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Hausbesuch bei Verdens Bürgermeister Lutz Brockmann "Ich habe ein Gespür für meine Stadt"

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Entspannung beim Backgammon: Lutz Brockmann mit Lebensgefährtin Ulla Schobert im Wohnzimmer seines 70 Quadratmeter große
Entspannung beim Backgammon: Lutz Brockmann mit Lebensgefährtin Ulla Schobert im Wohnzimmer seines 70 Quadratmeter große

Vor dem kleinen Reihenhaus an einem Seitenweg des Meldauer Bergs steht ein Apfeldorn. Den hat Lutz Brockmann beim Einzug selbst gepflanzt. Aus dem Bäumchen ist ein Baum geworden, Äste und Zweige hängen schon über dem Eingang. Brockmann hat erwogen, sie abzuschneiden, es bisher aber nicht über sich gebracht. "Ziehe ich eben den Kopf ein, das ist mir lieber."

Der Bürgermeister entschwindet in die kleine Küche und taucht mit einer Käsetorte wieder auf. Ein Prachtexemplar. Gar nicht in sich zusammengesunken, wie es Käsekuchen gerne tun. "Die habe ich gestern Abend gebacken", verkündet der Hausherr. Das Rezept hat er von einer Freundin aus Studientagen.

Ulla Schobert, Brockmanns Lebensgefährtin, brüht Tee auf. Sie wohnt nur ein paar Schritte weiter in einem eigenen Reihenhaus. Diese Lebensform wird in Verden immer mal wieder gerne diskutiert. Für das Paar hat sie sich bewährt. Beide Vollblutpolitiker - er Sozialdemokrat, sie Grüne - haben sie neben ihrem Beruf viel um die Ohren. Da ist es ganz schön, ein paar Stunden des Tages allein zu sein.

Vor 22 Jahren, als Tochter Gwenda sich ankündigte, hatten sie durchaus erwogen, unter ein Dach zu ziehen. "Aber das hätte ein Haus sein müssen mit zwei Wohnbereichen, Küche und Bad in der Mitte. So was haben wir nicht gefunden", sagt Ulla Schobert. Brockmann war damals nicht ganz so begeistert, jetzt genießt er die Vorzüge. "Wenn ich abends nach Hause komme, bin ich froh über die Ruhe und die Stille."

Im Wohnzimmer über Eck zwei schwarzlederne Sofas, Gläser in einer schmalen Vitrine, neben dem Esstisch ein Schränkchen, vor dem Fenster eine hohe Vase mit leuchtenden Gladiolen. "Wenn die blühen, schenke ich Ulla immer Blumen." Auf dem Boden zwei Körbe mit Steinen, weitere Steine hat Brockmann auf der Fensterbank drapiert. Mitbringsel aus dem Urlaub. Aber wo ist der Fernseher? "Ich habe keinen."

Seine Informationen über die Vorgänge in der Welt bezieht er aus Zeitungen und aus dem Radio - morgens, wenn er zum Frühstück heißes Wasser trinkt. Erst später, im Rathaus, steigt er auf Kaffee um. Zu Hause mag er am liebsten Tee, ab und zu auch ein Glas Rotwein.

Wie Gerd Schröder am Zaun des Bundeskanzleramtes gerüttelt und gesagt haben soll "Hier will ich rein", so reifte in Brockmann irgendwann in den 1990er Jahren der Gedanke, Bürgermeister von Verden werden zu wollen. "Als beschlossen wurde, daraus eine hauptamtliche Aufgabe zu machen, war das noch ein Grund mehr, das Amt anzustreben."

Was bedeutet ihm Verden? Brockmann: "Da komme ich her, da will ich bleiben. Ich glaube, dass ich hier ganz viel bewirken kann, dass ich ein Gespür für meine Stadt habe und für die Menschen, die darin leben. Ich weiß, was zu Verden passt, und ich erkenne die darin liegenden Chancen."

Zeit für die Fotos. Er kann es nicht lassen: Möchte am liebsten bestimmen, wie und wo die Aufnahmen gemacht werden. Nein, mein Herr, so nicht. Ich sage ja auch nicht, wie Sie Ihren Job als Bürgermeister zu machen haben. Was ist das nur? Der Vorrat an Ideen, die nur so aus Brockmann heraussprudeln? Kontrollzwang? Vielleicht sogar Selbstherrlichkeit?

Brockmann wird vorgeworfen, dass er sich im Rathaus in alles und jedes einmischt, nicht delegieren kann. So sei das nun auch wieder nicht, sagt er. Ja, er bekomme Kritik, "aber da gibt es auch viele, die von meinen Ideen begeistert sind." Und wenn er in bestimmten Dingen nachhake, gehe es oft um Dinge, die er in seinen Bürgermeistersprechstunden zu hören bekomme. "Und dann frage ich natürlich bei den Mitarbeitern nach." So verstehe er sein Amt.

Es war seine Beharrlichkeit, die ihn dorthin geführt hat. Als er als damals jüngstes Mitglied in den Stadtrat gewählt wurde, überschüttete er die SPD-Fraktion mit seinen Vorstellungen, schrieb Antrag um Antrag und schaffte es meistens, seine weniger forschen Parteifreunde zu überzeugen. "Ich bin ein freundlicher Mensch, ich brülle nie", sagt Brockmann, und schiebt mit einem leichten Lächeln hinterher: "Abgesehen vielleicht von gelegentlichen Verzweiflungsschreien, als unsere Tochter in der Pubertät war."

