Inselhopping auf Ostfriesisch
Vor einiger Zeit knöpfte sich die WESER-KURIER-Redakteurin
Christine Kröger für eine Artikel-Serie die Ostfriesischen Inseln
vor. Sie berichtete über die Geschichte und vor allem über die Menschen
der Inseln. Das Ergebnis ihrer Recherchen war viel zu schade, um
im Altpapier zu landen. Und so entstand daraus das Buch „Typisch
Insel – Die sieben Ostfriesischen Inseln und ihre Menschen“. Die
Texte sind Auszüge aus diesem Buch.
Die Autorin
Christine Kröger arbeitet als Redakteurin für WESER-KURIER, Bremer
und Verdener Nachrichten. Einen Namen gemacht hat sie sich vor
allem durch ihre Reportagen über Land und Leute. Aufsehen erregte
ihr Buch „Sie marschieren wieder …“ über die Neonazi-Szene in
Bremen und Niedersachsen, das sie u.a. mit ihrer Kollegin Anke
Landwehr schrieb und das aus einem Themenschwerpunkt des WESER-KURIER
entstand. Christines Passion gilt aber auch maritimen Themen.
2003 wurde die gebürtige Südoldenburgerin mit einem Journalistenpreis
ausgezeichnet. Die Jury würdigte ihre zehnteilige Artikelserie
rund um die Weser - von der Weserrenaissance über Atomkraftwerke
am Fluss bis zum Fährverkehr. Die folgenden Texte stammen aus
dem Buch „Typisch Insel – Die sieben Ostfriesischen Inseln und
ihre Menschen“ aus dem Jahr 2004.
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„Bei schlechtem Wetter kommt man schneller von Borkum nach
Mallorca als nach Spiekeroog.“
Die ostfriesischen Inseln.
Foto: Cover
Moin,
und herzlich willkommen auf den Ostfriesischen Inseln. Vielleicht
sitzt ihr gerade in einem Strandkorb auf Baltrum oder lasst eure
Seele baumeln bei einer Teezeremonie auf Norderney? Und träumt dabei
vor euch hin. Den Traum, einmal alle sieben Ostfriesischen Inseln
kennen zu lernen. Sieben auf einen Streich.
Gar nicht so einfach, sagt jetzt, wer sich ein bisschen auskennt.
Inselhopping auf Ostfriesisch - das ist schwierig. Die Gezeiten
machen regelmäßige Fährfahrten zwischen den sieben Schwestern unmöglich.
Immerhin verkehren im Frühjahr und Sommer Ausflugsschiffe zwischen
einigen Inseln. Dann gibt es noch die kleinen Flieger der ostfriesischen
Luftverkehrsgesellschaften. Die sind bei fast jedem Wetter unterwegs,
wenn sie auch nicht ganz billig sind.
Macht es euch einfach mit diesem Special: Inselhopping vom oldenburgischen
Staatsbad Wangerooge, das 2004 sein 200-jähriges Bestehen gefeiert
hat, bis Borkum, wo Deutschland im Meer endet. Weil auf diesen kleinen
Eilanden nichts den Blick verstellt, gewinnt man hier besonders
gut eine Vorstellung von der großen weiten Welt.
Die Inseln laden ein, über das ständige Werden und Vergehen nachzudenken.
So hielt es schon der römische Geschichtsschreiber Plinius der Ältere,
der von 23 bis 79 nach Christus lebte: „Hier überflutet der Ozean
zweimal binnen Tag und Nacht in ausgebreiteter Flut einen unermesslichen
Landstrich und verursacht einen ewigen Streit der Natur, so dass
man nicht weiß, ob diese Gegend zum festen Land oder zum Meer gehört.“
Wer sich darauf einlässt, die herbe Schönheit des Nordens zu erleben,
wer sich nach dem Besonderen im Vertrauten mehr sehnt als nach 35
Grad auf Mallorca oder Fuerteventura, der ist genau richtig auf
den „Perlen der Nordsee“.
Perlenkette vor der grünen Marsch
Sie gehören zum Bundesland Niedersachsen, dem sie offenbar lieb
und teuer sind. Das Land hat sie in den „Nationalpark Niedersächsisches
Wattenmeer“ gepackt. Sperrige Worte für eine faszinierende Region,
deren Flora und Fauna auf der ganzen Welt einzigartig ist. Der Naturraum
bietet seltenen Tieren und Pflanzen idealen Schutz. Hier rasten,
brüten und fressen Millionen Vögel. Der Besucher darf das staunend
betrachten und dabei selbst zur Ruhe kommen.
Wie eine Perlenkette liegen die Ostfriesischen Inseln mit ihren
hellen Sandstränden und ihren hohen Dünen vor der grünen Marsch
und dem grauen Watt. Über Jahrtausende geschaffen von den Gezeiten
und noch immer in Bewegung. Der Wind treibt den Sand nach Osten
und knabbert die Westküsten an. Besonders an unbefestigten Vogelinseln
wie Memmert oder Lüttje Hörn ist das gut zu beobachten. Sie sind
- vom Vogelwart abgesehen - unbewohnt, genau wie Minsener Oog und
Mellum. So betrachtet sind es auch nicht nur sieben, mit diesen
vier Naturparadiesen hat Niedersachsen elf Inseln. Hinzu kommen
Sandbänke, die manchmal fast wie Inseln aussehen. Wie die Kachelotplate,
die schon als „achte Ostfriesische Insel“ durch die Gazetten geisterte.
