
Er kann ganz gut damit leben, der Glamourboy des internationalen Fußballs zu sein, dass er zu den Besten seiner Zunft zählt ist sowieso unbestritten. Aber ihm zu unterstellen, er wäre nach wie vor ein trainingsfauler Schönwetter-Fußballer, ist falsch. Denn der Kapitän der portugiesischen Nationalmannschaft, die am 9. Juni im ersten Gruppenspiel in Lwiw auf die DFB-Auswahl trifft, ist inzwischen der Inbegriff eines Musterprofis. Kaum einer trainiert so ehrgeizig und gewissenhaft wie der Superstar von Real Madrid, kaum einer schiebt so viele Extraschichten.
"Er geht nie aus, trinkt nie Alkohol. Er ist ganz anders als sein Image. Er war der Erste, der mir seine Hilfe angeboten hat, als ich hier ankam", erinnert sich der deutsche Nationalspieler Sami Khedira an die erste Zeit nach seinem Wechsel zu Real im Sommer 2010. Ronaldo hat gelernt, Prioritäten zu setzen. Als erstes kommt der Erfolg auf dem Platz – natürlich immer gepaart mit extravaganten Showeinlagen – ohne die Ronaldo nicht Ronaldo wäre.
Fábio Coentrão scheint noch nicht so weit zu sein. Der Mann spielt sowohl im Nationalteam als auch im Verein ein bis zwei Abteilungen hinter Ronaldo auf der linken Seite. Wenn die beiden zusammen kombinieren, dann verstehen sie sich beinahe blind. Wenn sie denn zusammenspielen dürfen. Denn Coentrão, zu Saisonbeginn von Benfica Lissabon für eine Ablösesumme von rund 30 Millionen Euro zu den "Königlichen" gewechselt, hat zuletzt nicht eben oft in der Primera Division auf dem Platz gestanden.
Das lag nur bedingt daran, dass er in fußballerischer Hinsicht nicht zu überzeugen wusste. Sondern daran, dass der 24-Jährige suspendiert wurde, nachdem er nach einer Party mit einer Zigarette im Mund abgelichtet worden war. Und im Facebook-Zeitalter dauerte es eben nicht allzu lang, bis Trainer José Mourinho die Bilder zu sehen bekam. Er wurde zwar gleich in seiner ersten Saison Meister, man weiß trotzdem nicht so genau, ob es wirklich der erhoffte Karrieresprung war. Der Blondschopf scheint den Ernst der Lage nicht zu erkennen – Talent allein reicht nicht auf dem Weg zu einem Weltklassespieler.
Aufgewachsen ist Coentrão an der portugiesischen Atlantikküste. Wenn er einst auf dem Bolzplatz in Schussweite des Ozeans seine Kunststücke vorführte, dann nannten sie den schmächtigen Burschen "Figo de Caxinas" (Figo des Fischerdorfs) – in Anlehnung an den einstigen Superstar Luis Figo. Fábio Coentrão ist in einer Familie von Fischern aufgewachsen. Als der Vater das Auskommen der Familie nicht mehr sichern konnte, wanderte die Familie nach Frankreich aus. Coentrão blieb in der Heimat, um Fußballprofi zu werden.
Er debütierte bereits im Alter von 16 Jahren in der ersten portugiesischen Liga bei Rio Aves, doch nach seinem Wechsel im Sommer 2007 zu Benfica Lissabon wurde er gleich dreimal innerhalb von zwei Jahren ausgeliehen. Benficas Trainer Jorge Jesus nahm den flippigen Jungprofi ins Gebet und machte ihm klar: "Es heißt jetzt oder nie für dich. Du hast eine Riesenchance, nutze sie." Coentrão tat wie geheißen, wurde Stammspieler, portugiesischer Meister und sagte: "Ich habe aus meinen Fehlern gelernt. Jesus hat mich gerettet."
Fábio Coentrão spielte so stark, dass er alsbald aus der Nationalmannschaft nicht mehr wegzudenken war und bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika als einziger Portugiese ins All-Star-Team berufen wurde. Der FC Bayern wollte ihn haben, war aber im Gegensatz zu Real Madrid nicht bereit, die horrende Ablösesumme zu zahlen.
In Madrid spielen Coentrão und Ronaldo gemeinsam mit Khedira und Mesut Özil. Bei der EURO sind sie nun Gegner. "Es wird sehr hart, aber nicht unmöglich", sind sich die beiden Portugiesen einig. Den Druck, sagen sie, hätten die Niederlande und Deutschland. Özil hat seinen Kumpel schon mal gewarnt: "Pass auf Fábio, ich dribble dir einen Knoten in die Beine." Aufpassen müssen aber sicherlich auch die deutschen Nationalspieler, vor allem die auf der rechten Seite. Denn auf die Kunst, andere schwindelig zu spielen, verstehen sich auch Fábio Coentrão und Cristiano Ronaldo.


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