
Frau Gonder, nach Angaben des Statistischen Bundesamtes liegt der Pro-Kopf-Verbrauch von Schweinefleisch in Deutschland bei 53,3 Kilogramm im Jahr. Welche Menge empfehlen Sie?
Ulrike Gonder:Die Zahlen sind irreführend. Wir nehmen mitnichten 53 Kilogramm Schweinefleisch pro Jahr und Kopf zu uns. Das sind die Verbrauchszahlen. Darin enthalten sind sämtliche Abfälle und das, was Fiffi und Mietzi fressen. Tatsächlich verzehrt jeder Deutsche pro Jahr durchschnittlich 60,5 Kilogramm Fleisch, davon 39 Kilogramm Schweinefleisch. Allen Unkenrufen zum Trotz essen die Deutschen also gerne Schweinernes. Ich gebe keine Empfehlungen für den Fleischkonsum. Warum auch? Das soll jeder selbst entscheiden. Außerdem kommt es auf die Gesamtkomposition der Ernährung an, nicht nur aufs Fleisch.
Früher gab es den Sonntagsbraten. Sollten wir wieder dazu übergehen, nur noch einmal die Woche Fleisch zu essen?
Das muss nicht sein. Viel wichtiger ist es, auf die Qualität des Fleisches zu achten. Da diese ihren Preis hat, reduziert sich die Portion quasi automatisch. Aus gesundheitlichen Gründen müssten wir nicht weniger Schweinefleisch essen, wohl aber aus Gründen des Tierschutzes. Wer nicht möchte, dass Tiere über weite Strecken transportiert werden und in engen Buchten aufwachsen müssen, sollte auf abgepacktes Billigfleisch vom Discounter verzichten. Weniger ist da mehr. Schließlich muss für jedes Stück Fleisch, jedes auch noch so kleine Fitzelchen Wurst, ein Tier sterben.
Selbst mageres Schweinefleisch hat einen hohen Fettgehalt. Ist die zunehmende Übergewichtigkeit der Deutschen ein Resultat übermäßigen Schweinefleischkonsums?
Nein. Dass Schweinefleisch einen hohen Fettgehalt hat, ist ein hartnäckiges Gerücht. Tatsächlich ist Schweinefleisch etwa so mager wie Geflügel. Schieres Schweinefleisch hat einen Fettgehalt von zwei Prozent. Ein 200 g schweres Schnitzel hätte damit gerade mal 18 Kalorien mehr als eine gleich große Hühnerbrust. Das ist nichts. Jeder Vollkornkeks hat deutlich mehr Fett. Die Übergewichtigkeit der Deutschen hat eher etwas mit Stress, Licht- und Bewegungsmangel sowie einer insgesamt unausgewogenen Ernährung zu tun. Ich tippe da eher auf zu viel Brot, Nudeln und Gebäck, also Stärke, und zu viel Fertigprodukte.
Schweinefleisch gilt als besonders eiweißhaltig. Ist das ein Problem für den menschlichen Organismus?
Alle Fleischsorten liegen bei etwa 20 Prozent Eiweißgehalt. Da ist Schweinefleisch keine Ausnahme. Das ist für den gesunden Menschen auch gar kein Problem. Anders sieht es aus bei Personen mit einem Nierenschaden. Die müssen darauf achten, dass sie nicht zu viel Eiweiß zu sich nehmen. Grundsätzlich ist der Mensch - wie das Schwein - ein Allesfresser. Wenn die Mischung, eben die Gesamtkomposition der Ernährung, stimmt, ist das Eiweiß kein Problem. Eiweiß ist übrigens gerade für übergewichtige Menschen günstig, denn es hält lange satt.
Kritiker warnen vor den Wachstumshormonen im Schweinefleisch. Diese führen angeblich dazu, dass Mädchen heute schon früh Brüste entwickeln.
Es gibt keine Studie, die das belegen würde. Richtig ist, dass die Pubertät bei einer hohen Eiweißzufuhr früher einsetzt. Das muss aber nicht am Fleischkonsum liegen, sondern kann auch daran liegen, dass ein Kind besonders viel Milch trinkt. In vielen Fällen war eine frühe Pubertät aber auf eine unbeabsichtigte Östrogenzufuhr zurückzuführen, wenn etwa kleine Mädchen die Pille der Mutter einnehmen oder ein anderes östrogenhaltiges Medikament. Auch wurden Zusammenhänge mit bestimmten Plastikverpackungen hergestellt. In der Tiermast sind Wachstumshormone schon seit vielen Jahren verboten. Wenn diese doch festgestellt wurden, handelt es sich um Missbrauchsfälle.
Alternativ-Mediziner sehen im Schweinefleischkonsum gar die Hauptursache für Zivilisationskrankheiten.
