
Weil er beim Einsteigen in Bremen den defekten Ausstieg gegenüber übersehen hatte, ist ein Rollstuhlfahrer mit der Regio-S-Bahn von Bremen über Bremerhaven nach Osterholz-Scharmbeck gefahren. Da sein E-Rolli nicht durchs Abteil zur nächsten Tür passte, blieb ihm nur das Abwarten bis zur Rückfahrt. Als Mitreisende findet die Ritterhuderin Lena Glinder den Fall ungeheuerlich; ihre Beschwerde liegt NWB-Sprecher Timo Kerßenfischer inzwischen vor.
Er äußert auf Nachfrage sein Bedauern und will gar nicht erst nach Ausreden suchen. "Der Fahrgast hat leider wirklich Pech gehabt", räumt er gegenüber unserer Zeitung ein. "Ein ganz dummer Fall, der zum Glück sehr selten vorkommt." Da sich der Mann nicht selbst gemeldet habe, bleibe ihm nur der Weg der öffentlichen Entschuldigung. So ein Türendefekt sei ja durchaus nicht die Regel.
Zu Gunsten einer größeren Durchgangsbreite könne die Nordwestbahn nicht auf ein Viertel oder gar Drittel der Sitzplatzkapazität verzichten. Das sei nicht zumutbar, findet Kerßenfischer und fügt hinzu: Eine Sperrung auch der intakten Tür gegenüber wäre im vorliegenden Fall ja ebenfalls niemandem gerecht geworden.
Die von Bremer Behindertenverbänden erhobene Forderung nach einer größeren Gangbreite für Rollstühle und auch Kinderwagen war vor Jahresfrist durch das Eisenbahn-Bundesamt abgewiesen worden. Die Bonner Behörde hatte, wie berichtet, den Triebwagen der Nordwestbahn die Barrierefreiheit bescheinigt, da die Gänge im Mehrzweckabteil mit 810 Millimetern um genau zehn Millimeter breiter seien als das Minimum der maßgeblichen EU-Norm.
Der Zwist hatte der Regio-S-Bahn reichlich Negativschlagzeilen beschert, weshalb Timo Kerßenfischer nun auch betont: "Der Coradia Continental, mit dem wir fahren, gehört hinsichtlich der Ausstattungsmerkmale zu den behindertenfreundlichsten Elektrozügen, die zurzeit in Deutschland unterwegs sind." Im Betriebsalltag gebe es mit der Durchgangsbreite auch nur sehr selten Schwierigkeiten.
Das jüngste Problem mit dem Elektrorollstuhl, beharrt Lena Glinder, sei durch das Fehlen von Zugpersonal noch verschärft worden: Als sich hinter dem Fahrtziel Osterholz-Scharmbeck in Oldenbüttel die intakte Türenseite Seite öffnete, gab es wegen des Höhenunterschieds zum Bahnsteig kein Rauskommen. Erst als der Notknopf wiederholt betätigt wurde, schaute der Zugführer vorbei, erinnert sich die Leserin. Der Gehbehinderte habe sich noch Vorhaltungen gefallen lassen müssen, dass er das Schild an der blockierten Tür übersehen habe. Auch ein Hinaustragen mit vereinten Kräften sei keine Option, hieß es.
NWB-Sprecher Kerßenfischer erklärt, die dünne Personalbesetzung sei weder ungewöhnlich noch die Ausnahme. "Bei uns ist generell jeder vierte Zug mit einem Service-Mitarbeiter besetzt." Tatsächlich hätte der Fahrer dem Betroffenen im Notfall durchaus ein Taxi anbieten können; die Belehrungen seien unnötig gewesen.
Glinder ärgert sich trotzdem: "Der Mann war in Bremen zunächst voll und ganz damit beschäftigt, seinen Rollstuhl zu parken." Regelmäßige Bahnfahrer mögen schon bei der Abfahrt die richtige Ausstiegsseite kennen. Aber selbst wenn der Mann im Rollstuhl den Hinweis auf den Türdefekt gleich entdeckt hätte, so hätte er es doch kaum rechtzeitig wieder hinaus und über den Bahnsteig zur nächsten Tür geschafft, sagt die Augenzeugin.
Sie hat das Erlebnis zum Anlass für einen längeren Beschwerdebrief genommen, den die Nordwestbahn nach den Worten ihres Sprechers auch Punkt für Punkt beantworten will. So sei die Kritik am Höhenunterschied der Bahnsteige verständlich, aber aus NWB-Sicht zurückzuweisen. Die Deutsche Bahn lasse die Bahnsteige in diesen Wochen sukzessive barrierefrei umbauen; auf der Linie RS2 (Bremen-Bremerhaven) ist noch einiges zu tun, zwischen Verden und Farge (RS1) sei sie schon weiter: Bis auf einen Bahnsteig seien dort nun alle höhengleich. "Das ist natürlich für alle toll, nicht nur für Menschen im Rollstuhl."
Sodann kritisiert Glinder die Überfüllung der Züge vor allem bei Großveranstaltungen und zur Hauptverkehrszeit. Laut Kerßenfischer sei das Problem des ersten Betriebsjahrs ausgestanden, als der Hersteller zunächst nur einen Teil der Flotte liefern konnte. Inzwischen aber sei man in den Nachfragespitzen mit maximaler Kapazität unterwegs. Mehr könne man nicht anbieten, mehr sei auch nicht im Länderauftrag enthalten, der für die Finanzierung des Betriebs letztlich maßgeblich sei.
Zerknirscht äußert sich die Nordwestbahn in Sachen Pünktlichkeit: Wegen zahlreicher Baustellen rings um Bremen und des eingeschränkten Intercity-Angebots sei die S-Bahn doppelt ausgebremst: Direkt durch die Bauarbeiten und indirekt durch verspätete Fernzüge, auf die der Nahverkehr warten muss. Die Folge: "Die RS 2 ist zurzeit mit Abstand unsere Linie mit den häufigsten Verspätungen." Und nur ein Teil davon ist absehbar und wird Tage im Voraus angekündigt. Zudem sei das Netz insgesamt stark belastet, auch durch Güterzüge. Zum Fahrplanwechsel im Dezember werde die Pünktlichkeit "hoffentlich wieder besser".
Zu Glinders Kritik an defekten Fahrkartenautomaten und Problemen beim Ticketkauf im Zug erklärt Timo Kerßenfischer, das Problem liege in der Wahrheitsfindung. Erst neulich sei eine 89-jährige Schwarzfahrerin als notorische Wiederholungstäterin aufgekippt. "Unser Personal weiß in der Regel, welcher Automat defekt ist." Dann sei der Fahrscheinkauf beim Zugbegleiter problemlos ohne Aufpreis möglich. Im Zweifelsfall nehme der Service-Mitarbeiter die Personalien auf und lässt die Sache prüfen. Normalerweise sei dann eine Fahrpreis-Nacherhebung per Überweisung möglich.
Hat der Fahrgast indes geflunkert, werden 40 Euro plus Fahrpreis fällig – auch im Interesse der ehrlichen Fahrschein-Käufer. "Wir möchten, dass es bei allen Verkehrsunternehmen dasselbe Vorgehen gibt."








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