
Bremervörde. Zusammen mit Fabian Harloff und Someday Jacob stehen Sänger Jan Plewka und seine Truppe Selig auf der Bühne in idyllischer Umgebung. Die Wahl von Ort, Form und Ausgestaltung des Overland-Festivals, das zum ersten Mal stattfindet, stimmt. Mit Selig ist zudem ein zugkräftiger Headliner am Start, dessen Musik durchaus Generationen verbindet.
Das passt zum Gesamtkonzept, das ein kostenloses Kinderprogramm am Nachmittag mit einschließt. 240 junge Fans von Bob, dem Baumeister, sind gekommen, um zusammen mit Fabian Harloff, der deutschen Synchronstimme der Figur, das Titellied der Fernsehsendung zu singen. Ohne Helm und Schippe, dafür mit Mikrofon und Gitarre, spielt Harloff am Abend dann für die etwas älteren Besucher.
Aber auch hier geht es zumindest am Rande um Kinder, denn von jeder Eintrittskarte gehen fünf Euro an den Verein Trauerland, der Kinder beim Verlust von Eltern oder Geschwistern unterstützt. Bei weit über 800 Besuchern zeigen sich Verein, Veranstalter Ralf Poppe, die Concordia-Stiftung als Sponsor und Vertreter der Stadt Bremervörde hoch zufrieden.
Das können sie sich auch mit den künstlerischen Darbietungen sein, die die drei engagierten Bands abliefern. Someday Jacob, ein noch relativ junges Bandprojekt um den Musikjournalisten Jörn Schlüter, eröffnen den Abend bei unerwartet schönem Wetter, das – noch unerwarteter – bis zum Ende hält. Mit meist sehr ruhigen, folkigen Akustiksongs passt die Band bestens in die Landschaft, eine schönere Einstimmung für einen Abend am See mit guter Musik kann es kaum geben. Auch Schlüter, der in Bremervörde aufwuchs, blickt versonnen übers Wasser und erinnert sich an seine jugendlichen Tretbootfahrten mit vielen Zwischenstopps zum Knutschen.
Ein rustikaler Baumeister
Nach diesem Auftakt geht es dann bei Harloff und seiner Band deutlich rustikaler zur Sache – musikalisch wie textlich. Vielleicht hat der Synchronsprecher, Schauspieler und Musiker doch ein wenig vom eher rauen Ton auf Baustellen abbekommen. Jedenfalls macht er klar, dass sein Rock von einer Straße kommt, auf der meistens mit Vollgas gefahren wird. Feintuning ist nicht so sehr seine Sache, er ist mehr der Anheizer.
Wer dachte, dass es danach mit Selig musikalisch sozusagen direkt aus dem Baggerloch ins gediegene Wohnzimmer geht, sah sich getäuscht. Auch Plewka, Gitarrist Christian Neander und ihre Kollegen zeigen sich häufig von ihrer rockigeren Seite, zelebrieren einige ausufernde und psychedelische Instrumentalteile und greifen nur selten zur akustischen Gitarre. Die kommt beim Ton Steine Scherben-Klassiker "Halt dich an deiner Liebe fest" zum Einsatz – ein Moment, der mehr als jeder andere unterstreicht, wo die Wurzeln dieser Band liegen. Die Ähnlichkeit von Plewkas und Rio Reisers Stimme ist sowieso allgegenwärtig. Würde der "König von Deutschland" noch leben, vermutlich klänge er heute ziemlich genauso wie Selig.
Wie wenige andere deutsche Bands schaffen es die Hamburger, die ganz großen Gefühle heraufzubeschwören ohne dabei pathetisch zu werden. Sie spielen mit Intensität und Leidenschaft und leben so Songs, deren Texte wiederum programmatisch auf die Verfasser selbst bezogen werden könnten. "Die alte Zeit zurück", das besetzten sie selber viel positiver als in dem gleichnamigen Song gemeint. Zeilen wie "Wir werden uns wiedersehen, vielleicht nur um zu verstehen, dass das Leben an sich manche Wunder verspricht. Ob du es glaubst oder nicht, ich vergesse dich nie" singen nicht nur die Bremervörder so beherzt mit, als ob sie sie der Band selber ins Poesiealbum geschrieben respektive ins Webseiten-Forum gepostet hätten.
Die Treue zahlte sich aus, Selig sind nach über zehn Jahren Pause seit 2009 wieder aktiv, und ihr grandioser Auftritt in Bremervörde unterstreicht, warum so viele Musikfans diese Truppe so sehr vermisst haben. Sie sind der Höhepunkt einer gelungenen Veranstaltung, die tatsächlich alle Beteiligten selig macht.









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