Worpswede. Das Reglement für die Europameisterschaft am Herd ist vielleicht nicht ganz so streng wie das der UEFA für das offizielle Turnier, aber eindeutig: Zwei Hobbyköche treten in einer Profiküche gegeneinander an, jeder kocht ein landestypisches Gericht und hat dafür genau eine Halbzeit lang Zeit, also 45 Minuten und ein wenig Nachspielzeit.
In der zweiten Spielzeit wird dann zusammen mit einem hauptberuflichen Koch und dem Autoren dieser Reihe gegessen. Anschließend vergeben die beiden Unparteiischen für jedes Gericht null, eins oder zwei Tore und es gibt somit ein Endergebnis.
Im ersten Spiel stehen sich Portugal und Deutschland in der Küche des Worpsweder Eichenhofs gegenüber. Für die Südeuropäer geht Laura Da Costa Schlemmer an den Start. Die Spanisch- und Portugiesisch-Dozentin bezeichnet sich selbst zwar nicht als Fußballexpertin, obwohl ihr das eigentlich in die Wiege gelegt sein müsste. Sie wurde 1970 in Braga, direkt gegenüber des Stadions, das mit seiner spektakulären Felswand hinter dem Tor vielen Fußballfans von der Europameisterschaft 2004 in Erinnerung geblieben ist, geboren.
Ihre Familie allerdings kann man mit Fug und Recht als "fußballverrückt" im positiven Sinn bezeichnen. Sie solle auf keinen Fall etwas Negatives über Christiano Ronaldo sagen, haben ihr ihre vier Kinder mit auf den Weg gegeben. Mehr als ein Dutzend Freunde und Verwandte werden heute bei ihr und ihrer Familie in Hüttenbusch sein, um das Spiel gemeinsam zu gucken. Auch dabei gibt es manche Leckerei, vorzugsweise Doraden vom Grill.
Auch für "ihr" Spiel hat Laura Da Costa Fisch gewählt: Sie kocht Rotbarsch in Maismehl-Panade mit Tomatenreis. Auch an die optimale Vorbereitung für das Turnier hat sie gedacht: Außer Konkurrenz wird vorher eine "Caldo Verde" serviert. Hinter der "grünen Brühe" verbirgt sich eine Kartoffelsuppe mit Kohl und angebratenen Chorizo-Scheiben. Besser kann man sich kaum warmmachen.
Einen wirklichen Heimvorteil genießt ihr Kontrahent Jens Reinecke-Lippold nicht, auch wenn er gemeinsam mit seiner Ehefrau den Eichenhof führt. Der Hotelier ist in der Restaurantküche ebenso fremd wie die Portugiesin, er kocht wie sie sonst nur am heimischen Herd. So ist es für beide sehr hilfreich, dass ihnen Köchin Silvia Sadowsky zur Seite steht. Die Expertin für Vorspeisen und Desserts coacht die ambitionierten Küchenamateure perfekt und zeigt ihnen die Möglichkeiten, die die Profiküche bietet und von denen man als Hobbykoch sonst nur träumen kann.
Lippold vertritt Deutschland mit Schweinefilets in Sahnesoße mit grünem Pfeffer, Röstkartoffeln und Brokkoli. Die grün-weiße Farbgebung mag dabei zufällig sein, aber sie passt. Der gebürtige Bremer, der in Sankt Jürgen aufwuchs und dort selber aktiv bis zur B-Jugend kickte, ist sozusagen eingefleischter Werder-Fan. 1971, mit gerade mal sechs Jahren, war er das erste Mal im Weserstadion – und danach immer wieder. 40 Jahre lang hatte er eine Dauerkarte, selbst als er für einige Jahre in Nürnberg lebte, reiste er für jedes Heimspiel an. Auf dem Platz neben ihm saß immer sein Vater.
Das war im Stadion bis zum vergangenen Jahr immer so, im wirklichen Leben manchmal auch nicht. Wenigstens bei der Taufe von seinem Sohn Jens hatte Vater Reinecke Wichtigeres vor: Es war der 30. Juli 1966, Deutschland spielte im Weltmeisterschaftsfinale von Wembley gegen England. Wie es ausging, ist bekannt...
Ein solches Desaster aus deutscher Sicht soll dieses Mal ausbleiben – auf dem Rasen in Polen und der Ukraine ebenso wie am Herd im Worpswede. Die Frage Tor oder kein Tor stellt sich nämlich auch hier, aber die Tatsachenentscheidung wird in entspannter Atmosphäre und vor allem nach Abpfiff getroffen. Zuvor kommen die Mitspieler allerdings durchaus auch ins Schwitzen und das obwohl die Außentemperaturen eher gemäßigt sind.
Für Sadowsky ist es Berufsalltag, für Laien durchaus gewöhnungsbedürftig, wie heiß es in einer professionellen Küche wird, selbst wenn nur auf relativ kleiner Flamme gebrutzelt wird. Der mächtige Gasherd, der immer nur runtergedreht, aber nie ganz abgeschaltet wird, dazu die Wärmebank für die schon fertig angerichteten Teller, da ist die Luft in der Küche schnell hitzig – genauso wie die Atmosphäre, wenn hier etwas schief geht, während das Restaurant voll besetzt ist. "Das liegt natürlich immer am Temperament des Küchenchefs", weiß Silvia Sadowsky.
Beim deutsch-portugiesischen Zusammentreffen geht es äußerst entspannt und dennoch leistungsorientiert zu. Statt isotonische Getränke kühlt eine Weißweinschorle Gaumen und Gemüt, dennoch sind beide Gerichte sekundengenau nach 45 Minuten fertig. Den Anfang macht die "grüne Brühe", danach folgt der Fisch mit dem risottoähnlichen Tomatenreis. Unweigerlich kommt es zur Diskussion des wohl von Tim Mälzer erfundenen Begriffs der "Schlotzigkeit" in Bezug auf die Konsistenz. Die geht hier in Ordnung, allerdings empfindet das Schiedsrichter-Gespann den Reis als zu lau gewürzt, der Fisch ist außen kross und innen saftig – perfekt auf den Punkt gegart.
Auch beim folgenden deutschen Beitrag gibt es Licht und Schatten: Die Kartoffeln sind recht salzig und arg kross, das Brokkoli dafür etwas übergart, das Fleisch mit der sehr unkonventionellen Pfeffersoße sehr lecker. Sorgte die nicht gerade schlanke Zubereitung mit Sahne und Mayonnaise (!) bei den Unparteiischen noch für etwas Stirnrunzeln, so überzeugt das Ergebnis.
Da ist die Entscheidung am grünen Tisch schnell getroffen: Jeder entscheidet sich für den goldenen Mittelweg und gibt jeweils ein Tor für beide – das macht ein gerechtetes 2:2 und kann für alle als gelungener Start ins Turnier gewertet werden.
Verlängerungen sind in der Vorrunde nicht vorgesehen, dennoch kann eine kleine Extraspielzeit bei Kaffee und "Pasteis de Natas", portugiesischen Sahne-Pasteten nicht vermieden werden. Bei allen verführerischen Reizen dieser "kleinen Schweinerei" – es gibt sie erst nach Ergebnisverkündung und kann so die Unbestechlichkeit der Jury nicht beeinflussen.







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