"Unter diesen beiden Begriffen - Migration und Integration - verstehen alle etwas anderes", nähert sich die 45-Jährige aus der wissenschaftlichen Perspektive, seien es Betroffene, sei es die Politik oder der Sachverständigenrat der Bundesregierung, dem sie angehört. Sie zitiert die Bremer Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck, die von einer "Prozesshaftigkeit des Integrierens" spricht, also ein Vorgang, der niemals auf einem Status Quo verharrt.Generell werde zum Abgleich immer von einer Durchschnittsbevölkerung ausgegangen, "der niemand von Ihnen zu 100 Prozent entspricht", macht Karakasoglu den rund 40 Zuhörern die Schwierigkeit deutlich, eine Diskussionsbasis zu finden.
Auf der anderen Seite dürften in Deutschland aufgewachsene Kinder von Zuwanderern nicht mehr zu "den Migranten" gezählt werden, sagt Karakasoglu. "Man bedient sich aber eines Konstrukts, um sie fassbar zu machen." Sie führt durch das Dickicht an Etiketten: In Bremen spricht man etwa von Kindern mit "Migrationshinweis". Über 50 Prozent der Kinder, die dort eingeschult werden, haben mittlerweile einen Migrationshintergrund - ein weiterer dieser Begriffe. "Kann man angesichts dieser Zahl überhaupt noch von einer Minderheit sprechen, die in eine Mehrheit integriert werden muss?", fragt Karakasoglu.
Sie erzählt aus ihrer Kindheit. "Fremde Sprachen waren damals im öffentlichen Raum sehr ungewöhnlich." Geboren in Wilhelmshaven, ging sie ab der neunten Klasse in Achim aufs Gymnasium und machte dort ihr Abitur. Karakasoglu hat in Mainz und der Türkei gelebt, in Hamburg und Ankara studiert, an der Universität Essen über religiöse Orientierung und Erziehungsvorstellungen bei muslimischen Lehramtsstudentinnen promoviert. Derzeit erarbeitet sie mit Kollegen ein Gutachten für die Bundesregierung, wie sich Migration steuern lässt. Es ist ihr ein Anliegen, nicht nur zu lehren und zu forschen, sondern ihr Fachgebiet einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Sie will Impulse "jenseits der aufgeregten Debatte" setzen, um zu einer realistischen Sichtweise zu kommen. Ihren Zuhörern ist ebenfalls daran gelegen. "Vielleicht müssten auch wir uns mehr öffnen", sagt eine Dame aus dem Publikum, Integration sollte nicht nur von Behörden geleitet werden.
"Sehr viel läuft bereits ziemlich gut", bilanziert Karakasoglu den aktuellen Stand des Zusammenlebens von Deutschen und Einwanderern. Daher frage sie sich, woher die allgemeine Stimmung kommt und eine Bundeskanzlerin Multikulti als gescheitert erklärt. Allerdings werde in der reaktiven Integrationspolitik der Bundesrepublik erst seit 2005 wirklich etwas bewegt, etwa durch verpflichtende Sprachkurse. "Außerdem ist die Entwicklung zur Informationsgesellschaft über die alteingesessenen Migranten hinweg gerollt. Die nächste Generation wird es besser machen."
Der nächste Vortrag zum Thema in der St.-Laurentius-Gemeinde steht auch schon fest: Am 10. März spricht Wolfgang Reibold von der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover zum Thema "Westergaard, Sarrazin, Wulff - Wo stehen wir im christlich-muslimischen Gespräch?". Beginn ist um 20 Uhr im Gemeindehaus.








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