
Es war kalt und windig. Kälte und Wind sind nicht jedermanns Sache, für Weitspringer sind sie richtige Feinde. "Gefühlte zehn Grad und dann eine Windlotterie", so nannte Sebastian Bayer die Bedingungen, die gestern bei der "Werder-Gala" auf Platz 11 herrschten. Er war nicht gekommen, um gleich die Olympia-Norm zu schaffen, die bei immerhin 8,20 Metern liegt. Aber er war doch gekommen, um gut in die olympische Saison hineinzuspringen. Die Werder-Gala war sein erster Freiluft-Wettkampf in diesem Jahr.
Die 8,20 hat er weit verfehlt, aber es war trotzdem ein sehr guter Start in die Olympia-Saison. "Das war ’ne tolle Performance", lobte sein Trainer Uwe Florzcak. Bayer, der wegen der Temperaturen eher wie ein Schwimmer im Ganzkörperanzug aussah, landete bei 7,83 Metern in der Grube. Und zwar nicht einmal, nicht zweimal, sondern gleich dreimal, bei sechs Versuchen. Für einen vierten Sprung wurden 7,79 Meter vermessen, wahrscheinlich lag es an einer der vielen Windböen, dass es nicht auch 7,83 Meter waren.
Er sei sehr überrascht, sagt Florzcak, dass sein Athlet so weit geflogen sei. Zweimal hatte der das Absprungbrett komplett verpasst. Man könne da locker 20 Zentimeter draufpacken, sagt Bayer. 7,83 Meter sind deutsche Jahresbestleistung und Meetingrekord. Der alte stand in Bremen bei 7,50 Metern. "Und bei solchem Wetter landen Acht-Meter-Springer auch gern mal bei 7,30 Metern", sagt Florzcak.
Am Donnerstag hätten zu Hause in Mannheim noch 33 Grad geherrscht. Er habe "oben ohne" trainiert, erzählt Bayer. Am Freitag hätte er bei 35 Grad in die Saison starten können. Er ist der WM-Achte, und er hätte bei der Diamond League in Doha antreten und ordentlich Geld verdienen können. Er entschied sich dagegen und setzte sich in einen Zug nach Bremen.
In Bremen hat er eine Vergangenheit. Hier hat er eine Zeit lang gelebt und trainiert. Für Bremen startete er, als Bremer wurde er 2009 Hallen-Europameister mit sagenhaften 8,71 Metern. Seit zwei Jahren fliegt er für den Hamburger SV und lebt, zusammen mit der in Bremen gut bekannten Hürdensprinterin Carolin Nytra, in Mannheim. Als reine Herzensangelegenheit konnte die gestrige Entscheidung für Bremen und gegen Doha allerdings nicht durchgehen. Der 25 Jahre alte Sportsoldat war erst am vergangenen Wochenende von einer strapaziösen Trainingslager-Tour zurückgekehrt, erst in Südafrika, dann auf Teneriffa. Danach sei sein Athlet erst mal in ein Loch gefallen, berichtet Florzcak, der gleichzeitig auch Bundestrainer Sprung ist. "Nach Doha zu fliegen, wäre zu stressig geworden", sagt Bayer.
Es handelt sich halt um die Olympia-Saison. Da verwandelt sich der Kalender in eine Art Tunnel. Am Abend des 4. August steigt in London das Weitsprung-Finale der Männer. Bayer will dabeisein. "Und hat er eine Sternstunde, dann geht alles", sagt Florzcak. Aber das mit der Sternstunde ist das Problem. Zu all der Kunst, genau auf den Punkt in der besten Verfassung aller Zeiten zu sein und dann den Absprungbalken bestmöglich zu treffen, muss auch der Wind stimmen, muss der Athlet locker genug sein und muss sich das Glück blicken lassen. Weitsprung sei auch Glückssache, sagt Bayer. "Ohne zehn Prozent Glück kann man keine exorbitanten Leistungen bringen", sagt er. Er gilt als eines der größten Sprungtalente der letzten Jahre und hat dieses Versprechen bislang nur bedingt eingelöst. Er holte die Hallen-EM 2009 und 2011, er hält den Hallen-Europarekord. Ihm fehlen im Freien mit dem Bestwert von 8,49 Metern nur fünf Zentimeter zu einem Deutschen Rekord, den vor 32 Jahren ein DDR-Sportler aufgestellt hatte. Zu einer anderen Zeit, um es vorsichtig zu formulieren.
Doch bei der großen WM 2009 im Berliner Olympiastadion enttäuschte der hochgehandelte Bayer, gehandicapt durch eine Verletzung. In Südkorea, bei der WM im letzten Sommer, hätte es auch weiter gehen dürfen als bis zu 8,17 Metern und Rang acht, sagen Kritiker. Es seien 20 bis 30 Springer in der Lage, Olympiasieger zu werden, sagt Bayer. So breit wäre die Spitze noch nie zuvor gewesen.
Die Norm von 8,20 m habe sein Springer erst einmal überboten, gibt Florzcak zu bedenken, nämlich bei jenen 8,49 Metern vor drei Jahren. Es müsse wirklich alles stimmen, ergänzt Bayer. Auch Verletzungen dürfen ihn nicht hindern, die zählen auch zu den Feinden. In Bremen bewegte Bayer sich gestern weitgehend ohne Konkurrenz. Die Acht-Meter-Springer Nils Winter und Oliver Koenig mussten kurzfristig absagen. Winter plagt sich mit einer überreizten Achillessehne herum, Koenig hat starke Schmerzen an der Halswirbelsäule.





















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