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Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs (74)

„Fotobeweise“ selbst gemacht, oder:
„Aus“ is’, wenn die Haupttribüne brüllt -Teil 2


Im vergangenen Heft habe ich auf die absolute Fragwürdigkeit angeblicher „eindeutiger Fotobeweise“ hingewiesen und quasi alle 10 Finger in irgendwelche Wunden gelegt, die sonst unter den Teppich gekehrt worden wären (Paul Breitner). In den letzten Tagen ist wieder ein Fall dazugekommen, der – wie eigentlich alle strittigen Situationen auf mitteleuropäischen Fußballplätzen in den letzten drei Wochen - mit dem 1. FC Kaiserslautern zu tun hat. Der Duisburger Caligula (oder so ähnlich) war im Lauterer Strafraum mitleiderregend gefallen, aber das wohl völlig freiwillig. Elfmeter gab es trotzdem. Über die Schwalbe waren sich im Grunde alle einig. Erstaunlicherweise aber druckte eine große Boulevardzeitung am Tag danach das hier ab:

Ausschnitt aus der Bild.

Ausschnitt aus der Bild.


Der „Fotobeweis“ verliert allerdings einiges von seiner Schnuckeligkeit, wenn man ihn sich genauer ansieht (was man wohl besser nie tun sollte, wenn man den Glauben an die Seriosität der Boulevardjournaille nicht erschüttern will):

Linker Fuß (rot) soll rechten Fuß (weiß) gefoult haben. Der rechte Fuß mitsamt dem restlichen Körper bekommt jedenfalls einen Elfer. Schlagt mich ruhig, aber: Sieht man nicht vielmehr nur, dass der rechte Fuß auf den linken drauftritt? Für „auf den Fuß getreten werden“ gibt es allerdings normalerweise keinen Elfer. Voll der Beweis.  

Linker Fuß (rot) soll rechten Fuß (weiß) gefoult haben. Der rechte Fuß mitsamt dem restlichen Körper bekommt jedenfalls einen Elfer. Schlagt mich ruhig, aber: Sieht man nicht vielmehr nur, dass der rechte Fuß auf den linken drauftritt? Für „auf den Fuß getreten werden“ gibt es allerdings normalerweise keinen Elfer. Voll der Beweis.

 

Die Fußball-Weltgeschichte ist voll von Fotos, die angeblich irgendetwas „eindeutig belegen“. Dummerweise belegen die meisten von ihnen nur, dass man in jede Perspektive etwas hineininterpretieren kann, was möglicherweise gar nicht zu sehen ist.

Und das möchte ich mit einem sensationellen Selbstversuch abschließend kurz belegen. Ich habe auf meiner Playstation ein paar umstrittene Szenen aus verschiedenen Perspektiven fotografiert. Jede könnte für sich als „eindeutiger Bildbeweis“ genommen werden. Also mal los:

Hier würden Boulevard-Reporter von einem eindeutigen Beleg für ein klares Tor schreiben, gell?   Dies ist derselbe Moment aus anderer Sicht. Hoffen wir für den Boulevard-Reporter, dass dieses Foto nirgendwo auftaucht.

Hier würden Boulevard-Reporter von einem eindeutigen Beleg für ein klares Tor schreiben, gell?

 

Dies ist derselbe Moment aus anderer Sicht. Hoffen wir für den Boulevard-Reporter, dass dieses Foto nirgendwo auftaucht.


Zwei „Bildbeweise“ also hätten wir schon mal. Einen für „klares Tor“, einen für „klar auf der Linie“. Beide zeigen dieselbe Hundertstelsekunde. Noch ein Beispiel:

Hier würde ein TV-Reporter möglicherweise aufjauchzen „Nie und nimmer mit vollem Durchmesser über der Linie!“   ...eine Behauptung, die allerdings schon durch diesen minimal veränderten Blickwinkel völlig pulverisiert wird.

Hier würde ein TV-Reporter möglicherweise aufjauchzen „Nie und nimmer mit vollem Durchmesser über der Linie!“

 

...eine Behauptung, die allerdings schon durch diesen minimal veränderten Blickwinkel völlig pulverisiert wird.


Zurück zum richtigen Fußball-Leben: Schön ist ja, dass selbst modernster Technik-Schnickschnack das Problem nicht lösen kann.

Bild aus dem Pokal-Viertelfinale Bayern München - Mainz05.  

Bild aus dem Pokal-Viertelfinale Bayern München - Mainz05.

 

Nehmen wir mal dieses Bild aus dem Pokal-Viertelfinale Bayern München – Mainz 05. Ze Roberto schießt gleich einen Freistoß. Die Torentfernung beträgt laut ZDF 19,10 m.

Wenn wir uns mal die Strafraumlinie anschauen, die im Allgemeinen laut Regelbuch 18 Yards misst, also etwa 16 Meter 45, dann kommen wir selbst unter Berücksichtigung der leicht schrägen Position des Balles zum Tor zu dem Resultat, dass das Spielgerät laut ZDF also genau 2.65 m vor der Strafraumlinie liegen muss.

Komisch nur:

  Ist Zé Roberto 3 Meter groß?
 

Ist Zé Roberto 3 Meter groß?

Wenn der Ball hier tatsächlich 2,65 m von der Strafraumlinie entfernt liegt, dürfte Zé Roberto gut 3 Meter groß sein.

Gratulieren wir Drei-Meter-Zé-Roberto an dieser Stelle in aller Form zu einer vom ZDF per Computertechnik belegten völlig ungewohnten Kopfballstärke.

von Arnd Zeigler