Leser mag es ebenso ahnen wie der Ungeneigte: Es gab doch eins. Dauerte immerhin etwas über ein Jahr, ehe der Mann im Schaukelstuhl in ein Mikrofon murmelte: „Ein gewisses Interesse meinerseits an einer Rückkehr in die Nationalelf ist da.“ (Jan. 1981). 1982 spielte Breitner bei der WM in Spanien für Deutschland, als wäre nichts gewesen.

Und, wie gesagt: So, wie er aus der Nationalelf zurücktrat, so kolumnet Paul auch: Es geht immer sinnlos hin und her.

Höchstwahrscheinlich liegt das am Schaukelstuhl.

von Arnd Zeigler