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WESER-KURIER-Serie Teil 9 Tierschützer: Eine Fahrt durch die Hölle

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Ein Schwein während eines Transports auf einem Lastwagen. Die gute Nachricht: Langstreckentransporte werden immer selten
Ein Schwein während eines Transports auf einem Lastwagen. Die gute Nachricht: Langstreckentransporte werden immer selten

Es werden zwar immer weniger, aber es gibt sie noch: Schweine, die Jahr für Jahr nicht nur quer durch Deutschland, sondern durch halb Europa transportiert werden. Der Deutsche Tierschutzbund spricht dabei von einer "Fahrt durch die Hölle". Dabei, versichert die Interessengemeinschaft Deutscher Schweinehalter (ISN), folgen die Viehhändler nur den Gesetzen der Marktwirtschaft. Pressesprecherin Jana Püttker: "Alles ist eine Frage von Angebot und Preis. Wenn der weite Lebendtransport sich lohnt, wird er gemacht."

Und was macht die Politik? Sie hat in den vergangenen Jahrzehnten die Bedingungen für die transportierten Tiere verbessert. Aber nach wie vor sind die Bestimmungen nach Tierschützeransicht "nicht ausreichend". So fordert der Deutsche Tierschutzbund eine zeitliche Begrenzung von Tiertransporten auf vier (national) beziehungsweise acht Stunden (international).

Die Bestimmungen sind geregelt in der Europäische Transportverordnung, zuletzt geändert Ende 2004. Sie regelt auf 44 Seiten genau, welche Tiere beim Transport, wie viel Quadratzentimeter Platz haben müssen, wie lange sie am Stück unterwegs sein dürfen, wann sie gefüttert und getränkt werden müssen, welche Sachkunde die Fahrer haben müssen und vieles mehr - bis hin zur Beschaffenheit des Transportmittel ("Dach von heller Farbe").

Momentan liegt die Verordnung der Europäischen Kommission zur Prüfung vor. Ob sie sich zu weiteren Verbesserungen im Sinne der Tiere durchringen wird? Die Tierärztin und Agrarwissenschaftlerin Frigga Wirths, Expertin bei der Tierschutzakademie des Deutschen Tierschutzbundes, hat da wenig Hoffnung: "Das Thema schiebt die Kommission Jahr für Jahr vor sich her." So befürchten die Tierschützer, "dass auch zukünftig in Europa Tiere auf qualvollen Langstreckentransporten leiden müssen".

Mehr Platz im Flugzeug

Das Leiden der Tiere, es lässt sich in Zahlen ausdrücken, die in der Verordnung stehen: Ganze 24 Stunden dürfen Schweine ohne Unterbrechung innerhalb der EU (Innerhalb Deutschlands bis zu zwölf Stunden) befördert werden, bei Temperaturen zwischen 0 und 35 Grad. Dann müssen sie entladen und gefüttert werden, bis es womöglich nach einer 24-stündigen Ruhepause weitergeht auf der Reise durch Europa. Und während des Transportes stehen die bis an den Rand des Herzinfarkts gestressten Tiere "dicht an dicht", wie Frigga Wirths beschreibt.

Ein 100 Kilogramm schweres Schwein hat beim Transport auf der Straße laut EU-Verordnung mindestens 0,43 Quadratmeter Platz - oder um es in EU-Verordnungsdeutsch auszudrücken: "235 kg/m2" . Man möchte sarkastisch hinzufügen: Wohl dem Schwein, das fliegen oder Schiff fahren darf. Denn ihm wird sowohl in der Luft (0,51 Quadratmeter) als auch auf dem Wasser (0,86 Quadratmeter) mehr Platz eingeräumt.

Wer die EU-Verordnung liest, mag durchaus einen politischen Willen herauslesen, die Tiere von unnötigen Qualen zu bewahren. Aber Papier ist Papier. In der Praxis, so kritisieren jedenfalls Tierschützer, sieht es anders aus. So verlangt die Verordnung beispielsweise, dass alle Schweine während des Transports Zugang zur Tränke haben müssen. Frigga Wirths: "Die Tiere stehen so dicht beieinander, dass es nicht jedes Schwein schafft, dorthin zu gelangen."

Überdies soll der Fahrer den Zustand der Tiere zwischendurch kontrollieren, um möglicherweise verendete Schweine zu separieren. Aber, sagt die Expertin der Tierschutzakademie: "Die Fahrer können gar nicht jedes Schwein in Augenschein nehmen." Grund: Weil die Tiere auf drei Stockwerken dicht gedrängelt stünden. Kurzum, so urteilen Tierschützer: Die Vorschriften der EU seien "weiterhin nicht ausreichend, um einen tierschutzkonformen Transport der Tiere zu garantieren".

