
Seit der Kommunalwahl 2006 wird der Landkreis Verden de facto von einer großen Koalition aus SPD und CDU regiert. Einen Tag vor der konstituierenden Kreistagssitzung hatten SPD, die 20 Sitze errungen hatte, und CDU (19 Sitze) bekanntgegeben, dass sie die nächsten fünf Jahre in einer offenen Zweierbeziehung zusammenarbeiten wollten. Mit der Vereinbarung war die rot-grüne Ehe im Verdener Kreistag Geschichte. Sie war die erste in Niedersachsen und hatte 20 Jahre gehalten.
Die konstituierende Sitzung des Verdener Kreistags fand vor fünf Jahren ohne das NPD-Mitglied Rigolf Hennig statt. Der damals 70-Jährige saß wegen schwerer Verunglimpfung des Staates im Gefängnis. Ebenso je ein Sitz ging damals an die Neue Ökologische Linke NÖL und eine Wählervereinigung namens WGA-LV. Die FDP errang drei Mandate, bei den Grünen reichte es für fünf Sitze.
Rotschwarze Etat-Sanierung
Die rot-schwarze Mehrheit erwies sich bis zum Schluss als stabil. Viele Beschlüsse, wie zuletzt die Einrichtung der kreisweit ersten Gesamtschule in Oyten, wurden einstimmig oder mit großer Mehrheit gefasst. Im Konsens wurde der Haushalt saniert, der 2007 noch ein Millionen-Defizit aufwies. 50 Stellen in der Verwaltung wurden abgebaut, die Kreisschulbaukasse auf das gesetzliche Mindestmaß geschrumpft, das Defizit der Kreismusikschule auf 270000 Euro dauerhaft halbiert.
Für die chronisch defizitären kommunalen Krankenhäuser in Verden und Achim fand sich mit dem Rotenburger Diakoniekrankenhaus ein neuer Betreiber, der sich in diesem Jahr sogar mit 26 Prozent beteiligt hat. Trotzdem bleiben die Kliniken, die in den vergangenen Jahren mehrmals knapp an der Insolvenz vorbeigeschrammt sind, Sorgenkinder von Kreistag und Verwaltung. 2010 haben sie einen Betriebsverlust von 4,8 Millionen Euro eingefahren, das sind rund 10000 Euro Miese pro Tag.
Klimaschutz und erneuerbare Energie - im Landkreis Verden sind das keine Themen, über die sich die großen Parteien streiten. Alle sind dafür, Wind und Biogas maßvoll und im Konsens mit der Bevölkerung auszubauen. Schon jetzt werden rund 34 Prozent des im Landkreis verbrauchten Stroms durch erneuerbare Energien erzeugt. Laut Landrat Peter Bohlmann könnte die Quote bis 2020 auf 60 Prozent erhöht werden. Einzelne Gemeinden sind schon jetzt viel weiter. Die Gemeinde Kirchlinteln erzeugt schon seit Jahren mehr regenerativen Strom als seine Bevölkerung verbraucht. Über seine Kreisbaugesellschaft hat der Landkreis in den vergangenen Jahren mehrere Millionen Euro in Wärmedämmung und andere Energieeinsparmaßnahmen investiert.
CDU-Lob für SPD-Landrat
Die CDU hatte nie etwas an Landrat Bohlmann (SPD) auszusetzen. Im Gegenteil, der erst 39-jährige Verwaltungschef, gelernter Heizungsbauer sowie Diplom-Volkswirt und Diplom-Ökonom, bekam auffällig häufig Lob aus den Reihen der Union zu hören. Die verzichtet sogar auf einen eigenen Kandidaten für die Landratswahl, sodass Bohlmann am 11. September gegen Benjamin Berg (FDP) und Martin Deter (Grüne) antritt. Beide sind auf Kreisebene relativ unbekannt.
Für die Kreistagswahl ist der Landkreis Verden in vier Wahlbereiche aufgeteilt worden. Bei der SPD werden alle vier Listen von Frauen angeführt. "Wir wollen den Frauenanteil in unserer Fraktion weiter erhöhen", sagt Pressesprecher Heinz Möller. Derzeit sind sechs der 20 Fraktionsmitglieder weiblich, angestrebt werde ein Frauenanteil von 50 Prozent. Bei der CDU gibt sich Parteichef Adrian Mohr bescheidener, was die Weiblichkeit angeht. "Wir hoffen, dass wir den Frauenanteil zumindest halten", sagt er. Im derzeitigen Kreistag sind fünf der 19 CDU-Abgeordneten Frauen. Zwei von ihnen, die frühere Verdener Bürgermeisterin Angelika Rosenthal und die frühere Langwedeler CDU-Vorsitzende Imke Thielker, treten jedoch nicht mehr an. Dafür kandidiert der Langwedeler CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Mattfeldt für den Kreistag. "Der hat bei der vorigen Kommunalwahl mehr als 3000 Stimmen bekommen, obwohl er auf dem letzten Listenplatz stand", sagt Mohr.
