
Das muss man erst mal schaffen: In Bayern als Franzose und konvertierter Muslim sich aus einem katholischen Gotteshaus heraus in blauem Gewand und in der Pose des Märchenkönigs Ludwig II. dem Volk als neue Majestät zu präsentieren. Franck Ribéry durfte das, im August 2007, als er gerade von Olympique Marseille für etwa 25 Millionen Euro Ablöse zum FC Bayern übergesiedelt war. Von einem Werbeplakat im Format eines mehrstöckigen Gebäudes grüßte er München am Odeonsplatz von der Theatinerkirche, gleich gegenüber von Hofgarten und Residenz, wo die echten Könige der Bayern einst gelustwandelt und geherrscht hatten. Auf dem Plakat stand: "Bayern hat wieder einen König".
Auch dieser Tage hängen Plakate in der Stadt, mehr als 500 sind es sogar, und zu sehen ist Bastian Schweinsteiger vergleichsweise schlicht als Fußballer in Jubelpose mit nach oben gereckten Armen und in jenem weiß-roten T-Shirt, das die Profis des FC Bayern zuletzt in Madrid übergestreift hatten, als sie ins Finale der Champions League eingezogen waren. "Eine Stadt. Ein Traum. Wir drücken euch die Daumen!", ist nun zu lesen. München schmückt sich für das Endspiel gegen den FC Chelsea am 19. Mai in der Arena in der nördlichen Peripherie. Am Montag startet der FC Bayern die Aktion "München in Rot-Weiß", das Volk soll die Farben des städtischen Großklubs anlegen.
Ein bisschen Monarchie geht noch immer im Freistaat, und Schweinsteiger darf man mittlerweile durchaus als Ribérys Thronfolger wahrnehmen. Der Mittelfeldspieler ist zum Gesicht des FC Bayern aufgestiegen. Er ist ein König von Uli Hoeneß‘ Gnaden, der Präsident und wahre Machthaber, der sich einen Oberbayern als kickenden Repräsentanten gewünscht und in Schweinsteiger gefunden hat. Er und andere können das auch besser als Ribéry. "Wenn wir mit der Leidenschaft wie in Madrid, mit der Mentalität und Laufbereitschaft spielen, dann ist schwer gegen uns zu gewinnen", sagte Schweinsteiger vor dem Finale gegen den deutschen Meister Borussia Dortmund, "es wird mit das schwerste Spiel sein, das ich in meinen fünf Pokalfinals gemacht habe." Und wie er kommt auch Mario Gomez der Forderung von Hoeneß nach, den nationalen Titel hoch zu bewerten. Das Finale in Berlin sei wichtig für das Endspiel gegen Chelsea, "für das ganze Klima, für die Woche im Training – auch wenn man es trennen muss".
Ribéry ist über seine Rolle nicht betrübt, er war ja schon alles mögliche. König, Pausenclown mit einem Hang zu Pennälerstreichen, auch Milieugänger, als er in Turbulenzen wegen einer minderjährigen Prostituierten aus Marokko geraten war. All das hat Ribéry hinter sich gelassen, auch dank des väterlichen Schutzes und der Ratschläge von Hoeneß. Der 29-Jährige will nur noch als erfolgreicher Fußballer wahrgenommen werden. Scherze sind selten, der Hofnarr ist ernsthaft geworden.
Heute im DFB-Pokalfinale und eine Woche später im letzten Akt auf der europäischen Vereinsbühne will er sein fünftes Jahr beim FC Bayern so abschließen, wie es zu seiner Leistung der vergangenen Monate passen würde. "Holen wir die beiden Titel, wäre das die beste Saison meiner Karriere", sagt Ribéry. Und mit dem DFB-Pokal in den Händen und der europäischen Vereinskrone auf dem Kopf wäre er auch seinem Privatziel ein Stück näher. Er sei sich "bewusst, dass dieser Endspurt sehr wichtig für mich persönlich sein wird", hat Ribéry gesagt, "nun will ich den ganz großen Sprung schaffen. Ich will wieder einer der Besten der Welt werden."
So weit ist es noch nicht, aber mit zwölf Toren und 20 Vorlagen in der abgelaufenen Bundesligasaison hat er schon einmal seine bisher beste Bilanz in München erreicht. Insgesamt hat er es in Liga, Pokal und Champions League auf 16 Tore und 26 Vorlagen gebracht. In der Bundesliga und Champions League hat Ribéry die meisten Tore vorbereitet. Zwischen dieser und seiner ersten guten Spielzeit beim FC Bayern lagen private Probleme, Trainer Louis van Gaal und mittelprächtige Leistungen. Für Eskapaden ist Ribéry noch immer gut, zuletzt hat Arjen Robben seine Faust zu spüren bekommen. Etikette zu wahren, ist nicht seine Stärke, und der König der Bayern wird er wohl nicht mehr werden. Aber ein Fanliebling ist er geblieben, und die Zuneigung kann in den beiden Endspielen noch zunehmen.
"Ich weiß nicht, ob ich ohne ihn noch im Verein wäre", hat Ribéry über Hoeneß gesagt, ein Karriereende beim FC Bayern sei denkbar: "Es läuft alles bestens, im Leben und auf dem Platz." Er fühle sich jetzt "total als Münchner". Das muss man erst mal schaffen als ehemaliger Märchenkönig.





















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