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19.11.2008
ZEIGLERS WUNDERBARE WELT DES FUSSBALLS

Ode an den unterschätzten Spieler (Folge 130)

Auf diesem Bild sieht man Frank Baumann im Fußballtrikot. Foto: Aus Arnd Zeiglers legendärem Foto-Schuhkarton.

Frank Baumann. Foto: Aus Arnd Zeiglers legendärem Foto-Schuhkarton.

Hei, wie sehen wir das gerne im Stadion: Wenn ein Ballzauberer den Ball per Hacke annimmt, ihn sich über Hinterkopf, Stirn und Nasenflügel nach vorne auf den Spann perlen lässt, nur um ihn wie elekromagnetisch gesteuert anzulupfen, aus vollem Lauf auf der  Schulter kurz tanzen zu lassen und schließlich nach einer 60-Meter-Jonglage/Sprint-Kombination mit dem linken Ohrläppchen so anzuschneiden, dass der gegnerische Keeper nicht den Hauch einer Chance hat!


Solche Aktionen schmücken ein Fußball-Wettspiel ungemein. Das Problem ist: Man sieht sie recht selten, seit Dieter Schlindwein nicht mehr spielt. (*)  Was vielleicht auch ganz gut ist, denn in realen Fußballspielen funktioniert das Leben etwas anders als in Computerspielen, wo 65 % aller Tore entweder durch Fallrückzieher, Flugkopfbälle oder nach atemberaubenden Dribblings durch neun Gegenspieler hindurch erzielt werden. Wirklicher Fußball ist anders. Und wirklicher Fußball hat, anders als manche Reporter denken und anders als mancher Fan es wahrnehmen mag, auch oft etwas mit ganz und gar unzählbaren Qualitäten zu tun. Strategie, Stellungsspiel, Tempovariationen und ähnliches Teufelszeug sind sogar gelegentlich wichtiger als Übersteiger und Todesgrätschen.

Das Kuriose ist nun: Die Spieler, die für diese bedeutenden Parts im Spiel einer Mannschaft zuständig sind, werden landauf landab von der breiten Masse für die verzichtbarsten gehalten. Einer, der pro Spiel fünfmal falsch steht und das jedes Mal gerade noch mit einer Notfall-Sense in Tornähe bereinigen kann, wird als echter Arbeiter geliebt und vergöttert. Einer, der dagegen immer richtig steht und deshalb gar nicht erst in die Verlegenheit kommt, sensen zu müssen, weil er meistens Bälle nur unspektakulär abläuft, wird als irgendwie langweilig wahrgenommen.

Die Spieler, auf die dieses Raster zutrifft, erleiden bundesweit dasselbe Schicksal: Sie sind immer da und liefern Leistung ab, werden aber von Fans und Boulevardpresse ignoriert und/oder verkannt und bekommen nach herausragenden Spielen die Note "3,5". Nach mittelmäßigen Spielen bekommen sie eine "5", während der wild um sich grätschende Defensiv-Berserker auch nach einem Dutzend Stellungsfehlern und einer Handvoll eklatant falsch eingeschätzter Spielsituationen eine "2,5" erhält, weil der einen Ball von der Linie gekratzt und zweimal am Rande des Platzverweises (aus Sicht des eigenen Spielers) und am Rande der Sportinvalidität (aus Sicht des Gegenspielers) den gegnerischen Superstar umgenietet hat, was jeweils zu euphorischem Szenenapplaus im Stadion führt.

Dafür, dass unser Held im selben Spiel durch taktisch kluges Verhalten und gutes Stellungsspiel ungefähr zwanzig gegnerische Angriffe gar nicht erst hat entstehen lassen, klatscht keiner. Und weil keiner sieht, was er auf dem Platz genau leistet, ist er der Topkandidat für die Kategorie "reiner Mitläufer, hilft uns nicht weiter, ist mittlerweile auch zu langsam". Und weil er nicht so oft grätscht, reicht es nicht einmal für den nett gemeinten, aber nicht sehr schmeichelhaften Zusatz "FUSS-BALL-GOTT!!" bei der Verkündung der Mannschaftssaufstellung.

Kennzeichnend für den Helden dieser Kolumne ist auch, dass Trainer diesen Spielertyp ungemein schätzen und deshalb von den Fans nach Niederlagen für blind gehalten werden. "Warum kapiert der Schaaf nicht, dass der Baumann nicht mehr auf den Platz gehört?" ist ein dann häufig gehörter Satz. Frank Baumann ist überhaupt ein perfektes Beispiel. Einer der wenigen Feldherren auf dem Spielfeld, wenn nicht gar der einzige hier. Baumann ackert und macht, ist elementar wichtig für Werders Ordnung auf dem Rasen und tut auf dem Spielfeld allerlei tolle Dinge, die man leider schlecht zählen kann, wenn man nur auf Situationen achtet, wo irgendwas knallt oder prellt, wo Rasenstücke fliegen und sich schreiende Menschen wälzen oder wo am Ende der Aktion gejubelt wird. Wenn Werder Bremen irgendwo glänzt, dann waren es Diego, Pizarro oder Tim Wiese. Wenn Werder ein Spiel vermasselt, war es meistens Frank Baumann.

Von mir bekommt er an dieser Stelle schon einmal vorsorglich die "Goldene 3,5 auf Lebenszeit" verliehen.

Hoffentlich noch sehr lange.

(* Ein ganz billiger Insider-Joke für die etwas Älteren. Sorry.)

von Arnd Zeigler
1 Kommentar:
Danke für diese Baumann-Huldigung! Hat er verdient und bekommt er persönlich von mir schon lange. Überlege sogar, mir in der kommenden Saison mein Trikot mit seinem Namen zu beflocken (falls er dann noch spielt) - erstens, weil er so ein guter Kicker ist, zweitens, um meine Kumpels zu nerven, die ihn schon seit Jahren für verzichtbar halten. Diese Ahnungslosen!
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