Bei den Grünen tritt das komplette Kreistags-Quintett (drei Frauen, zwei Männer) erneut an. Der Frauenanteil in der Fraktion von 60 Prozent ist im Kreistag einsame Spitze. Im FDP-Trio beträgt der Frauenanteil derzeit genau null Prozent. Ebenfalls in allen vier Wahlbereichen antreten werden die Partei Die Linke und die NPD, während die Wählergemeinschaften WGA-LV und UBL nur in Achim beziehungsweise in Thedinghausen-Langwedel-Kirchlinteln um Wählerstimmen buhlen.
Der Landkreis Verden ist nicht gerade ein armer Landkreis. Mit seiner Steuerkraft gehört er zu den fünf besten in Niedersachsen. Die Finanzen haben sich so positiv entwickelt, dass der Landkreis in diesem Jahr keine Kredite aufnehmen muss, um seine Investitionen zu bezahlen. In den letzten Jahren sind Fördermittel von EU, Bund und Land in Höhe von 29 Millionen Euro in den Kreis Verden geflossen. 2,5 Millionen Euro davon werden im ehemaligen Kasernengelände in Dörverden investiert, wo ein Gewerbegebiet entwickelt wird. Der mit mehr als vier Millionen Euro höchste EU-Zuschuss, der jemals für ein Projekt im Kreis Verden zugesagt wurde, kommt dem Zentrum für nachhaltiges Bauen zugute. Die Arbeitslosenquote bewegt sich derzeit mit 5,3 Prozent deutlich unter dem Bundesdurchschnitt (7 Prozent).
Fünf Wahlzettel für Verdens Ortsteile
Die meisten Wahlzettel, nämlich fünf, müssen die Bewohner der Verdener Ortsteile ausfüllen. Sie dürfen neben Kreistag und Landrat, Bürgermeister und Stadtrat noch ihre Ortsräte wählen. 115 Frauen und Männer bewerben sich um den Einzug in den Verdener Stadtrat, was den Wahlzettel auf ein stolzes Maß von 70 mal 50 Zentimeter wachsen lässt.
Die Bürgermeisterwahl verspricht spannend zu werden: Neben Amtsinhaber Lutz Brockmann (SPD) tritt bei der Wahl am 11. September Heinrich Klopp (CDU) an. Der 51-jährige Diplom-Geograph Brockmann war im September 2003 mit 55,1 Prozent der Wählerstimmen zum ersten hauptamtlichen Bürgermeister der Stadt Verden gewählt worden. Sein Konkurrent war Gebhard Rosenthal, damals wie heute Vorsitzender der CDU-Fraktion im Stadtrat. Diesmal bietet die CDU mit Heinrich Klopp einen Mann von außen auf. Der 48-jährige promovierte Jurist ist Regierungsdirektor und vertritt derzeit die Interessen des Landes Sachsen in den Bereichen Wirtschaft, Arbeit, Energie und Verkehr in Brüssel.
Grüne gegen Grüne
In der Gemeinde Ottersberg tritt neben den Bündnis-Grünen noch eine Freie Grüne Bürgerliste zur Gemeinderatswahl an. Sie ist durch die Fusion zweier Grüner Wählergemeinschaften entstanden und verfügt über fünf Sitze - zwei mehr als die Original-Grünen. Die Grünen sind traditionell sehr stark in Ottersberg, im Ortsteil Fischerhude waren sie auch schon lange vor der Atomkatastrophe in Fokushima für 25-Prozent-Ergebnisse gut.
In Achim, mit rund 30000 Einwohnern größte Stadt im Landkreis Verden, hat sich die Bürgerinitiative gegen den mittlerweile verwirklichten Verkehrskreisels einer Wählergemeinschaft angeschlossen. Bestimmt wird die Stadtpolitik aber von der SPD, der größten Fraktion, die sich ihre Mehrheiten mal mit den Grünen, mal mit der Wählergemeinschaft sichert. Der neue Stadtrat wird sich darum kümmern müssen, wie sich die Innenstadt weiterentwickeln soll, wenn das Gefängnis erst mal abgerissen ist. Auch die Umwandlung des ehemaligen Kasernengeländes in Wohn- und Gewerbeflächen wird die Politiker in den nächsten Jahren beschäftigen.








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