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Pyrotechnik und Gewalt in deutschen Stadien Das Spiel mit dem Feuer

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Bengalische Feuer in deutschen Fußballstadien - hier beim Champions-League-Finale in München - sorgen für Diskussionen.
Bengalische Feuer in deutschen Fußballstadien - hier beim Champions-League-Finale in München - sorgen für Diskussionen.

Die Fackel kostet 4,75 Euro. Dafür gibt die "Bengalische Zylinderflamme intensives grünes Licht bei 240 Sekunden Brenndauer", verspricht die Werbung auf der Onlineseite. Die Frau am Telefon zeigt sich geschäftstüchtig: "Ab zehn gibt's Rabatt." Einen Euro Nachlass gewährt die Pyroweb GmbH aus Chemnitz, pro Stück - das läppert sich und macht die Kunden froh. Die Kunden? Das sind vor allem Fußballfans.

Unter der Kurzbezeichnung "Bengalo" haben die Fackeln Einzug gehalten in deutschen Stadien, vor gut anderthalb Jahrzehnten schon. Die Bundesliga erlebte damit das, was in süd- und südosteuropäischen Arenen längst gang und gäbe war: ein Feuerwerk der Emotionen. Das zumindest ist die Interpretation von Menschen wie Jannis Busse. Er gibt der Fan-Initiative "Pyrotechnik legalisieren" ein Gesicht. Sie ist ein Zusammenschluss von Fans, für die das Spiel mit dem Ball auch ein Spiel mit dem Feuer zu sein hat. Auf der anderen Seite stehen Verband, Liga und Politik. Sie wollen den Brand im Fan-Block löschen.

Die Fackeln beschädigen das Hochglanzprodukt Fußball. Ihr meist roter oder grüner Lichtschein, der über die TV-Monitore der Nation flackert, suggeriert Chaos und Gewalt. In ihm sind Vermummte zu sehen, die drohend die Fäuste schütteln, die mit ihrem Auftritt im dichten Rauch Aggressivität versprühen. Zu Hause auf dem sicheren Sofa wirkt es so: Der Mob ist da.

Dieser Bilder wegen ist der Bengalo nicht mehr nur eine Fackel, die unter dem Zusatz von Bariumnitrat grün und von Strontiumnitrat rot brennt. Er ist zu einem Symbol geworden - für Gewalt im Fußball.

Till Schüssler kennt die Diskussion. Er ist Werders Fanbeauftragter, nicht irgendeiner. Er ist als Fan selbst in der Ultra-Szene sozialisiert worden und dient dem Bundesligisten heute als Mittler zwischen Klub und Ultras. Er analysiert die aktuelle Gewaltdiskussion differenzierter - und erkennt aus den Vorkommnissen der vergangenen Monate "keine Eskalation der Gewalt. Das ist ein Fortbestand der Problematik".

Fan-Gewalt ist seit dem Aufkommen der Hooligans in den achtziger Jahren ein andauerndes Phänomen. Das belegt der seit 1992 jährlich veröffentlichte Bericht der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze der Polizei Nordrhein-Westfalen. "Gewalttätige Ausschreitungen durch Fußballfans bewegen sich seit der Spielzeit 1999/2000 auf einem saisonal schwankenden, jedoch tendenziell konstant hohen Niveau", steht in der aktuellen Ausgabe.

Und trotzdem scheint im Licht der Bengalos eine neue Qualität erreicht zu sein. Dem Einfluss der Medien sei dies geschuldet, glaubt Schüssler. Gewaltig sind tatsächlich die Worte, mit denen die Bilder in den Stadien beschrieben werden: Von "Pyro-Orgien" ist die Rede, "die hässliche Fratze des Fußballs" wird beschworen. Oder man geht noch weiter wie Johannes B. Kerner: Der TV-Moderator nutzte den ARD-Talk "Hart aber fair" zum Populismus in Reinstform und zündete mit einem Bengalo und folgenden Worten eine Stoffpuppe an: "Drei Sekunden nur, dann steht das Kind in Flammen."

Busse war, erzählt er, auch eingeladen zu dieser Runde. Praktisch als Kerners Widerpart, der die Pyrotechnik unter Auflagen im Stadion legalisiert sehen möchte. "Ich wurde wieder ausgeladen", sagt der Hannoveraner. Der 29-Jährige formuliert das, was der normale Ultra denkt: "Pyrotechnik vermittelt und verstärkt Emotionen und Atmosphäre im Stadion. Gewalt hat mit Pyrotechnik nichts zu tun." Es ist sein Mantra, und das Gros der Ultras wird ihm uneingeschränkt zustimmen, dass Bengalos nur - wie Fahnen - ein Werkzeug für Fan-Choreografien sind. Doch die Öffentlichkeit tut sich schwer, dem zu folgen.

Dafür sorgen die Ultra-Fans selbst. Mit Bilder wie in Köln, als am letzten Spieltag nach dem besiegelten Abstieg schwarzer Rauch durchs Stadion zog, oder jüngst in Düsseldorf, als Hertha-Anhänger Bengalos im Dutzend auf den Platz schleuderten. Und wenn sich die Feuerwerker der Fankurve Tücher vor Mund und Nase binden, brennt sich das Bild eines vermummten Chaoten in die Netzhaut der Betrachter ein. Die wenigsten wissen, dass der Mummenschanz nicht nur der erschwerten Identifikation gilt, sondern auch dem gesundheitlichen Selbstschutz. Der Rauch der bis zu 2000 Grad heißen Fackeln ist gefährlich.

Till Schüssler hat in Bremen indes eine überraschende Entwicklung ausgemacht. Das Gros der Werder-Ultras zeige sich einsichtig, zumindest bezüglich der Gesundheitsgefahr. "Das Problem", sagt Schüssler, "ist in Ultra-Kreisen angekommen." Ohnehin würde es einen vernünftigen Austausch zwischen dem Klub und den Hardcore-Fans geben. Zwar wird Werder Pyrotechnik weiter ächten. Und es gibt auch in Bremen "sehr dogmatische Ultras" und "hooliganistische Züge" unter den Ultras, wie Schüssler sagt. Aber man respektiert sich, man hört sich zu - ein Verhältnis, wie es nicht typisch ist in Deutschlands Profi-Fußball. Andernorts mangelt es an der Kommunikation - für Schüssler das größte Problem im Umgang mit Ultras. Als Negativbeispiele gelten Frankfurt und Köln, dort sind die Grenzen zwischen Ultras und Hooligans fließend. Die Bremer Ultra-Szene grenzt mittlerweile Gewalttäter aus, erklärt Till Schüssler.

In der aktuellen Diskussion aber sieht der Bremer ein großes Problem: Weil sich die mediale Wahrnehmung auf bengalo-schwenkende Ultras fokussiert, "leisten sich Hools Dinge, die nicht so wahrgenommen werden". Rechtsextreme Werder-Fans haben am Sonnabend in Wunstorf Besucher einer Feier in einem Jugendzentrum attackiert und verletzt.



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Leserkommentare
admiral41 am 19.05.2013 16:58
Diese Meldungen über Wohnungsnot in den Städten kommt in regelmäßigen Abständen. So verkündete mal der Wohnungsbauminister der Regierung Kohl, dass ...
querdenkerschraegschreiber am 19.05.2013 15:21
Danke für die Information. Allerdings gibt es weder eine "Anschlußstelle Farge" (die gabs früher mal, als die Verlängerung als B 74 nach Farge noch ...
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