
Lilienthal. Chronos kommt aus dem Griechischen und bedeutet Zeit. Daraus entstand das Wort Chronik , was jenes Dokument bezeichnet, das Erinnerungsschollen im Strom der Zeit verankern soll. Dörfer, Firmen, Vereine oder wer auch immer der Nachwelt von sich berichten will, schreiben Chroniken. Die Macher bestimmen, was erinnerungswürdig ist und was in Schränken oder Schubfächern vergilben muss. 3000 Exemplare á 300 Gramm – knapp eine Tonne Vereinsgeschichte stapelte sich vor Kurzem in der Geschäftsstelle des TV Lilienthal. "150 Sportliche Jahre" heißt die Festschrift anlässlich des 150-jährigen Vereinsbestehens.
Wie subjektiv eine Chronik ist, dessen ist sich die Sportwartin des TV Lilienthal, Birgit Papenmeier, durchaus bewusst. Als eines von drei Vorstandsmitgliedern, die zum Chronik-Team gehören, hat sie ein halbes Jahr Material gesammelt und gesichtet. Über die Auswahl sagt sie: "Ich glaube, andere Personen hätten etwas anderes ausgesucht." Ihr Kollege Hans-Joachim Meyer nickt. Der TVL-Vorsitzende Reinhard Schülke ergänzt, dass man im Verein um Mitarbeit gebeten habe, doch habe das Trio bemerkt: "Die kleinstmögliche Gruppe ist am effektivsten."
Auf dem Tisch liegt der Fundus, aus dem die neue Chronik zusammengestellt wurde. Ein großes Puzzle, zusammengetragen von Vereinsmitgliedern: angegilbte Zeitungsausschnitte, lose Fotografien oder Alben, ein ehemaliger Vereinsvorsitzender im Öl-Selbstbildnis, handschriftliche Erinnerungen. Schülke nimmt eine Zeitung zur Hand und schmunzelt über "schmalzige Texte": Gedichte und Soldatenlieder. Ein wenig schmerzt ihn, dass diese Quellen bald wieder bei ihren Besitzern in den Schränken verschwinden. "Vor sechs Jahren hätte man im Grunde anfangen müssen, das Ganze professionell aufzubereiten." Er seufzt. Ein ehrenamtlicher Archivar wäre schön. Vor sechs Jahren hatte Schülke auf der Jahreshauptversammlung des TVL die Mitglieder erstmals um Material für die Chronik gebeten. Was jetzt vor ihm liegt – er deutet mit der Hand über die Tische: "Das alles ist Geschichte."
Das Chronik-Trio komprimierte 150 Vereinsjahre auf sechs Seiten. Hans-Joachim Meyer erzählt, dass sie dafür beispielsweise die Mitgliederversammlungs-Protokolle aus 150 Jahren gelesen haben. Alle. "Das hat unendlich viel Zeit gekostet." Daraus wählten sie aus, schrieben vier Seiten Fließtext und acht Seiten Vereinsgeschichte, nach Jahren sortiert. Manch einem Jahr wiesen sie nur zwei Zeilen zu. So steht etwa für 1862: "Gründungsversammlung des Männer-Turnverein-Lilienthal, auf der Carl Spaniel zum ersten Vorsitzenden gewählt wurde." Zwischen 1864 und 1882 scheint beim TVL nichts Nennenswertes passiert zu sein. Diese Jahre fehlen, und auch für 1971 fassten sich die Chronikschreiber kurz: "50 Jahre Frauenturnen wird gefeiert!" In den 80er-Jahren zeichnet sich ab, was in den 90er-Jahren offensichtlich wird: Der jüngeren Geschichte gibt diese Chronik mehr Raum. Reinhard Schülke begründet: "Über die alten Zeiten berichten die Festschriften zum 100-jährigen und zum 125-jährigen Vereinsbestehen. Das wollten wir nicht wiederholen."
Wie ein Familienalbum
In den übrigen zwei Dritteln der Festschrift berichtet der TVL mit Bildern und Berichten aus seinen Abteilungen, wie er sich in den vergangenen 25 Jahren entwickelt hat und in seinem 150. Jahr sieht. Schülke schmunzelt und sagt: "Das ist für die Nachwelt."
"Das ist das Gleiche, wie zuhause im Familienalbum zu stöbern", vergleicht Hans-Joachim Meyer, wenn er in der Vereinschronik liest. Das mache Spaß. Wie zum Beweis fischt Schülke ein Schwarz-Weiß-Bild vom Tisch und hält es ihm grinsend hin. Wer der vollbärtige junge Mann ist, der erschöpft auf einem Turnhallenboden sitzt, will er wissen. Meyer erkennt ihn nicht. Es ist der heutige Lilienthaler Bürgermeister Willy Hollatz. 1973 siegte er beim damals letzten Dr.-Hühnerhoff-Gedenklauf, weiß Schülke. Vor einem Jahr hat der Verein den Lauf zu neuem Leben erweckt. Und am 15. September startet im Stadion Schoofmoor die Jubiläumsausgabe.
Sportwartin Papenmeier findet es unterhaltsam, in Chroniken zu lesen, wie es früher einmal war. Ihr sei aufgefallen, dass Turnfeste einmal etwas ganz Wichtiges waren. "Und die Stiftungsfeste", ergänzt Schülke fröhlich. Daran erinnern er und Meyer sich noch begeistert: "Bei Murken war der Saal rappelvoll." Davon erzählt die Festschrift nicht. Manche Dinge werden wohl doch nur mündlich überliefert.







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