An den internationalen Rohstoffbörsen steigt die Nervosität. Horrorszenarien machen die Runde: "Die Anleger machen sich Sorgen", sagt Leon Leschus, Rohstoffexperte des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI). Ägypten produziere zwar nur wenig Öl, kontrolliere aber den Suez-Kanal, eine der Hauptschlagadern für die weltweite Ölversorgung. Sollten die Unruhen in Ägypten weitergehen, könnten der Kanal gesperrt oder die Sumed-Pipeline geschlossen werden, so die Befürchtungen. "Sollten sich die Unruhen ausbreiten auf Länder, die mehr Erdöl fördern, wie Libyen oder Saudi Arabien, wäre das schon dramatisch", sagt Leschus. "Aber das sind erst einmal nur Befürchtungen."
Schon vor dem Beginn des politischen Umbruchs in Tunesien und jetzt in Ägypten waren die Benzin- und Heizölpreise gestiegen. Ursachen dafür sieht Leschus in dem kalten Winter und in der anziehenden Weltkonjunktur. Das zeige sich vor allem in der starken Nachfrage der asiatischen Länder. Auch ohne die aktuelle Entwicklung würden die Preise 2011 weiter steigen, allerdings moderat. Die Opec, die Organisation erdölexportierender Länder, habe anders als 2008, als der Preis für Öl der Sorte Brent auf über 145 Dollar kletterte, noch viele freie Kapazitäten. Zudem seien die Lagerbestände in den Industrienationen hoch.
Opec-Generalsekretär Abdullah al-Bahdri hat für den Fall, dass es doch zu Lieferengpässen kommen könnte, bereits eine Anhebung der Fördermengen angekündigt. Auch die Internationale Energieagentur IEA erklärte, auf den internationalen Ölmärkten gebe es trotz der Krise in Ägypten keine Notlage, und EU-Energiekommissar Günther Oettinger bemühte sich ebenfalls um Entspannung: Die Ölzufuhr für Europa sei nicht in Gefahr, erklärte er in Brüssel.
Noch schlägt sich der aktuelle Preisanstieg nicht an der Tankstelle nieder. Die Autofahrer könnten sich beim wieder erstarkten Euro dafür bedanken, der fange die Preissteigerungen in Dollar auf, heißt es beim ADAC. Trotz des gestiegenen Rohölpreises kostet der Liter Superbenzin mit durchschnittlich 1,468 Euro zwei Cent weniger als in der Vorwoche. Bei Diesel ist der Rückgang mit 0,1 Cent auf 1,342 Euro geringer ausgefallen.
Das sei der Beleg, dass die Industrie keineswegs immer übermäßig zulange, sagt Karin Retzlaff, Sprecherin des Mineralölwirtschaftsverbandes. Natürlich würden neben Angebot und Nachfrage auch politische Ereignisse und ebenso Wetterphänomene wie der Hurricane Katrina Spekulationen um Engpässe bei der Ölversorgung schüren. Wie sich die politische Entwicklung in den arabischen Staaten auf den Benzinpreis auswirke, könne man derzeit nicht absehen. Klar sei aber: "Bei gleichbleibender Nachfrage wird sich der Ölpreisanstieg bis an die Tankstelle fortsetzen."
Bärbel Höhn, Bundestagsabgeordnete der Grünen, macht für die aktuelle Preissteigerung für Rohöl nicht zuletzt Spekulationen mit Optionsscheinen verantwortlich. "Ohne die spekulativen Finanzinvestoren und die Knappheitsstrategie der OpecStaaten würde der Barrelpreis bei weniger als 80 Dollar liegen", behauptet Höhn. "Diese Einflüsse kosten Verbraucher und Wirtschaft in Deutschland hochgerechnet rund drei Milliarden Euro im Monat." Die Politik müsse die Abhängigkeit vom Öl reduzieren und die Wetten auf den Ölpreis an den Finanzmärkten begrenzen.
Höhn beruft sich auf eine Studie von EnergyComment. Der Ölmarkt habe sich geteilt in einen Rohstoffmarkt und einen Finanzmarkt, stellt Autor Steffen Bukold darin fest. An den beiden großen Ölbörsen, der Nymex in New York und der ICE in London, würden an einem durchschnittlichen Handelstag 1,1 Milliarden Barrel Öl im Wert von 93 Milliarden Dollar umgeschlagen. "Dieses Handelsvolumen ist 13-mal größer als die physische Erdölförderung", sagt Bukold.
Er sieht einen klaren Zusammenhang zwischen Spekulation und Ölpreisentwicklung. Durch die Wetten auf fallende oder steigende Ölpreise verteuere sich der Preis um rund 30 Prozent. In der Studie werden die hochgerechneten Mehrkosten auf die einzelnen Bundesländer umgelegt. Demnach haben die Verbraucher in Bremen im letzten Jahr für Pkw-Kraftstoff 31 Millionen Euro zu viel gezahlt.
HWWI-Rohstoffexperte Leschus bezweifelt, dass sich der Anteil der Spekulation so genau beziffern lässt. Aber die zunehmenden Schwankungen der Preise seien ein Indiz für den Einfluss der Finanzmärkte. "Spekulationen haben sicher einen Beitrag zu den Preissteigerungen geleistet."




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