Um das ganz klar zu sagen: Ich kenne keine Studie, die einen direkten Zusammenhang zwischen Schweinefleischkonsum und Zivilisationskrankheiten wie Herzinfarkt oder Bluthochdruck nachweist. Dennoch halten sich diese Gerüchte hartnäckig, gerade im Internet. Wenn ich Menschen treffe, die berichten, es ginge ihnen besser, seitdem sie kein Schweinefleisch mehr essen, dann frage ich immer, ob das die einzige Änderung war. Dann stellt sich schnell heraus, dass sie ihre Ernährung komplett umgestellt haben, beispielsweise mehr Gemüse und Obst und bessere Öle essen. Manche "Alternative" behaupten sogar, dass Schweinefleisch giftig sei. Das ist totaler Quatsch! Außerdem ist das Schweinefleisch von früher überhaupt nicht mit dem heutigen vergleichbar. Ein Mastschwein wird nur noch ein halbes Jahr alt und enthält, wenn das Fleisch frisch und hygienisch einwandfrei ist, keine Gifte.
Angeblich ist Schweinefleisch sogar krebserregend.
Das ist absurd. Wenn überhaupt wird dem roten Fleisch, also Rindfleisch, nachgesagt, dass es Zivilisationskrankheiten wie Krebs begünstigt. Bewiesen ist aber auch das nicht. Schweinefleisch hat übrigens auch nicht mehr Cholesterin als andere Fleischarten.
Dioxin im Schweinefleisch hat die Verbraucher aufgeschreckt.
Skandalös ist, wie zum Teil mit Futtermitteln umgegangen wurde. Dahinter steckt kriminelle Energie. Im Grunde genommen müssen die Tiere vor den Machenschaften der Menschen geschützt werden. Deshalb brauchen wir mehr Kontrollen - und ein anderes Verbraucherverhalten. Wer Billigfleisch kauft, muss davon ausgehen, dass auch das Futter billig war. Der Dioxinskandal zeigt, dass es nicht genug Kontrollen gibt, und die Strafen zu lasch sind.
Die Schweinegrippe ist schon fast wieder vergessen. Stellt das Virus nach wie vor eine Gefahr für den Menschen dar?
Die Schweinegrippe hat ja schon etliche Menschen das Leben gekostet. Ungewöhnlich ist, dass mehr junge als alte Personen daran erkranken. Allerdings ist schon der Name irreführend, denn die Schweinegrippe wird nicht vom Schwein auf den Menschen übertragen. Wie bei jeder anderen Grippe auch, wird sie von Mensch zu Mensch durch Tröpfcheninfektion übertragen. In dem Virus wurde das Erbgut von Schweine-, Menschen- und Vogelgrippeviren entdeckt. Viren ändern sich oft, und jeder neue Grippevirus kann auch für den Menschen gefährlich werden.
Muslime und Juden verzichten ganz auf Schweinefleisch. Leben sie gesünder?
Ich wüsste nicht, dass Muslime und Juden gesünder sind. Im Gegenteil, im Nahen Osten verbreiten sich die westlichen Zivilisationskrankheiten mehr und mehr. Das liegt daran, dass die Menschen dort viele unserer Ernährungsgewohnheiten übernehmen. Außerdem verzichten Muslime und Juden aus religiösen Gründen auf Schweinefleisch. Das hat weniger mit Gesundheit zu tun, es hat vor allem ökonomische und ökologische Ursachen. In trockenen Gegenden ist Schweinehaltung eben ungünstig, weil Schweine viel Wasser und Schatten brauchen. Da sind Ziegen besser geeignet.
Die Kritik an der Massentierhaltung lässt mehr und mehr Menschen ganz auf den täglichen Fleischkonsum verzichten.
Natürlich kann man sich aus Gründen des Tierschutzes dafür entscheiden, vegetarisch zu leben. Das ist überhaupt keine Frage. Gesünder leben Vegetarier aber nicht, weil sie kein Schweinefleisch mehr essen, sondern weil sie insgesamt gesünder essen und leben. Milchprodukte und Eier sollten allerdings dabei sein. Vor allem Kinder sollten auch tierische Nahrungsmittel zu sich nehmen. Vegan zu essen, also ganz auf tierische Produkte zu verzichten, halte ich für ungesund. Und ob es umweltfreundlicher ist, erscheint mir fraglich.
Wie oft essen Sie selbst Schweinefleisch?
Gerade habe ich ein Stück Salami gegessen. Schweinebraten und Schnitzel machen mich nicht so an, aber Lendchen, Schinken und Leberwurst esse ich schon regelmäßig. Grundsätzlich kaufe ich lieber an der Fleischtheke als beim Discounter. Damit kann ich auch das Handwerk unterstützen. Ich koche selbst, verzichte weitgehend auf Fertiggerichte und vorgewürzte Produkte. So kann ich selbst bestimmen, was drin ist im Essen.








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