Warum kann es überhaupt lukrativer sein, lebendige Tiere zu transportieren statt sie hier zu schlachten, um das Fleisch dann womöglich weiterzutransportieren? Eine einfache Frage, auf die es keine ebensolchen Antworten gibt. Der Lebendtransport von Tieren über Hunderte, ja manchmal sogar Tausende Kilometer, hat seine Ursachen unter anderem in der Spezialisierung der Betriebe und der Zentralisierung der Schlachthöfe. Eine Einschätzung übrigens, bei der Tierschützer und Schweinehalter gar nicht weit auseinander liegen.

Zur Spezialisierung. Der Schweinehalter-Verband ISN erklärt sie am Beispiel der Ferkel: In Nordwestdeutschland gebe es zu wenig Sauenhalter, also auch zu wenig Ferkel. Daher müssten die Jungtiere aus Dänemark eingeführt werden, um sie dann hier zu mästen. Dänemark, so ISN-Sprecherin Jana Püttker, habe sich auf die Ferkelproduktion spezialisiert, niedersächsische Schweinehalter auf die Mast. So sei das eben: "Das regelt alles der Markt."

Wenn die Ferkel bei ihrem Mäster angekommen sind, ist das indes nicht ihre letzte Reise gewesen. Sie werden dann wieder auf den Lastwagen geladen wenn sie die schlachtreife erreicht haben, dann aber nicht unbedingt zu einem der Schlachthöfe in der Nähe gefahren. Denn die sind in den vergangenen Jahren immer weniger geworden.

Womit das Thema Zentralisierung ins Spiel kommt. Die ISN-Schweinehalter schreiben im März: "Der Trend zur Konzentration in der deutschen Schlachtindustrie setzt sich weiter fort." Von den im vorigen Jahr geschlachteten 58 Millionen Schweinen sind 75 Prozent in den zehn größten Unternehmen Deutschlands geschlachtet worden. Die zunehmende Konzentration der Branche führt nach ISN-Angaben dazu, dass die Marktmacht der Schlachtunternehmen zu- und die der Bauern abnimmt. Und sie bedeutet: Die Schweine müssen länger transportiert werden.

Sogar durch halb Europa. So wurden im Jahre 2009 rund drei Millionen (von rund 45 Millionen) Tiere lebend ins Ausland geschafft - womit sich diese Art des Exports innerhalb von vier Jahren verdoppelt hatte. Der Grund: Es rechnete sich für die Viehhalter. Sie wurden insbesondere von osteuropäischen Schlachthöfen mit Dumpingpreisen angelockt. Denn deren heimische Schweineproduktion lag, unter anderem wegen stark gestiegener Futtermittelpreise, am Boden. Gleichzeitig hatten die Schlachthöfe, wie es in der Fachzeitschrift "Top Agrar" hieß, in neue Kapazitäten investiert: "Kein Wunder also, dass die osteuropäischen Schlachtbetriebe auf der Suche nach Schlachtschweinen ihre Fühler auch Richtung Westeuropa ausstreckten."

Insbesondere Russland entwickelte sich zu dieser Zeit zum bevorzugten Ziel von Schweinetransporteuren. Grund: Einige aus der Branche hatten eine Lücke im System entdeckt. Denn während das Land den Import von Fleisch mit hohen Einfuhrzöllen belegte (bis zu 75 Prozent des Warenwerts), um die heimische Produktion zu schützen, hatte es vergessen, den Zoll auch auf lebende Tiere zu erheben. Hier betrug der Zoll nur läppische fünf Prozent. Sagt Jana Püttker vom ISN: "Das haben natürlich pfiffige Geschäftsleute ausgenutzt."

Inzwischen freilich, nachdem Russland die Lücke geschlossen hat und dort die heimische Schweineproduktion - wenn auch nur langsam - wieder auf die Beine kommt, werden weitaus weniger Schweine über lange Strecken gen Osteuropa transportiert. Der Export sei "eingebrochen", erklärt der ISN und belegt das mit Zahlen. Wurden 2009 noch 210000 Schweine nach Russland transportiert, waren es im ersten Halbjahr 2010 nur noch 9000. Auch Hermann Kruse vom Vieh- und Fleischhandelsverband Hannover sagt, die Zahl der Langstreckentransporte sei inzwischen "äußerst gering" (siehe Interview unten).

Was Tierschützer natürlich freut. Dennoch stellen sie den Lebendtransport über weite Wege generell infrage. Wolfgang Apel, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, sagt: "Die Transportbedingungen sind für die Tiere eine Katastrophe." Das Gleiche gelte für den Transport über weite Strecken überhaupt. Um den zu verhindern, hatte sich der Tierschutzbund-Chef nicht gescheut, für den Fortbestand des Schlachthofes im schleswig-holsteinischen Husum zu demonstrieren. Apel sagt heute selbst, dass diese Aktion für einen Tierschützer schon ungewöhnlich war. "Aber ich wusste doch: Wenn der Schlachthof weg ist, müssen die Tiere wieder über weite Strecken transportiert werden."

Mitte August geht es um das Schwein in der Ernährungswissenschaft.



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