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Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs (87)
Die Attacke der Killer-Anzeigetafel
Vor
vier Jahren, als ich noch klein war, habe ich das Phänomen „Anzeigentafel“
nie verstanden. Damals, als Anzeigetafeln noch in den Kinderschuhen
steckten, was auf immens große Füße hindeutete, stand dort eigentlich
immer nur, in welchem Stadion man sich gerade aufhält, wer gegen wen
spielt und wie es steht. Und wenn es schon irgendwie stand, dann standen
da noch die Torschützen.
Also
stand da etwa: ALLOFS ALLOFS ALLOFS, um nur mal ein Beispiel zu nennen.
Ich habe Allofs diese Erfolgerlebnisse von Herzen gegönnt, aber dennoch
nicht kapiert, wofür man diese Tafel brauchte. Falls man mitten im
Spiel vergisst, wer gegen wen spielt? Falls man beim Bratwurstholen
Jubel aufbranden hört und zu doof ist, nach der Rückkehr einen Nichtbratwurstholer
zu fragen was passiert ist? Falls man mitten im Spiel nicht mehr so
ganz sicher ist, ob man nun 3:0 führt oder 0:3 zurückliegt? Oder falls
man gerade gar nicht drauf kommt, ob man im „Olympiastadion München“
ist oder in einem belgischen Seebad?
Die
Jahre brachten Licht ins Dunkel dieser meiner kindlichen Grübeleien.
Anzeigetafeln wurden qualitativ besser und immer aufwändiger. Mit
den heutigen Modellen kann man theoretisch eine Mondlandung durchführen.
Vor allem aber heißen sie jetzt „Videowand“ statt „Anzeigetafel“ und
können eines ganz besonders gut: Firmennamen einblenden.
Nun
macht es freilich wenig Sinn, einfach nur kommentarlos „Ina’s Mode-Tenne“,
„Sanitäreinrichtungen Lübkemann“ oder „Rump & Schmohel“ auf die Wand
zu werfen. Also werden Einblendungen verkauft. Heißt: Jemand zahlt
Geld dafür, dass „Rump & Schmohel“ auf der Videowand erscheint. In
diesem Fall zahlt entweder Rump, oder Schmohel. Weil aber Fans mit
der Einblendung „Rump & Schmohel“ weniger anfangen können als mit
der Einblendung „ALLOFS“ (die Allofs übrigens immer gratis bekam),
werden diese Werbeeinblendungen mit bestimmten Programmpunkten verknüpft.
„Rump & Schmohel“ könnten zum Beispiel super die Halbzeitergebnisse
präsentieren. Oder das Eckballverhältnis.
Bei
uns in Bremen knöttert bei Ecken ein imposantes Schiff diagonal über
die Videowand. Wer das jemals eigenartig gefunden haben könnte, sollte
mal über den Tellerrand hinausblicken und vorher darauf achten, dass
der Teller ungefähr bis Hannover reicht. Oder bis Stuttgart (= großer
Teller). In Hannover habe ich unlängst beobachten können, dass dort
nicht nur das Eckballverhältnis versponsert wurde, sondern auch ganz
bizarre Dinge. Eine Biermarke präsentiert den „Karacho-Tacho“, der
sich dadurch auszeichnet, dass er völlig sinnfrei die Geschwindigkeit
eines beliebigen Schusses misst. Und zwar nicht nur, wenn Tarnat aus
30 Metern losknallt, sondern auch wenn Rump nur einen harmlosen Roller
zu Stande bringt oder Schmohel ins Gras tritt dass die Fetzen fliegen.
Dann läuft das Spiel weiter, und als man sich gerade über den übernächsten
Angriff freut, blinkt grell „KARACHO-TACHO!“ auf der Wand auf und
es wird noch einmal gezeigt, wie Schmohel sich den Fuß bricht. Anschließend
verkündet die Bierfirma euphorisch, dass der Schuss eine Geschwindigkeit
von 54 km/h auf dem „KARACHO-TACHO“ erreichte.
Das
Problem ist, dass man eigentlich viel lieber auf das Geschehen im
96-Strafraum achten möchte, aber durch das Geflacker auf der Videowand
gegen seinen Willen das Gestümper von Rump & Schmohel anstarrt. Und
so geht es weiter: In Hannover präsentiert eine Firma sogar „die aktuelle
Mitgliederzahl“, und zwar dauernd. Einzige Erkenntnis dieser Zahl:
Zwischen der 22. und der 40. Minute hat sich niemand neu angemeldet.
Das Highlight (und das denke ich mir jetzt nicht aus!) passierte,
als Werder Bremen einen nicht ganz unumstrittenen Elfmeter zugesprochen
bekam: Auf der Videowand leuchtete in weiß auf schwarz www.todesanzeigen.de
auf. Ich schwöre.
Bei Computerspielen muss seit langen Jahren vorschriftsmäßig eine
Epilepsie-Warnung im Booklet stehen, weil das Geflimmer im dümmsten
Fall einen Anfall auslösen kann.
Ich
komme an dieser Stelle auf dieses bestürzend fußballferne Thema, weil
ich bei einem Stuttgart-Besuch spontan an diese Epilepsie-Warnung
denken musste. Denn in Stuttgart gibt es nicht nur Karacho-Tachos,
Eckballverhältnisse und Todesanzeigen, bezahlte Mitgliederzahleneinblendungen
oder von Küchenstudios präsentierte Zuschauerzahlen. In Stuttgart
gibt es Farbgeballer nonstop. Wenn die eine Einblendung vorbei ist,
kommt die nächste, und wenn das Küchenstudio dran war, flackert nahtlos
eine Gebäudereinigungsfirma auf, und dann ein Schlüsseldienst. Neunzig
Minuten lang. Flacker – blitzel - flacker – aufleucht - flacker. Am
Ende hat man möglicherweise einem tollen 4:4 beigewohnt, ist aber
völlig traumatisiert durch das Geflacker, sieht auch mit geschlossenen
Augen noch fluoreszierende Spiralen vor sich und wankt groggy nach
Hause.
Für
die Gästefans ist das ein bisschen schade. Die schwäbischen Fußballfreunde
dagegen finden das gar nicht so schlimm. Zum einen haben sie sich
an die psychedelischen Farborgien in ihrem Stadion notgedrungen gewöhnt.
Und zum anderen wünschen sich viele statt eines normalen VfB-Heimspiels
lieber einen zünftigen Anfall.
von Arnd Zeigler