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Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs (106)

Zahnärzte, Finanzamt-Sachbearbeiter, Fußballkommentatoren.


Es gibt nur wenige Berufe, in denen man für sein Wirken ausschließlich Beifall erhält. Andersherum gibt es dafür, und das ist eigentlich vom Berufegott bemerkenswert ungerecht erdacht worden, gleich Hunderte von Gegenbeispielen, wenn nicht gar Dutzende: Berufe, in denen man vorwiegend laute Pfiffe, unwilliges Murren und beißende Kritik erntet.


Der Beruf des Fußball-Kommentatoren ist so einer. Anders als beim Mittelstürmer eines Spiels, den meistens nur der eine Teil der Zuschauer doof findet, ist der Reporter eines wichtigen Spiels anschließend die Zielscheibe aller Fans. Was es für den Mann am Mikrofon so undankbar macht: Die Gründe sind mannigfaltig und variieren. Reporter werden kritisiert wegen ihrer Stimme, ihrer geografischen Herkunft, ihrer vermeintlich mangelnden Sachkenntnis, wegen zuviel Emotionalität, zuwenig Emotionalität ... oder weil sie Bastian Schweinsteiger und Gerald Asamoah optisch nicht auseinander halten können (ich nenne an dieser Stelle mal besser keine Namen).

Auf diesem Bild sieht man den Fußballkommentator Marcel Reif. Foto: Zeigler

Marcel Reif ist gleich aus zwei Gründen doof: Er ist Bayernfan und Bayernhasser.

Eine Sonderstellung nimmt allerdings Marcel Reif (Premiere) ein. Bei dem ist nicht das Problem, dass er handwerklich unbegabt wäre, sondern dass er nach Meinung aller Bayern-Fans ein Bayern-Hasser sei, der ihrem Lieblingsteam jeden noch so wohlgemeinten Spielzug madig macht und nach Ansicht des Restes der Republik ein Bayern-Fan, der die Roten unverhältnismäßig lobt. Wenn Bayern München vom AC Mailand auseinandergenommen wird, dann beschweren sich am Mittwoch in einer großen, bunten Sportzeitung alle Leser darüber, wie mies Reporter Reif war, weil der kein gutes Haar an den Bayern lassen konnte: „Soll er doch nach Italien gehen, dieser Nörgler!“. Wenn die Bayern im Rückspiel den AC Mailand schlagen, dann steht in derselben Zeitung am Mittwoch darauf: „Unerträglich, wie er die Bayern beweihräuchert hat!“.

Auf diesem Bild sieht man den Fußballkommentator Günther Koch. Foto: Zeigler

Günther Koch in einer etwas ruhigeren Sekunde.

Der Nürnberger Günther Koch polarisiert wie kein Zweiter. Als Kind (ich bin quasi mit ihm aufgewachsen) dachte ich: „Der Mann muss ein Wahnsinniger sein!“ und hatte manchmal etwas Angst vor ihm. Heute habe ich manchmal immer noch etwas Angst vor ihm, bin mit ihm befreundet und habe die Gewissheit: Ja, er ist wahnsinnig! Und das ist auch gut so, denn wir Fans sind es ja auch, und deshalb mag ich es, wenn da ein Reporter sitzt, der jubiliert, jammert, schreit, wimmert, sich ereifert und dann hörbar wieder fängt, um sich von der nächsten tollen Szene wieder davontragen zu lassen. Ich möchte als Hörer am Radio niemanden haben, der mir das Spiel erklärt, ebenso wenig wie ich jemanden haben möchte, der mir das Gefühl gibt, zwar das Spielgeschehen, nicht aber die Atmosphäre geschildert zu bekommen. Bei Koch lebt nicht nur die Reportage. Es lebt das Spiel, und der Ball spricht.

Letztlich ist all das natürlich alles Geschmackssache. Und weil die Geschmäcker verschieden sind, werden der Einfachheit halber alle Fußballkommentatoren aus unterschiedlichen Gründen angefeindet. Immer schon. Oft nach dem Muster: „Ich finde den irgendwie doof. Schon immer. Weiß auch nicht warum...!“ Deshalb hier ein paar Namen aus den vergangenen Jahrzehnten mit den meistgenannten Gründen für die Ablehnung ihres Reportagestils: Gerhard Delling wird gedisst, weil er sich in unkomischen Wortspielerein verliert. Jörg Dahlmann wird gedisst, weil er zu emotional ist. Heribert Fassbender, weil er Heribert Fassbender ist. Rolf Kramer, weil er zu wenig emotional ist. Dirc Seemann, weil er vom Timbre her immer so klingt, als würde er im nächsten Moment zu einem Shanty ansetzen. Werner Hansch, weil bei ihm seit Jahren jeder dunkelhäutige Spieler grundsätzlich „Amoroso“ ist. Mehrere Dutzend von arena-Reportern, weil sie nie einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Steffen Simon, weil er Sportchef ist. Und Michael Steinbrecher wegen seiner Haare.

Auf der Suche nach einer allgemeingültigen Grundregel für das Gutfindpotenzial eines Fußballreporters stößt man letztlich auf einen gemeinsamen Nenner, der beinahe nichts mit Stimme, Fachwissen oder persönlichen Vereinsvorlieben des Kommentators zu tun hat: Fußball ist sinnlich. Und weil das so ist, mögen wir a) die Spieler, die sich sichtlich ärgern, freuen, identifizieren, Gas geben, sich hängen lassen, erregt Blödsinn in Mikrofone japsen um mit kühlem Kopf dann plötzlich sehr schlau zu reden, und die dann mit alledem wieder von vorne anfangen. Genau dasselbe gilt für Reporter. Wem man diese Sinnlichkeit nicht zutraut, weil er die Aura eines introvertierten Mathelehrers kurz vor der Pensionierung innehat, von dem möchte man eigentlich auch kein Fußballspiel erklärt bekommen – und wenn er noch so gut Mathe kann.

Wir Fans sind beim Zuhören in einer misslichen Lage. Wir wollen einerseits keinen austauschbaren Langweiler, aber auch keine Diva am Mikrofon haben. Wir wollen keinen, der weniger vom Fußball weiß als wir selbst, aber auch niemanden, der uns sein überbordendes Fachwissen in jedem Satz um die Ohren flatscht. Analog dazu haben die Reporter das Problem, nicht austauschbar sein zu dürfen, ohne sich jedoch verbal in den Vordergrund zu drängeln, und dabei zwar gut informiert, aber kein Oberlehrer zu sein, emotional, aber nicht penetrant, und im entscheidenden Moment möglichst auf Seiten meiner Lieblingsmannschaft. Die Quadratur des Kreises ist dagegen eine Tupperwarenparty.

von Arnd Zeigler