Gwenda ist das Kind ihrer Eltern, auch sie geht selbstbewusst ihren eigenen Weg. Nach Auslandsaufenthalten wird sie demnächst an der Uni Göttingen "Interdisziplinäre Indienstudien mit Schwerpunkt Politik und Wirtschaft" studieren. Dass sie zwei Kinderzimmer hatte, sei für die Tochter nie ein Problem gewesen, so Ulla Schobert. "Sie hat immer von Vater- und von Mutterhaus gesprochen. Und wir haben immer dafür gesorgt, dass wir Zeit für sie hatten."

Dass Brockmann als Bürgermeister so viel Wert auf gute Strukturen für Familien legt, ist auch seiner Erfahrung als Vater geschuldet. Als Gwenda noch klein war, arbeitete ihre Mutter als Sozialpädagogin im Verdener Gefängnis, Brockmann als Umweltbeauftragter bei der Gemeinde Dörverden. Die seinerzeit noch eingeschränkten Kindergartenzeiten stellten sie, wie viele andere Eltern auch, vor ernsthafte Probleme. "Ich habe damit gedroht, ihm das Kind auf den Schreibtisch zu setzen, wenn er es nicht rechtzeitig aus dem Kindergarten abholt", schmunzelt Schobert.

Daraufhin legte Brockmann seine Arbeitszeiten so, dass die Betreuung der Tochter gewährleistet war. Und wunderte sich: "Mein damaliger Arbeitgeber war sofort einverstanden." Seit dieser Zeit wisse er, wie Menschen fühlten, die Beruf und Familie unter einen Hut bringen müssten.

Aufgewachsen ist Brockmann in Eitze mit zwei Schwestern, einem Bruder, den Eltern und den Großeltern. "Von meiner Familie habe ich mitgekriegt, dass es Freude macht, sich zu engagieren." Nach der Realschule besuchte er das Gymnasium am Wall, verließ es mit dem Abitur und studierte Stadt- und Regionalentwicklung in Göttingen und Hannover. Sein Wissen als Diplom-Geograph kam ihm für Verden zugute: Die Konrad-Wode-Straße zur Entlastung des Nordertors über das ehemalige Schlachthofgelände zu führen, gehört zu den Dingen, die von Brockmann ausgingen.

Ulla Schobert begegnete er erstmals im Stadtrat, dem sie beide angehörten. Das war 1986, ein Jahr später wurde aus den Beiden ein Paar. Trotz - oder wegen - der getrennten Wohnungen versuchen sie, möglichst viel gemeinsam zu machen. "Wenigstens zweimal in der Woche treffen wir uns zum Essen", berichtet Schobert, heute geschäftsführende Leiterin des Verdener Frauenhauses und der Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt.

Manchmal laufen sie sich bei politischen Terminen über den Weg, zum festen Ritual gehört das Frühstück am Wochenende. Was bedeutet, dass der Frühaufsteher Brockmann sich gedulden muss und die Spätaufsteherin Schobert früher aus den Federn kriecht, als ihr eigentlich lieb ist. Dafür erledigt er in der Regel den Wochenendeinkauf auf dem sonnabendlichen Bauernmarkt. "Als ich Bürgermeister geworden bin, haben wir vereinbart, dass wir unser Leben ganz normal weiterführen wollen."

Brockmann gilt als Arbeitstier, er kommt locker auf 50 bis 60 Stunden in der Woche. Ein Workaholic? "Da bin ich gefährdet, glaube ich. Ich empfinde schon Druck, drängende Aufgaben schnell zu erledigen." Zum Runterkommen räumt er gerne sein Büro auf oder radelt "durch meine Stadt". Zu Hause dann ein Buch, bevorzugt historische Romane und Biografien über Persönlichkeiten, die Politik geschrieben haben. "Endspiel" von Ilko-Sascha Kowalczuk von Beck über die letzten Monate der DDR hat er verschlungen, die Lektüre sei "hochspannend" gewesen.

Oder "Zeit als Lebenskunst" von Olaf-Georg Klein. "Was ich da gelesen habe, hat mich Gelassenheit gelehrt", sagt Brockmann. Seitdem könne er sich voll auf Situationen konzentrieren, ohne in Gedanken woanders zu sein. Und zwar gänzlich unabhängig von der Person, mit der er gerade rede. "Ich bin neugierig, und ich mag Menschen. Indem man ihnen wirklich zuhört, kriegt man viel mehr mit."

Der kleine Garten vor der Wohnzimmerterrasse ist in der Abenddämmerung kaum noch auszumachen, das zwischen Bäumen üppig wachsende Gras nicht mehr zu sehen. Brockmann: "Mit dem Rasenmähen habe ich's nicht so." Da ist ihm eine Partie Backgammon mit Ulla Schobert allemal lieber.



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admiral41 am 19.05.2013 16:58
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querdenkerschraegschreiber am 19.05.2013 15:21
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