
Manchmal aber freut sich der langjährige Porsche-Manager auch wie ein Fan über seine neugewonnene Nähe zu den Stars. Kurz vor Beginn der EM etwa erzählte er den Schmierfinken ganz aufgekratzt, "dass ich bei unserer Saison-Abschlussfeier mit William Kvist gesprochen habe. Ich habe mit ihm ausgemacht, dass er sich gegen Deutschland zurückhält. Ob dieses Gespräch etwas genützt hat, werden wir sehen".
Natürlich wird dieses Gespräch rein gar nichts nützen, denn Kvist hat sich beim VfB und beim deutschen EM-Gegner Dänemark inzwischen einen Ruf als durch und durch vorbildlicher Musterprofi verdient. Ausgerechnet an ihn zu denken, wenn man die Dänen schwächen will, ist an sich aber keine so schlechte Idee. Denn William Kvist ist sowohl im Verein als auch im Nationalteam der Lenker, der Stratege oder wie es ein automobilaffiner Mensch wie Mäuser wohl ausdrücken würde: der Motor des Spiels.
"Ich bin nicht Messi", sagt der 27-Jährige über sich selbst. "Ich mag es, den Ball zu haben und den einfachen Pass zu spielen." Kvist tut das seit einem Jahr für den VfB, und alles, was man über ihn wissen muss, war im Grunde schon in seinen ersten Wochen in Stuttgart zu erkennen. Im ersten Saisonspiel gegen Schalke 04 (3:0) zum Beispiel war Kvist immer schon vor Ort, wenn der Ball dorthin kam. Und wenn er ausnahmsweise mal nicht da war, hatte er schon genauso vorausschauend einen Kollegen dorthin dirigiert. Solche strategischen Fähigkeiten im defensiven Mittelfeld hatte man in der Mercedes-Benz-Arena in den Jahren zuvor nicht einmal bei deutschen Nationalspielern wie Sami Khedira oder Thomas Hitzlsperger gesehen.
"Wenn Sie früher bei den Spielen des FC Kopenhagen eine Stimme auf dem Platz gehört haben, dann war das meine", sagte Kvist bei seiner Vorstellung in Stuttgart. All das zeigt: Er ist ein schlauer Spieler, jemand, der nicht auf den Mund gefallen ist und der noch ein Wirtschaftsstudium an der Uni Kopenhagen abgeschlossen hat, bevor er nach Deutschland kam. Er passt damit gut in dieses dänische Team.
Denn es gibt Außenseiter wie Griechenland, die der Übermacht ihrer Gegner jahrelang mit der Verbarrikadierung des eigenen Strafraums begegneten. Und es gibt Außenseiter wie Dänemark, die einen gepflegten Ball spielen und das auch zeigen wollen. "Wir sind anders als andere dänische Teams vor uns", verriet Kvist dem "Kicker". "Wir haben uns früher immer nach dem Gegner gerichtet, aber die jetzige Mannschaft will selbst mehr Ballkontrolle. Wir sind besser mit dem Ball als ohne." Das ist wieder so ein schöner Kvist-Spruch. Aber wer ihn vorschnell für vorlaut hält, liegt falsch.
Dass die Dänen mit einer deutlich schwächer besetzten Mannschaft zu dieser EM fahren als ihre Gegner aus Deutschland, Portugal und den Niederlanden, hat von ihnen niemand so klar formuliert wie er. "Diese Gruppe ist hart", weiß Kvist. "Wir haben eigentlich keine so großen Chancen. Wir sind der Underdog, aber in dieser Rolle fühlen wir uns wohl." Große Herausforderungen hat der frühere Handballspieler schon immer gesucht. In der Nationalmannschaft zum Beispiel verdrängte er den deutlich erfahreneren Christian Poulsen.
Der galt zwar jahrelang als Lieblingsspieler von Trainer Morten Olsen und hat in seiner Vita nicht bloß den VfB Stuttgart und den FC Kopenhagen stehen, sondern gleich Schalke 04, den FC Liverpool und Juventus Turin. Aber jetzt ist William Kvist "der Boss im defensiven Mittelfeld", wie Olsen sagt. Und niemand außer Poulsen hat in Dänemark damit ein Problem.
Den FC Kopenhagen führte Kvist als Kapitän als ersten dänischen Verein in die K.o.-Runde der Champions League. Es gab in dieser Saison 2010/11 nicht viele Mannschaften, die den großen FC Barcelona derart in Bedrängnis brachten wie die Dänen beim 1:1 im Stadion Parken. "Ich habe ihm bei seinem Wechsel in die Bundesliga versprochen: Du wirst ab jetzt jede Woche Champions-League-Niveau haben – anders als in Kopenhagen", sagt Stuttgarts Sportchef Fredi Bobic über Kvist. Mit genau diesem Argument hat er ihn gekriegt. Sollte Dänemark noch einmal wie 1992 alle Prognosen über den Haufen werfen und Europameister werden, "dann komme ich nicht zurück", sagte er dem "Kicker" im Scherz.
Vielleicht klopft dann noch ein größerer Verein als der VfB an, vielleicht weiß Kvist aber auch nur, dass sein Präsident Mäuser neben vielem anderen auch als besonders aufbrausend gilt. Noch einen Finalsieg gegen Deutschland würde der ihm kaum verzeihen.


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