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Milchviehwirtschaft
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Von der Weide in die Supermarktregale

13.08.20170 Kommentare
Carsten Martens
Die Holsteiner Schwarzbunten grasen auf den saftigen Wiesen rings um den Hof von Carsten Martens. Dort bleiben die Kühe bis zum Herbst. (Privat)

Erst der Milchsee der EU und der Kampf um Subventionen, später die endlosen Verhandlungen mit den fünf großen Handelsketten Aldi Nord und Süd, Lidl/Kaufland (Schwarz Gruppe), Edeka, Rewe und Metro um einen Mindestpreis für Frischmilch: Carsten Martens kennt das Geschäft seiner Eltern von frühester Kindheit nur als endloses Hoffen und Bangen ohne echte Einflussmöglichkeiten. „Die Politik wird eben in Berlin und Brüssel gemacht, und der einzelne Bauer sitzt nicht mit am Tisch“, sagt Martens.

Das Problem: Europas Bauern produzieren 15 Prozent mehr Milch als der Markt verlangt. Deutschland ist mit 4,2 Millionen Kühen und einer Jahresproduktion von 32,5 Millionen Tonnen der größte Hersteller. Damit herrscht ständiger Preisdruck. Auch Familie Martens setzte lange auf eine größere Herde, auf Synergien, um den Preisverfall abzufedern. Nachdem er selbst in den elterlichen Betrieb in Detern östlich von Leer eingetreten ist, suchte der Jungbauer dann ­Alternativen. Jetzt hat er eine gefunden: Seit Mitte Juli vermarktet Martens seine Milch selbst. Der Absatz liege im Rahmen der Erwartungen, sagt er bedingt optimistisch. Was simpel klingt, gleicht in der deutschen Milchviehwirtschaft einer Revolution.

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300 Kühe stehen auf dem Hof von Familie Martens. Ein Betrieb mittlerer Größe in Familienhand. Der Stall ist groß, luftig und geräumig. Um Ostern herum öffnen sich die Tore, die Holsteiner Schwarzbunten ziehen raus auf die saftigen Wiesen ringsum. Dort bleiben die Kühe bis zum Herbst. „Nur wenn es zu nass ist oder zu heiß, wollen sie lieber in den Stall“, sagt Martens. Dreimal am Tag kommen die Tiere zum Melken. Die Nachzucht weiblicher Kälbchen übernimmt die Familie selbst im eigenen Kälberstall. Familie Martens ist so überzeugt von ihrer Arbeit, dass sie eine große Holzkuh vor das schmucke Bauernhaus an die Straße gestellt hat. Bis vor wenigen Wochen machte Carsten Martens es auch sonst wie alle anderen. Einmal am Tag kam ein Tankwagen der Ammerland-Molkerei und holte die Frischmilch. Dafür bekam er dann, was das große regionale Unternehmen zahlte, das seine Produkte inzwischen erfolgreich bis nach China exportiert. Einen Einfluss darauf hatte er nicht. Große Mengen bedeuten niedrige Kosten und damit hoffentlich wettbewerbsfähige Preise. Das ist das Geschäftsmodell der zu immer größeren Betrieben fusionierten Molkereien im Land.

Der 31-Jährige machte eine andere Rechnung auf, bei der der Preis nicht der entscheidende Hebel ist. Erst stand eine Milchtankstelle im Raum, an der Kunden sich auf dem Hof selbst die Frischmilch abfüllen können. „Dafür liegen wir aber zu weit auf dem Land“, überlegte Martens. Dann beschloss er, zu den Kunden zu fahren und seine Produkte selbst zu vermarkten. Ehefrau Nicole entwarf mit einer Oldenburger Werbeagentur eine eigene ausgefallene Milchtüte in Weiß und Rosa und dem Titel „Unsere Lieblingsmilch“. Nur abfüllen wollte die niemand. Erst in Asendorf wurde der Milchbauer schließlich handelseinig. Die Molkerei Grafschaft Hoya setzt ohnehin auf lokale Produktion ihrer 75 Vertragslandwirte in einem Umkreis von 30 Kilometern. Doch Martens’ Frischmilch pasteurisieren die ­Mitarbeiter nun gesondert und für die eigene Distribution. So ist sie eine Woche lang haltbar. In vielen Combi- und Edeka-Märkten bis ins Bremer Umland steht „Unsere Lieblingsmilch“ als Voll- und Halbfettmilch seit drei Wochen im Kühlregal. Der Literpreis ist mit 1,29 Euro deutlich höher als bei Billigmarken. „Aber es ist im Nordwesten die einzige Milch, bei der man wirklich genau weiß, woher sie kommt“, wirbt der Produzent.

Zumindest einer Minderheit der Verbraucher könnte dieses Wissen bares Geld wert sein. Immerhin ein Viertel der Deutschen kauft nicht die Billigmilch vom Discounter. „Weidemilch“ und Bio-Produkte drängen in den Handel. Dabei betreiben sie in Detern dezidiert keinen Öko-Landbau. Martens betont: „Wir sind konventionelle Milchbauern. Aber natürlich gehen wir mit unseren Tieren gut um. Die sind doch unser Kapital.“ Zu verheimlichen gebe es deshalb nichts.

Jeden ersten Sonntag im Monat lädt ­Familie Martens von 15 bis 17 Uhr Interessierte ein, sich die Tiere und den Hof in Detern anzuschauen. Milch probieren und kaufen können sie bei der Gelegenheit natürlich auch.


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Leserkommentare
Pikaya am 18.08.2017 10:08
Die besten und günstigsten Weihnachtsbäume werden am 24.12 Vormittag gekauft.
suziwolf am 18.08.2017 09:59
Waren Sie auch 'mal in finnischen Gewässern ;-) ?

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