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Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs (87)

Die Attacke der Killer-Anzeigetafel


Dieses Bild zeigt eine alte Anzeigentafel aus dem Bremer Weserstadion. Foto: Arnd ZeiglerVor vier Jahren, als ich noch klein war, habe ich das Phänomen „Anzeigentafel“ nie verstanden. Damals, als Anzeigetafeln noch in den Kinderschuhen steckten, was auf immens große Füße hindeutete, stand dort eigentlich immer nur, in welchem Stadion man sich gerade aufhält, wer gegen wen spielt und wie es steht. Und wenn es schon irgendwie stand, dann standen da noch die Torschützen.


Hier sieht man eine alte Anzeigetafel auf der 3 Mal Allofs steht. Foto: Arnd ZeiglerAlso stand da etwa: ALLOFS ALLOFS ALLOFS, um nur mal ein Beispiel zu nennen. Ich habe Allofs diese Erfolgerlebnisse von Herzen gegönnt, aber dennoch nicht kapiert, wofür man diese Tafel brauchte. Falls man mitten im Spiel vergisst, wer gegen wen spielt? Falls man beim Bratwurstholen Jubel aufbranden hört und zu doof ist, nach der Rückkehr einen Nichtbratwurstholer zu fragen was passiert ist? Falls man mitten im Spiel nicht mehr so ganz sicher ist, ob man nun 3:0 führt oder 0:3 zurückliegt? Oder falls man gerade gar nicht drauf kommt, ob man im „Olympiastadion München“ ist oder in einem belgischen Seebad?

Hier sieht man eine Anzeigetafel vom HSV. Hier ist viel Werbung zu sehen. Foto: Arnd ZeiglerDie Jahre brachten Licht ins Dunkel dieser meiner kindlichen Grübeleien. Anzeigetafeln wurden qualitativ besser und immer aufwändiger. Mit den heutigen Modellen kann man theoretisch eine Mondlandung durchführen. Vor allem aber heißen sie jetzt „Videowand“ statt „Anzeigetafel“ und können eines ganz besonders gut: Firmennamen einblenden.

Hier sieht man wieder eine alte Anzeigetafel. Name des Stadions, Namen der spielenden Vereine und der Spielstand. Foto: Arnd ZeiglerNun macht es freilich wenig Sinn, einfach nur kommentarlos „Ina’s Mode-Tenne“, „Sanitäreinrichtungen Lübkemann“ oder „Rump & Schmohel“ auf die Wand zu werfen. Also werden Einblendungen verkauft. Heißt: Jemand zahlt Geld dafür, dass „Rump & Schmohel“ auf der Videowand erscheint. In diesem Fall zahlt entweder Rump, oder Schmohel. Weil aber Fans mit der Einblendung „Rump & Schmohel“ weniger anfangen können als mit der Einblendung „ALLOFS“ (die Allofs übrigens immer gratis bekam), werden diese Werbeeinblendungen mit bestimmten Programmpunkten verknüpft. „Rump & Schmohel“ könnten zum Beispiel super die Halbzeitergebnisse präsentieren. Oder das Eckballverhältnis.

Die Anzeige des Weserstadions von 2004. Foto: Arnd ZeiglerBei uns in Bremen knöttert bei Ecken ein imposantes Schiff diagonal über die Videowand. Wer das jemals eigenartig gefunden haben könnte, sollte mal über den Tellerrand hinausblicken und vorher darauf achten, dass der Teller ungefähr bis Hannover reicht. Oder bis Stuttgart (= großer Teller). In Hannover habe ich unlängst beobachten können, dass dort nicht nur das Eckballverhältnis versponsert wurde, sondern auch ganz bizarre Dinge. Eine Biermarke präsentiert den „Karacho-Tacho“, der sich dadurch auszeichnet, dass er völlig sinnfrei die Geschwindigkeit eines beliebigen Schusses misst. Und zwar nicht nur, wenn Tarnat aus 30 Metern losknallt, sondern auch wenn Rump nur einen harmlosen Roller zu Stande bringt oder Schmohel ins Gras tritt dass die Fetzen fliegen. Dann läuft das Spiel weiter, und als man sich gerade über den übernächsten Angriff freut, blinkt grell „KARACHO-TACHO!“ auf der Wand auf und es wird noch einmal gezeigt, wie Schmohel sich den Fuß bricht. Anschließend verkündet die Bierfirma euphorisch, dass der Schuss eine Geschwindigkeit von 54 km/h auf dem „KARACHO-TACHO“ erreichte.

Arnd Zeigler auf der Anzeigetafel des Weserstadions. Foto: StolliDas Problem ist, dass man eigentlich viel lieber auf das Geschehen im 96-Strafraum achten möchte, aber durch das Geflacker auf der Videowand gegen seinen Willen das Gestümper von Rump & Schmohel anstarrt. Und so geht es weiter: In Hannover präsentiert eine Firma sogar „die aktuelle Mitgliederzahl“, und zwar dauernd. Einzige Erkenntnis dieser Zahl: Zwischen der 22. und der 40. Minute hat sich niemand neu angemeldet. Das Highlight (und das denke ich mir jetzt nicht aus!) passierte, als Werder Bremen einen nicht ganz unumstrittenen Elfmeter zugesprochen bekam: Auf der Videowand leuchtete in weiß auf schwarz www.todesanzeigen.de auf. Ich schwöre.

Bei Computerspielen muss seit langen Jahren vorschriftsmäßig eine Epilepsie-Warnung im Booklet stehen, weil das Geflimmer im dümmsten Fall einen Anfall auslösen kann.

Die Anzeigetafen der  WM 1986 in Mexiko. Foto: Arnd ZeiglerIch komme an dieser Stelle auf dieses bestürzend fußballferne Thema, weil ich bei einem Stuttgart-Besuch spontan an diese Epilepsie-Warnung denken musste. Denn in Stuttgart gibt es nicht nur Karacho-Tachos, Eckballverhältnisse und Todesanzeigen, bezahlte Mitgliederzahleneinblendungen oder von Küchenstudios präsentierte Zuschauerzahlen. In Stuttgart gibt es Farbgeballer nonstop. Wenn die eine Einblendung vorbei ist, kommt die nächste, und wenn das Küchenstudio dran war, flackert nahtlos eine Gebäudereinigungsfirma auf, und dann ein Schlüsseldienst. Neunzig Minuten lang. Flacker – blitzel - flacker – aufleucht - flacker. Am Ende hat man möglicherweise einem tollen 4:4 beigewohnt, ist aber völlig traumatisiert durch das Geflacker, sieht auch mit geschlossenen Augen noch fluoreszierende Spiralen vor sich und wankt groggy nach Hause.

Die spartanische Anzeigetafel des FC St.Pauli. Foto: Arnd ZeiglerFür die Gästefans ist das ein bisschen schade. Die schwäbischen Fußballfreunde dagegen finden das gar nicht so schlimm. Zum einen haben sie sich an die psychedelischen Farborgien in ihrem Stadion notgedrungen gewöhnt. Und zum anderen wünschen sich viele statt eines normalen VfB-Heimspiels lieber einen zünftigen Anfall.


von Arnd Zeigler