
Chuang Chih-Yuan, 31 Jahre alt, seit zehn Jahren in der Weltspitze, im Mai 2012 Zehnter der Weltrangliste und von Statur und Aussehen genau das Gegenteil von einem Sportler, der seine Kontrahenten das Fürchten lehrt. Chuang verkörpert den Typus "Freundlicher Tourist aus Fernost" – im Prinzip ist er das ja im Moment auch. Obwohl der kurze Aufenthalt in Bremen wenig Gelegenheit bietet, die Stadt kennenzulernen.
Chuang Chih-Yuan ist gekommen, um notwendige Formalitäten zu erledigen. Der Vertrag mit Werder, Laufzeit zwei Jahre, ist längst unterschrieben. Um den Kontrakt zu erfüllen, braucht der Asiate jedoch ein Visum. Und, um sein Gehalt zu bekommen, ein Bankkonto. Und, um vernünftig zu leben, damit er erfolgreich für den Verein spielen kann, eine Wohnung. Um sechs Uhr gestern Morgen stand der Behörden-Besuch an, nachmittags verkündete Werders Teamchef Sascha Greber erleichtert: "Wir haben alles Notwendige geschafft." Heute früh um sechs hebt Chuang schon wieder ab – in Richtung Frankfurt und von dort zurück in seine Heimat.
"Das Wetter ist gut zum Schlafen"
"Ich freue mich auf Bremen", sagt Chuang, auch wenn die Stadt gerade nicht so einladend wirkt. "Das Wetter ist gut zum Schlafen", sagt er und lacht. Gut möglich, dass er sich nach Schlaf sehnt, denn davon hat er zuletzt wenig bekommen. 13 Stunden dauerte der Flug von Taiwan nach Deutschland, und als er Mittwochmorgen in Bremen ankam, standen die ersten Formalitäten auf dem Programm, zu denen Schlafen nun mal nicht gehörte.
Ein paar Mal war Chuang zu internationalen Turnieren bereits in der Hansestadt – kennengelernt hat er sie dabei ebenso wenig wie jetzt. Ein Kurzabstecher ins Zentrum, der Roland, die Stadtmusikanten: Das war’s für diesmal. "Aber ich habe schon einen Eindruck davon bekommen, dass es in Bremen viel Grün gibt", sagt der Tischtennis-Profi. Daumen rauf also – ihm gefällt die Stadt. Doch aus gutem Grund kehrt er ihr bis August sofort wieder den Rücken. Seine ganze Konzentration gilt nämlich den Olympischen Spielen in London. Natürlich ist Chuang qualifiziert. Aber bevor es in England Ende Juli losgeht, stehen intensive Vorbereitungen in Taiwan sowie noch zwei Pro-Tour-Turniere in Japan und Brasilien auf seinem Terminplan. Wenn die Turniere gut für ihn verlaufen, könnte er sich in der olympischen Setzliste noch auf Platz vier vorarbeiten.
Derzeit ist er Sechster. Rang vier würde bedeuten, dass er in London frühestens im Halbfinale auf einen Chinesen treffen kann. Das wären beste Voraussetzungen, um eine Medaille zu holen. 2004 bei den Spielen in Athen war das Viertelfinale Endstation für Chuang. Er scheiterte, na klar, an einem Chinesen – an Wang Hao, dem späteren Silbermedaillengewinner.
"Er ist der beste Spieler, den ich je trainiert habe"
2004 lag der größte Erfolg seiner Laufbahn schon hinter dem Taiwanesen. 2002 hatte er die Asienmeisterschaften für sich entschieden und dabei auch die komplette chinesische Konkurrenz hinter sich gelassen. Im gleichen Jahr triumphierte Chuang, gerade 21-jährig, auch im Finale der Pro Tour, und im Dezember 2003 war er mit 22 Jahren die Nummer drei der Welt. "Wir sind schon ein bisschen stolz darauf, so einen Spieler nun verpflichtet zu haben", sagt Sascha Greber. "Er ist der beste Spieler, den ich je trainiert habe", sagt Coach Cristian Tamas. Gestern Morgen stand eine zweistündige Einheit an – mit dabei Adrian Crisan, aktuell die Nummer 26 der Welt und bislang Werders Vorzeigemann, sowie Constantin Cioti, der in der Rückrunde der Bundesliga mit seiner Leistung für Aufsehen gesorgt hatte. Nur der Engländer Paul Drinkhall, Werders zweiter Neuzugang und neben Chuang und dem Rumänen Crisan dritter Olympia-Starter, fehlte.
"Ich hoffe auf das Erreichen der Play-off-Runde", sagt Chuang, gefragt nach seinen Ambitionen mit dem neuen Klub. Auf nichts anderes als auf Platz vier in der Liga hoffen auch Greber und Tamas. Und, Überraschung, auf ein gutes Abschneiden in der Champions League. Denn so wie es aussieht, spielt Werder doch erstmals in der europäischen Königsklasse mit: Als Fünfter der Bundesliga-Saison hatte der Verein das Ziel knapp verfehlt, ist nun aber nach dem Verzicht des TTC Fulda-Maberzell vom Deutschen Tischtennis Bund offiziell nominiert worden. "Wir haben noch keine Bestätigung des europäischen Verbandes", sagt Sascha Greber, "aber es sieht gut aus."
Chuang und Crisan sind befreundet
Für Chuang, der 2000 nach Europa kam, schließt sich in gewisser Weise in Bremen ein Kreis: In der Bundesliga spielte der Mann aus Kaohsiung jahrelang mit Adrian Crisan für Ochsenhausen. Beide verbindet seit dieser Zeit eine tiefe Freundschaft, die mit dazu beitrug, dass der Taiwanese den Weg nach Bremen nahm. Mit Ochsenhausen wurden Crisan und Chuang 2004 deutscher Meister und von 2002 bis 2004 drei Mal in Folge deutscher Pokalsieger. Seitdem ist das Duo gewiss nicht schlechter geworden. Bremen darf gespannt sein, was es an der Weser noch auf die Beine stellt.





















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