
"Ek will mi nich lächerlich moken. Jetzt mokst du dat for mi." "Jan" Siemers nahm eines Tages vor 30 Jahren den jüngeren Freund Johann Beckmann zur Seite. Der Ältere hatte alles erlebt in der Kommunalpolitik, als früherer Bürgermeister von Garlstedt und nach der Gebietsreform Mitte der Siebzigerjahre als Wortführer der CDU im Stadtrat. Nun sollte Beckmann ran.
Siemers gefielen die Ansichten des jungen Ortsbrandmeisters. Nach drei Jahrzehnten denkt Beckmann wie sein Mentor: "Ek will mich nich lächerlich moken." Schüllen Jungkeerls dat moken. Einer der Altvorderen macht Schluss mit der Kommunalpolitik. Beckmann zählt auf diesem Gebiet zu den zurückhaltenden Typen. Seine Präsenz ist weniger an markiger Rhetorik als vielmehr an der langen Liste messbar, aus der Landrat Dr. Jörg Mielke neulich beim Empfang zu Ehren des Christdemokraten vorlas: Er bekam das Bundesverdienstkreuz fürs Geleistete.
Dazu zählt, dass Beckmann sich seit 50 Jahren als Vorstandsmitglied im örtlichen Erntefestkomitee engagiert. Vor 40 Jahren wählten ihn die Garlstedter zum ersten Mal in den damaligen Gemeinderat. Seit mehr als 30 Jahren ist er Mitglied der CDU-Fraktion im Stadtrat - seit 20 Jahren Ortsvorsteher in Garlstedt. Darüber hinaus war und ist die Feuerwehr Beckmanns Leben; er war Orts- und Gemeindebrandmeister. Ein "Ehrenbeamter durch und durch", befand der Landrat. Beckmanns Wort hat über Garlstedt hinaus Gewicht. Der "Runde Tisch", an dem er mit den Bürgern im Ort nach wie vor die wichtigen Themen bespricht, ist eine "überparteiliche Institution". Oft stehen sie als Thema im Stadtrat auf der Tagesordnung.
"Nun ist es gut", sagt Beckmann. Er sei neulich mit seiner Frau mal durch Masuren gereist; dort sei ihm endgültig klar geworden, wie wertvoll die Freizeit fürs Wohlbefinden ist - und die Zeit ohne Termine. Er wolle sich endlich mehr der Frau und den Kindern widmen, vor allem deren Kindern. Die Enkel hielten ihn jung, obwohl er beim Fußballspielen mit dem Jüngsten, Hanno, das Alter spüre. "Der Vierjährige hat's schon voll drauf. Na ja, ich werd's ihm schon zeigen", sagt Beckmann. Er prägte Jahrzehnte die Geschicke des SV Garlstedt mit; das kommt auch auf die Liste. Er ist bis heute im Ehrenrat des Vereins. Vor allem in Sachen Kicken macht ihm so leicht keiner was vor. Was wird aus Werder? "Sie haben gewonnen - 2:0 gegen Kaiserslautern am 1. Spieltag."
Was werde aus der CDU ohne ihn?: "Das kriegen die schon hin", glaubt Beckmann. Die Partei sei für die Kommunalwahl gut aufgestellt; Garlstedt zähle im Übrigen zu den mitgliederstärksten Ortsverbänden der Christdemokraten im Kreis, und in seiner wahrscheinlichen Nachfolgerin Marie Jordan stecke jede Menge Potenzial. "Allerdings...", sinniert der 71-Jährige: "Es herrscht ein anderer Zeitgeist heute."
Kommunalpolitik sei über die Jahrzehnte unverbindlicher geworden, pragmatischer - kühler, fährt Beckmann fort. Vielleicht sei das kein Wunder angesichts von Millionen Miesen in den heutigen Etats der Kommunen. Die Kirche gleichsam im Dorf zu lassen, sei in der global vernetzten Wirtschaftswelt kaum möglich. Apropos Kirche: Selbstverständlich war früher alles anders, besser, leichter: "Wissen Sie, Garlstedt war damals sehr wohlhabend. Als ich 1971 in den Gemeinderat kam, hatten wir durch das Kalksandsteinwerk soviel Gewerbesteuereinnahmen, dass wir sogar eine neue Kapelle bauen konnten, neben allem anderen. Heute hängen wir am Tropf der Stadt. Und die Politik, die wir machten, war von mehr Wir-Gefühl bestimmt, weniger von inszenierten Gegensätzen. Wenn wir uns mal nicht einig waren, sprach Jan Siemers ein Machtwort. Danach trafen sich alle in der Dorfkneipe wieder."
Das Dorf war immer Beckmanns Lebensmittelpunkt. Er wuchs hier mit den beiden Schwestern als Sohn eines Waldarbeiters auf; das begründete die Liebe zum Landleben. Er wurde von Beruf Reetdachdecker und machte sich später selbstständig. Er war der jüngste Ortsbrandmeister im Landkreis, als sie am Bundeswehrstandort Garlstedt hauptberufliche Feuerwehrleute suchten. Beckmann bewarb sich, bekam die Stelle und blieb, bis er das Rentenalter erreichte. "Wenn auf dem Truppenübungsplatz scharf geschossen wurde, hat manchmal die Heide gewackelt und gebrannt. Das war kein Job, wo du dir den Hintern abgesessen hast."
Brennpunkt Garlstedt: Beckmann hat die Bilder nicht vergessen, als das heutige Bundeswehrgelände in den Achtzigerjahren Stützpunkt der US-Army war und sich vor dem Kasernentor tumultartige Szenen abspielten - als die Wasserwerfer vorfuhren und berittene Polizei die Demonstranten mit Schlagstöcken auseinandertrieb. "Das war ein großes Thema im Stadtrat seinerzeit, an dem sich die Geister schieden. Für mich und die CDU war klar: "Wir standen zur Stationierung. Garlstedt unterhielt eine Patenschaft mit den Amerikanern."
Beckmann, ein Patriot? Ihn stört die negative Besetzung des Begriffs. Wenn man aus der Zeit als kleiner Junge die Spuren des Zweiten Weltkriegs in sich trage und die Bilder von der Befreiung Berlins durch die US-Luftstreitkräfte, habe man eine andere Sicht auf die Dinge. Die Sicht auf die Dinge fokussiere sich bei Beckmann heute auf Haus und Hof. Er lacht: "Ich habe nun einen neuen Job im Auge, als Mitarbeiter meines Sohnes. Ich habe ihm den Hof übertragen. 20 Hektar Land, 20 Rinder und acht Mutterkühe sind in der Familie zwar ein Nebenerwerb - aber sie werden mich schon auf Trab halten."







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