Eine Zeitungsente ist das gewesen, auf den Inseln soll man kräftig
gelacht haben über die angebliche neue Schwester. Experten halten
es für wahrscheinlich, dass schon die nächste große Sturmflut die
Kachelotplate wieder bezwingt.
Es ist unsicheres Land, das seinen Bewohnern eine Gelassenheit abverlangt,
die man anderswo kaum findet. „Gelassen inmitten der Wogen“ („Mediis
tranquillus in undis“) heißt es nicht von ungefähr im Wappen Borkums.
Eine Gelassenheit, die sich vielleicht auf die Gäste überträgt -
und den Inselurlaub hier so erholsam macht. Mehr als zehn Millionen
Übernachtungen zählen die Kurverwaltungen Jahr für Jahr, die Touristen
schätzen das oft heilsame Reizklima, die einzigartige Landschaft
und - genau, die Insulaner.
Friesisch herb, aber herzlich
Entspannen und Relaxen.
Foto: photocase.com/numsideu
Die sind ein besonderer Menschenschlag. Sie teilen sich den knappen
Platz in den Sommermonaten mit Millionen Erholung Suchenden. Ihre
kleinen schmucken Eilande liegen in der großen rauen Nordsee. Vielerorts
scheint das Festland nur einen Steinwurf entfernt. Bei guter Sicht.
Bei schlechtem Wetter und vor allem im Winter verliert sich das
Festland oft. Als sei es mitsamt den Urlaubern einfach weg.
Die Insulaner haben dann nichts als das Meer um sich. Doch wer seit
Generationen Naturgewalten trotzt, lässt sich so schnell nicht ins
Bockshorn jagen. Er nimmt die Dinge, wie sie sind. Wortkarg können
sie sein, die Inselbewohner, und friesisch herb. Ihr Humor ist oft
trocken, manchmal sind sie auch sehr direkt. Wenn sie herzlich sind,
ist das meistens echt. Man muss sie zu nehmen wissen - wie sie die
Horden Touristen zu nehmen wissen, die Jahr für Jahr teilhaben wollen
an ihrer schönen Heimat. Und es klappt: Die meisten Urlauber kommen
immer wieder, die Insulaner leben vor allem von Stammgästen.
„Welcher Seemann liegt bei Nanni im Bett?“ Manch einer merkt sich
Ostfrieslands sieben Inselschönheiten mit dieser holprigen Eselsbrücke.
Von Ost nach West liegen Wangerooge, Spiekeroog, Langeoog, Baltrum,
Norderney, Juist und Borkum vor Niedersachsens Küste. Man kann die
sieben aber auch anders im Kopf behalten:
Wangeroog, de Schone, Spiekeroog, de Krone, Langeoog is'n Botterfatt,
Baltrum is'n Sandfatt, Nördernee dat Roverland, Juist is dat Töverland,
Börk'mers melken Kohjen un bruken hör Dreck to Brand.
Der ostfriesische Volkskundler und Verleger Theo Schuster berichtet,
dass Seemänner diese auf den Inseln populären Reime bei der Arbeit
gesungen haben. In einem Gemisch aus Niederdeutsch und Niederländisch.
Überhaupt muss bereits der Wangerooger genau zuhören, um den Borkumer
zu verstehen, wenn der „sein“ Platt spricht. Deshalb noch einmal
auf Hochdeutsch:
Wangerooge, die Schöne, Spiekeroog, die Krone, Langeoog ist ein
Butterfass, Baltrum ist ein Sandfass, Norderney das Räuberland,
Juist ist das Zauberland, Borkumer melken Kühe und verfeuern deren
Mist.
Kein Wunder, dass die Wangerooger den Shanty besonders lieben. Sie
kommen gut weg. Aber denkt bloß nicht, dass die übrigen Inseln weniger
schön sind. „Den Inhalt nicht ernst nehmen“, warnt Schuster. Der
Mann hat Recht. Schließlich war Kuhmist einst nicht nur auf Borkum
beliebtes Brennmaterial. Denn Wald ist auch auf den übrigen Inseln
rar. Heute ist aus dem Shanty ein Merkreim geworden. Nicht so leicht
zu behalten, aber allemal hübscher als „Welcher Seemann liegt bei
Nanni im Bett?“.
Übrigens kennt auch längst nicht jeder Insulaner alle sechs Schwesterinseln.
Jan Schneeberg vom Borkumer Heimatverein sinnierte vor nicht allzu
langer Zeit, warum „ik noch noit wieder west bün as bit Norderney“.
In einem so unnachahmlichen Platt, dass Sünke Saathoff von Norderneys
Heimatverein sich zum Übersetzen genötigt sah: „Bei schlechtem Wetter
kommt man schneller von Borkum nach Mallorca als nach Spiekeroog.“
Aber dank Hans Heyken vom Juister Heimatverein wird die Verständigung
zwischen den Inselvölkchen von Jahr zu Jahr besser. Heyken verpasste
den Inseln eine „fünfte Jahreszeit“. Keinen Freimarkt, sondern ein
großes Inselfest. „Die Sieben zum Verlieben -Insulaner unner sück“,
die Fete gibt es seit 1997.
Lernt auch ihr die „Sieben zum Verlieben“ kennen - abseits von Strandleben
und Urlaubsvergnügen. Inselhopping auf Ostfriesisch. So leicht geht
das.
von Christine Kröger