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Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs (98)

Unterschätzte Fußballkrankheiten –
Heute: Der Wink-Zwang


Auf diesem Bild sieht man einen Screenshot des ZDF-Sportstudios. Man sieht die Kommentatoren und im Hintergrund zwei Fußballfans, die an der Scheibe des Studios kleben. Foto: Zeigler

Ein klassischer Wink-Vorfall, neulich in Düsseldorf. Die beiden Deutschland-Fans (Kreis) entdecken zu ihrer Verwunderung, dass es in einem ZDF-Studio eine Kamera gibt.


Auf diesem Bild sieht man einen Screenshot des ZDF-Sportstudios. Man sieht die Kommentatoren und im Hintergrund besagte zwei Fußballfans, die nun an der Scheibe des Studios kleben und wie wild winken. Foto: Zeigler

Ungefähr 0,6 Sekunden später wird gewunken.


Auf diesem Bild sieht man einen Screenshot des ZDF-Sportstudios. Man sieht die Kommentatoren und im Hintergrund einen der beiden Fußballfans, der nun auf sein Deutschlandtrikot deutet. Foto: Zeigler

Berauscht vom Zauber des Spontanwinkens trägt es den Fan davon. Er will ganz Deutschland, nein, der ganzen Welt zeigen, was für ein abgefahrener Typ er ist: Er trägt ein Deutschland- Trikot! Irre!


Der schon ca. gegen 1964 entstandene Drang, bei vermuteter Anwesenheit einer Kamera sofort mechanisch und zwanghaft zu winken, ist beim Homo Sapiens in unserer Zeit irreparabel verwurzelt.


Allerdings: In unsere Stadien hat dieses Phänomen erst in den letzten Jahren Einzug gehalten. Genau genommen: Seit es Stadion-TV und damit die Möglichkeit gibt, sich selbst auf der großen Videowand zu sehen, wenn der nette Kameramann mal vorbeischaut. Und seit es Fernsehsender gibt, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, neben dem Spielgeschehen auch möglichst viele selbstachtungsfreie Winkdeppen auf den Rängen einzufangen.

Die Symptome des Wink-Zwanges sind nicht selten bestürzend. Der Winkende (Lat. „Stadium Winkespacko Zombius“) vergisst in diesen Momenten alles um sich herum und verspielt nicht selten den über Jahre mühsam erworbenen Respekt seines sozialen Umfeldes.

Denn merke: Wenn ich auf der Straße einem Freund zuwinke, kann dies durchaus als Geste der Höflichkeit oder gar Zuneigung gewertet werden. Wenn ich jedoch in einer Fußball-Arena in eine Kamera winke, weil ich WINKEN!!! ... MUSS!!! ... WINKEN!!! ... MUSS!!! ... WINKEN!!! ...MUSS!!! ... MUSS!!! ... KAMERA!!!! … DA!!!!…MUSS DOCH!!! ...                                                      WINKEN!!! ... oh, Verzeihung.

Und so funktioniert es:
Auf diesem Bild sieht man einen Fußballfan mit Werder-Muetze und -Schal, der nichtsahnend aus einem Pappbecher trinkt. Foto: Zeigler

Der Winker in spe ahnt noch nichts vom sich anbahnenden Nervenkitzel: Eine Kamera hat ihn im Visier! (Szene nachgestellt)


Auf diesem Bild sieht man einen Fußballfan mit Werder-Muetze und -Schal, der einen ziemlichen Flunsch zieht. Foto: Zeigler

Der Winker in spe ahnt immer noch nichts vom sich anbahnenden Nervenkitzel. (Szene immer noch nachgestellt)


Auf diesem Bild sieht man den Fußballfan mit Werder-Muetze und -Schal, der nun recht irritiert in die Gegend schaut. Foto: Zeigler

Der Winker in spe merkt, dass irgendetwas vor sich geht. Er wird von acht umstehenden Personen gleichzeitig in die Rippen geknufft, kann die Berührungen jedoch nicht inhaltlich zuordnen und ignoriert sie.


Auf diesem Bild sieht man einen Fußballfan mit Werder-Muetze und -Schal, der erschrocken sein Abbild auf der Videoleinwand entdeckt. Die Augen sind weit aufgerissen. Foto: Zeigler

Der bis vor kurzem noch normale Fan sieht sich auf der Videowand. Nichts ist mehr, wie es einmal war.


Auf diesem Bild sieht man den Fußballfan mit Werder-Muetze und -Schal, der endlich kapiert hat, dass von ihm nur eins verlangt wird: winken. Er hat die Hand gehoben, die Mütze ist ins Gesicht gerutscht und der Mund weit aufgerissen. Foto: Zeigler

Vorgang abgeschlossen: Eingeschüchtert, in Trance und dennoch glücklich wird der Winker seiner natürlichen Bestimmung gerecht – er winkt!

Also noch mal: Wenn ich im Stadion in die „arena“-Kamera winke, vergesse ich in diesem Moment, dass ich nicht meinem Kumpan auf der anderen Straßenseite zuwinke, sondern (im Falle einer Live-Übertragung im Fernsehen) z.B. auch dem unfreundlichen Hausmeister meines Hauses, meinem Mathelehrer, der unsympathischen Frau meines Mathelehrers, dem sabbernden Hund meines Hausmeisters, Florian Silbereisen, dem Spitzenkandidaten der NPD in Thüringen und meinem Sachbearbeiter im Finanzamt. Und – will ich das? Nö.

Erschwerend kommt dazu, dass das Winken in nahezu allen Fällen suboptimal abläuft und mich optisch zu einem Vollidioten macht. Das liegt erstens daran, dass die Kamera gefühlte 30 Sekunden auf mir ruht, ehe ich bemerke, dass mir dummerweise das gesamte Stadion (und im dümmsten Fall alle der Eurovision angeschlossenen 89 Länder) gerade dabei zuschaut, wie ich mir mit beiden Händen gleichzeitig Essensreste aus den Backentaschen klaube. Nicht schön. Meistens wird man dann von seinem Stadionnachbarn angestupst („Hey, guck mal: Du bist auf der Videowand! Deine Essensreste auch!“) und schreckt auf. Anschließend benötigt man eine knappe Minute, um die Situation geistig zu erfassen. Und schließlich beginnt man (weil – irgendwas muss man ja tun. Es schauen ja schließlich genug Leute zu, und die haben eine Erwartungshaltung!) hektisch zu winken und dabei hirnlos zu lachen.

Schließlich, und das ist das finale Problem, winkst Du jedoch in die falsche Richtung, weil Du in dieser Situation generell vergisst, dass Du nicht von der Videowand gefilmt wird, sondern von der Kamera, die sich drohend keine 25 Zentimeter vor Deiner Nase aufgebaut hat, um Dich vor Millionen von Zeugen zum Voll-Schimpansen zu machen. Optisch hat das zur Folge, dass etliche tausend Menschen Deine bis vor kurzem noch psychologisch unauffällige Gestalt dabei beobachten, wie Du enthemmt und sinnfrei, aber völlig begeistert ins Nichts winkst.

Das Problem ist, dass man immer und grundsätzlich unvorbereitet ins Visier der Wink-Kamera gerät. Der Ernstfall lässt sich deshalb auch nur schwer trainieren. Versuche mit dem prophylaktischen euphorisierten Winken in automatische Kameras, die man zuweilen in größeren Städten am Straßenrand sehen kann, sollte man freilich besser verwerfen.

von Arnd Zeigler