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Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs (78)

Saisonziele, oder:
Matthias Scherz sollte sich endlich mal trauen


Auf diesem Bild ist Jan Koller in der Hocke und beschämend mit der Hand vorm Gesicht zu sehen.  

So sieht ein verpasstes Saisonziel aus.

 

Unter vielen denkbaren, dümmlichen Reporterfragen ist sie die strahlende Königin: Die Frage nach dem Saisonziel. Dicht gefolgt vielleicht von "Wie fühlen Sie sich?" oder "Warum konnten Sie die Fehler in der Abwehr wieder nicht abstellen?"


Und dennoch wird sie wieder und wieder gestellt: "Müssen Sie ihr Saisonziel jetzt nicht langsam mal korrigieren?", wird der gestresste Trainer (in diesem Moment nämlich entweder gerade freudetrunken oder am Boden zerstört) von einem Reporter vorwurfsvoll angebellt, der eigentümlicherweise der festen Auffassung ist, ein Trainer stelle seine Mannschaft nicht nach taktischen Gesichtspunkten, sondern vor allem nach den mathematischen Vorgaben der Bundesligatabelle ein.

Dabei wird offenbar angenommen, ein Trainer müsse seiner Mannschaft in der Kabine erklären, dass sie noch dies oder gar das erreichen könne. Da wird überdies ernsthaft vermutet, ein Trainer könne möglicherweise ein Versager sein, weil er es nicht schafft, seinen Profis zu erklären, dass sie theoretisch noch Meister werden können. Anzunehmen ist, dass ein Trainer seiner Mannschaft in erster Linie Dinge erzählt, die notwendig sind, um den nächsten Gegner besiegen zu können – und nicht ausgebuffte Tricks, wie man in vier Monaten eventuell auf Platz 3 steht.

Kein Trainer der Welt denkt beim Austüfteln einer Aufstellung oder taktischen Marschroute an Saisonziele! Und kein Spieler denkt beim Flanken daran, ob er tatsächlich noch Meister werden kann, oder vielleicht nur Vierter - um dann im letzteren Fall unmotiviert ins Nirvana zu flanken. Beider Ziel ist nämlich immer viel eher, besonders gut zu kicken, wenn möglich gar erfolgreich. Und zwar jetzt, hier und auf dem Platz ... und nicht im Mai in der Abschlusstabelle. Im Grunde müsste man als Spieler mal testweise einen gestressten Reporter live on air zurückfragen, ob ihm eigentlich klar ist, dass er bestimmt irgendwann mal einen Journalistenpreis bekommen kann, wenn er ab sofort über einen längeren Zeitraum brillante Interviews abliefert. Was ...? Der Reporter möchte eigentlich nur gerade jetzt mal eben sein Interview gut über die Bühne bringen ...? Aha. Siehste.

Auf diesem Bild ist der Trainer auf dem Rasen sitzend und beschämend mit der Hand vorm Gesicht zu sehen.  

So sieht ein extrem unglücklich vermasseltes Saisonziel aus.

 
Irre ist auch, dass die Saisonziele während einer einzigen Saison ca. 15 mal korrigiert werden müssen, wenn es nach den fragenden Reportern ginge. Wenn ein UEFA-Cup-Anwärter die ersten drei Spiele gewinnt, wird dessen Trainer hektisch in die Enge getrieben, um endlich zuzugeben, dass seine Jungs natürlich in Wirklichkeit Meister werden wollen. Wenn die vereinigte Reporterschar sich wenig später juchzend in den Armen liegt, weil sie gemeinsam eine brave Mittelklassemannschaft zum Geheimfavoriten hochgejazzt hat, verliert die brave Mannschaft in der Regel plötzlich zweimal. Der Trainer wird selbstredend umgehend vorwurfsvoll zum ratlosen Übungsleiter einer Krisenelf degradiert, muss als Angeklagter Rede und Antwort stehen und erklären, warum seine ehemaligen Titelanwärter denn jetzt sogar den UEFA-Cup zu verspielen drohen. "Ist Ihrer Mannschaft nicht bewusst, welche Riesenchance sie da gerade verspielt hat?"

Zwei weitere Niederlagen später heißt es "Müssen Sie jetzt nicht langsam nach unten schauen?".

Das ist auch so ein Phänomen: "Nach unten schauen müssen"! Dahinter steckt die merkwürdige Vorstellung, ein Spieler ginge gegen, sagen wir mal, den VfB Stuttgart ganz anders ins Spiel, wenn er während der Begegnung "nach unten schaut". Ferner steht dahinter wohl auch der romantische Glaube, Reporter könnten eine Tabelle besser lesen als die Spieler, denen man deshalb gönnerhaft erklärt, dass sie besser endlich mal "nach unten schauen" sollten.

Auf diesem Bild ist Peter Neururer zu sehen, wie er mit verschränkten Armen nach oben schaut.   Auf diesem Bild ist Peter Neururer zu sehen, wie er nach unten auf den Boden schaut.

Peter Neururer schaut zu Beginn seiner Engagements immer grundsätzlich nach oben.

 

Nach mehreren Monaten muß er dann auch verstärkt nach unten schauen.


Ganz komisch ist, dass Reporter manchmal wollen, dass der befragte Akteur möglichst weitsichtig und permanent ständig Saisonziele umschmeißt und neu definiert, während es andersrum unter Mikrofonträgern aber auch sehr angesagt ist, beispielsweise Spieler des Tabellenletzten darauf festzunageln, dass es nun aber langsam gar keinen Sinn mehr macht, überhaupt ein Saisonziel zu haben. Verlangt wird zwischen den Zeilen die totale Kapitulation. Die dazugehörige Frage lautet: "Matthias Scherz, war's das?"

Seltsam eigentlich, dass die Matthias Scherze dieser Fußballwelt in solchen Momenten nicht viel öfter mit einem gelassenen, locker geschwungenen Kinnhaken reagieren, damit der Fragesteller besser überlegen kann, ob er nun nicht langsam mal nach unten schauen sollte.

Auf diesem Bild ist Uwe Rapolder zu sehen, wie er bei einem Interview nach unten auf den Boden schaut.

Uwe Rapolder war mal in Köln tätig. Nirgendwo lernt man intensiver, nach unten zu schauen.

von Arnd Zeigler