
Robert Lewandowski hat Vertrag. So einfach und nach Fußballergrammatik streng artikelfrei ist es um die berufliche Situation des 23-Jährigen bestellt. Das Papier, das er unterschrieben hat, weist ihn als Angestellten von Borussia Dortmund bis zum 30. Juni 2014 aus. Das ist das eine. Das andere ist die Europameisterschaft, die heute beginnt. Sie ist eine Chance für Spieler wie Robert Lewandowski und kann eine Gefahr sein für Vereine wie Borussia Dortmund. „Natürlich“, sagt Lewandowski, „spielt jeder auch um seinen Marktwert.“
Wenn es heute um 18 Uhr in Warschau „Bühne frei!“ heißt für die EM, macht das doppelt Sinn. Robert Lewandowski wird in der Auftaktpartie zwischen Polen und Griechenland vorspielen, seine Dortmunder Teamkollegen Jakub Blaszczykowski und Lukasz Piszczek ebenfalls, aber auch zwei Spieler, die Vertrag haben mit Werder: Für den gebürtigen Polen Sebastian Boenisch. Und für den Griechen Sokratis Papastathopoulos, Werders Innenverteidiger, der ebenfalls um die Bedeutung der EM weiß. „Ja, sicher“, hat er vor seiner Abreise aus Bremen gesagt, „die EM ist für jeden Spieler eine sehr wichtige Chance.“
„Das wird ein Riesenspiel“
Beiden, Boenisch wie Sokratis, kommt diese Chance wie gerufen. Wobei Sebastian Boenisch einen Schritt weiter ist als sein Bremer Arbeitskollege und es wesentlich leichter hat, den Arbeitgeber zu wechseln. Denn der Vertrag des 25-Jährigen bei Werder läuft aus, ein Angebot der Grün-Weißen auf eine Verlängerung hat Boenisch erst einmal abgelehnt. Er habe noch andere Eisen im Feuer, beschied er Werder. Anfang dieser Woche wurde klar, dass eines der Eisen auf den VfB Stuttgart geschmiedet war.
Sebastian Boenisch hat mehrere Möglichkeiten. Er kann zuschlagen, wonach es zuletzt aussah. Er kann abwarten, ob Werder reagiert und nachbessert. Oder er spielt einfach die EM und lässt seinen Berater Dieter Burdenski dann mal bilanzieren, was sich im Laufe der Wochen an Anfragen im E-Mail-Postfach, Briefkasten und auf der Mailbox angesammelt hat.
Weitaus größere Bedeutung für die Planung der beruflichen Zukunft hat die EM für Sokratis. Weil Werder eine Option gezogen hat, ist aus dem bisherigen Leihvertrag mit dem 23-Jährigen ein festes Arbeitsverhältnis geworden – mit vierjähriger Laufzeit. Allerdings sehr zum Unwillen des Werder-Angestellten. Denn eigentlich, das hat Sokratis immer betont, wolle er international spielen. Was einerseits verständlich, andererseits mit Werder in der kommenden Saison schwerlich möglich sein wird. Und die bisherige Bremer Kaderplanung macht es dem Griechen obendrein nicht leichter, doch noch Gefallen am Arbeitsplatz Weserstadion zu finden.
Fragen nach seiner Zukunft ist Sokratis deshalb zuletzt stereotyp ausgewichen. „Dass Klaus Allofs mich verpflichtet hat, bedeutet, dass ich im Moment Spieler von Werder Bremen bin“, sagte er. Und: „Was in der Zukunft passieren kann, das weiß man nicht – da sollte man sich nicht festlegen.“ Übelnehmen kann man dem Spieler kaum, dass er sich um ein klares Wort pro Werder drückt und auf die EM als Sprungbrett hofft. Denn für Sokratis, der morgen 24 wird, muss der nächste Karriereschritt folgen. Er braucht schlicht eine größere Bühne, als Werder sie ihm zurzeit bieten kann – weshalb ein Verein her muss, der mit den nötigen Euros in Bremen die Tür für Sokratis öffnet.
Heute Abend können Sebastian Boenisch, Sokratis Papastathopoulos und Robert Lewandowski zum ersten Mal bei dieser EM ihre Spuren auf den Rasen des Warschauer Nationalstadions und in den Köpfen von potenziellen Interessenten hinterlassen. Für die beiden Noch-Bremer ist die direkte Begegnung ein zusätzlicher Reiz, der sich mit dem Eröffnungsspiel verbindet. „Bei Werder haben wir in den letzten Wochen jeden Tag darüber geredet“, erzählt beispielsweise Boenisch. „Das wird ein Riesenspiel, da schaut ganz Europa drauf. Und wir stehen uns dort unten auf dem Platz gegenüber.“
Jetzt also erst die EM. Bühne frei! „Alles weitere“, sagt Sokratis, „werden wir dann sehen.“


Noch nicht registriert? Jetzt kostenlos registrieren »