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Oskar Roehler über «Jud Süß»

18.02.20100 Kommentare
Oskar Roehler
Oskar Roehler (dpa)

Tobias Moretti spielt den tragischen Schauspieler Ferdinand Marian, der der Hauptdarsteller in dem NS-Streifen war, Moritz Bleibtreu ist als Goebbels zu sehen. Im dpa-Interview spricht Roehler («Die Unberührbare», «Elementarteilchen») darüber, was seinen Film von anderen Kinogeschichten über die Nazi-Zeit unterscheidet und wie nah seine Erzählung an der Realität ist.

Was war Ferdinand Marian für ein Mensch?

Roehler: «Er gehörte damals nicht zur ersten Riege der deutschen Schauspieler. Man kannte sein Gesicht, aber nicht seinen Namen. Er wollte die Rolle nicht spielen, davon handelt der Film. Es geht darum, wie das System langsam jeden Widerstand zermürbt. Marian ist in die Rolle hineingetrieben worden. Er wusste eigentlich von Anfang an, dass das für ihn nicht gut ausgehen kann.»

Erstmals erzählt ein Spielfilm von der Entstehung des Harlan-Films und vom Schicksal seiner Protagonisten. Was unterscheidet Ihren Film darüber hinaus von anderen Filmen über die Nazi-Zeit?

Roehler: «In früheren Filmen werden die Nazis - bis auf wenige Ausnahmen - oft als Knallchargen dargestellt. Es wird meist nur die Opferseite beleuchtet. Wir gehen mit unserem Film ins Innere der Salons der Nazis, wir sind mitten in der Nazi-Highsociety. Es wird gezeigt, wo die Charaktere herkommen, wie zum Teil unglaublich philosophisch und bibelfest sie waren, wie schneidend ihre Dialektik war und wie gut sie als Verführer und Manipulateure funktionieren. Es geht darum, dass es nicht nur eine Horde stumpfer Dummköpfe war wie das ganze Fußvolk, das immer dargestellt wird. Es war eine Zeit unglaublichen gesellschaftlichen Drucks, eine Zeit, die kein Versagen zuließ. Denn hinter dem Versagen standen der Kerker und der Tod, die Vernichtung der eigenen Familie. Es war eine unglaublich erfolgsorientierte Gesellschaft, viel, viel stärker als heute. Wenn wir erkennen wollen, was an unserer Kultur pervertiert wurde, wozu unsere Kultur der Philosophie und Dichtung missbraucht wurde, dann muss man sich das sehr genau anschauen. Die Nazis haben nämlich die Vorbilder manipuliert. Sie haben mit dem deutschen Gedankengut gearbeitet und es umgemünzt. Das deutsche Volk hat seine eigene Kultur ad absurdum geführt.»

Konnte man damals als Künstler den Mut haben, sich gegen das Nazi-Regime zu stellen?

Roehler: «Ich glaube, dass die Menschen keine Chance hatten. Künstler gingen entweder oder sie emigrierten sozusagen in die Unterhaltung. Das hat zum Beispiel Fritz Lang ganz klar erkannt, als man ihm 1933 das Filmministerium angeboten hat. Er hat seine Koffer gepackt und war über Nacht verschwunden.»

Wie nah ist Ihr Film an der Realität?

Roehler: «Relativ nah. Das heißt aber nicht, dass es dadurch langweilig ist. Beim Drehen von "Jud Süß" sind so viele interessante Sachen passiert. Goebbels zeigt sich als geistiger Vater des Films. Er hat viele Szenen selbst geschrieben und erfunden. Das ist alles überliefert.»

Anders als im Film war die reale Ehefrau von Marian aber keine Jüdin?

Roehler: «Sie war keine Jüdin. Wir haben aus ihr eine Halbjüdin gemacht, um Marian noch erpressbarer und moralisch noch anfechtbarer zu machen - weil er die Rolle eben trotzdem spielt.»

Wie hat Veit Harlans Film «Jud Süß» auf Sie gewirkt, als Sie ihn das erste Mal gesehen haben?

Roehler: «Das ist ein gut gemachter Film. Genau darin besteht die Perfidie, das ist genau das, was ihn so unheimlich macht. Als halbwegs kritischer Zuschauer schaut man sich einen Film an, der so subtil gearbeitet ist, dass man im ersten Moment nicht merkt, was er dir eigentlich sagen will. Die unglaubliche Besetzung verbindet Glamour mit einer punktgenauen Typbesetzung. Ferdinand Marian war äußerst glamourös und charmant, er war in seiner Zeit ein großer Liebhaber-Darsteller. Andererseits wurde gezeigt, wie man die Juden in Deutschland damals gerne sah: Leicht effeminiert, übereitel, überelegant, absolut weltmännisch und charmant. All das, was dem Ethos von Treue und Vaterlandsliebe entgegen steht, sollte Marian darstellen.»

Planen Sie weitere Filme, die sich mit der Nazi-Zeit beschäftigen?

Roehler: «Ja, ich will einen Gangsterfilm mit dem Titel "Der kleine Doktor - Der unaufhaltsame Aufstieg des Joseph Goebbels" machen.»

Interview: Elke Vogel, dpa (dpa)


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Leserkommentare
djhg am 18.08.2017 07:27
@Werderland: Ich denke eher, dass Nouri und Baumann auch ihren Aussagen aus der letzten Saison gelernt haben und es deshalb eher intern ...
abrakadabra am 18.08.2017 07:26
Der Betrag ist ja wohl lächerlich ... Warum gibts da nicht wenigstens einen Punkt in Flensburg? Für Taxifahrer als angebliche Profis darf es auch ...
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