Hambergen. Professor Manfred Stöckler ahnte, auf welche Sache er sich eingelassen hatte. Er habe leichtfertig zugesagt, einen Vortrag im Rahmen der CreARTour zu halten, bemerkte er in seiner Einleitung. Der Touristikbeauftragte der Samtgemeinde Hambergen, Thorsten Milenz, und Maler Dieter Kupferschmidt hatten den Philosophen gebeten, die Kreativität in der Kunst zu untersuchen, um die Jubiläumsveranstaltung etwas "aufzupeppen". Das Projekt, bei dem Hamberger Künstler ein Wochenende ihre Ateliers öffnen, findet dieses Jahr zum zehnten Mal statt.
Stöckler befasst sich privat auch mit künstlerischen Dingen, ist aber kein Experte. Seine Dissertation trug den Titel "Philosophische Probleme der relativistischen Quantenmechanik". Was der Referent im Rathaus der Samtgemeinde Hambergen zu sagen hatte, fiel zeitweise sehr wissenschaftlich aus. Und seine Überlegungen, ob sich Kreativität in Wissenschaft und Kunst unterschiedlich beurteilen lasse, dürften für die Zuschauer nicht immer einfach nachvollziehbar gewesen sein. Kunst sei sicher etwas Emotionales und nicht immer greifbar, wandte ein Gast ein. Das ist das Kernproblem, das Stöckler zu bewältigen hatte. Die Beantwortung von Fragen würde eine gültige anerkannte Definition von Kunst voraussetzen, die Stöckler auch nicht liefern wollte und konnte.
"Kreativität ist die Fähigkeit zur Neuschöpfung aller Art", erläuterte der Professor der Universität Bremen. Aber nicht alles Neue sei automatisch gut, warnte er. Kreativität sei nicht allein das Abweichen vom Bisherigen. Es müssten auch bessere Lösungen für ein Ziel erreicht werden. Ohne Verständnis und Anerkennung dieser durch andere sei Kreativität nicht möglich. Stöckler räumte allerdings ein, dass diese nicht immer schnell erreicht werden könnte. Kopernikus sei ein Musterbeispiel für Kreativität. Sein Modell des Sonnensystems mit der Sonne als Mittelpunkt widersprach dem Bisherigen und Kopernikus musste kämpfen, bis es anerkannt wurde.
Auch wenn Kreativität wichtiger Teil des wissenschaftlichen Fortschritts sei, könnten Grenzen vorteilhaft sein. Der Wissenschaftler Thomas Kuhn sei der Meinung, es wäre gut, wenn eine Zeit lang ein bestehender anerkannter Regelrahmen bestehe, innerhalb dessen sich die Erkenntnisse entwickeln könnten. Erst wenn Abweichungen und Probleme sich häuften und den Rahmen infrage stellten, käme es zur Revolution. "Diese Phasen entsprechen vielleicht den Stilen in der Kunst", findet Stöckler. Sicher war er sich dabei offenbar selber nicht. "Wissenschaft hat nur ein Ziel, die Kunst sehr viele", gab er zu bedenken.
Eine Sache wollte Stöckler aber auch auf die Kunst übertragen sehen: Es gibt auch hier Regeln. Kreativität setze deshalb eine ästhetische Bildung und praktische Fertigkeiten voraus. Nur wer die Regeln der Kunst beherrsche, kann sie bewusst verletzen, um etwas Kreatives zu schaffen. Eine These, die auf dem Weg nach Hause kontrovers diskutiert wurde. Stöckler gab aber zu: Kunst sei nicht so recht greifbar. Moderne Kunst funktioniere nicht nur durch reines Ansehen. Es seien Informationen über und durch den Künstler nötig. Projekte wie die CreARTour seien gute und wichtige Möglichkeiten für einen solchen Dialog. Eine Frage blieb offen: Sind nur neue kreative Werke nach dieser Definition gute Kunstwerke? Bei einer Reihe würde sich ein Künstler selber kopieren und schon das zweite Werk wäre nicht mehr kreativ, stellte Kupferschmidt fest.







Niederschlagswahrscheinlichkeit: 
Noch nicht registriert? Jetzt kostenlos registrieren »