
Danzig. Die beiden kleinen Löwen im Dortmunder Zoo sind inzwischen gut drei Monate alt. Sie werden Lolek und Bolek genannt. Damit tragen sie die gleichen Namen wie zwei ihrer Paten. Lolek und Bolek werden in Anlehnung an zwei berühmte polnische Zeichentrickfiguren manchmal auch Lukasz Piszczek und Jakub Blaszczykowski gerufen – und zwar von ihrem Trainer Jürgen Klopp. Da es bei Borussia Dortmund mit Robert Lewandowski noch einen dritten polnischen Nationalspieler gibt, der sich aus PR-Zwecken gut auf dem Foto machte, haben die zwei Löwen gleich drei Paten.
Das Trio hat wesentlichen Anteil daran gehabt, dass Borussia Dortmund wieder Deutscher Meister wurde. Ein Statistikdienst errechnete, dass die drei Polen an 51 von 80 Bundesligatreffern beteiligt waren. Das allein hätte wohl schon genügt, um selbstbewusst genug ins Finale um den DFB-Pokal zu gehen. Doch weil Piszczek, Blaszczykowski und Lewandowski noch nie ein Spiel verloren hatten, wenn Franciszek Smuda unter den Zuschauern im Stadion war, luden sie den polnischen Nationaltrainer zur Partie gegen den FC Bayern München nach Berlin ein. Das Ergebnis ist bekannt: Der BVB gewann mit 5:2, Lewandowski erzielte drei Treffer.
Kein Wunder, dass die Presseabteilung von Borussia Dortmund umso mehr Anfragen erhielt, je näher die EM rückte. Hunderte von Interviewwünschen waren für die drei polnischen Nationalspieler eingegangen; daher setzte der BVB das Trio auf ein Podium im Stadion, etwa eine Stunde lang dauerte das Frage- und Antwortspiel. Als Kapitän der Nationalmannschaft begann Jakub Blaszczykowski, über das große Turnier in seinem Heimatland und der Ukraine zu sprechen, das er und seine Kollegen mit der Partie am 8. Juni gegen Griechenland eröffnen. Die weiteren Gegner werden Russland und die Tschechische Republik sein. "Das war eine perfekte Auslosung, aber sie erhöht auch den Druck auf uns. Alle denken, es sei einfach, weiterzukommen", sagte Blaszczykowski.
Vom Druck sprach er häufig, die Erwartungshaltung macht ihm zu schaffen. Die polnischen Fans erwarten viel von der Mannschaft – und sie erwarten besonders viel von den drei Dortmunder Spielern. "Es sollte nicht nur auf uns geguckt werden", bat Robert Lewandowski, dessen 22 Tore in der Bundesliga seinen Status im Heimatland abermals heraufsetzten. "Russland ist für mich der Favorit in der Gruppe", sagte der Stürmer. Er bekam den nötigen Spagat vor dieser EM ganz gut hin. Denn einerseits schürte und teilte Lewandowski die Vorfreude seiner Landsleute auf das Turnier, andererseits dämpfte er die Erwartungen. "Wir werden in unseren Spielen nicht zu so vielen Chancen kommen wie hier bei Borussia Dortmund. Wenn ich eine habe, muss ich sie fast schon nutzen", sagte er.
Diplomatisch dezent wies Blaszczykowski dann auch mehrmals darauf hin, dass es ein auffälliges Qualitätsgefälle im polnischen Kader gibt: "Wir sind nicht so stark besetzt wie Deutschland oder Spanien." Das zeigte sich in vielen Länderspielen, zuletzt am Dienstag in einem Test gegen Lettland. Die Polen gewannen ohne ihr Dortmunder Trio zwar mit 1:0– aber der Nationaltrainer sah niemanden aus der zweiten Reihe, der sich für die erste aufdrängte.
Mit Außenverteidiger Sebastian Boenisch von Werder Bremen, dem Torschützen Artur Sobiech (Hannover 96), Eugen Polanski (FSV Mainz 05) und den vom Absteiger 1. FC Köln an Fortuna Düsseldorf ausgeliehenen Adam Matuszczyk standen vier Profis aus der Bundesliga auf dem Platz. Nur Polanski wird zugetraut, dass er auch einen Platz in der ersten Elf findet. "Wir haben eine junge Mannschaft. Sie spielt das erste Mal in so einem Turnier, da muss man einfach abwarten, wie das wird. Individuell können wir nichts schaffen – aber als Mannschaft können wir viel erreichen", sagte der 63 Jahre alte Nationaltrainer Smuda.
Er setzt auf attraktiven Fußball in einem 4-2-3-1-System. Die Dortmunder nehmen dabei die gleichen Positionen ein wie im Verein: Lewandowski stürmt, Blaszczykowski spielt auf der rechten Seite im Mittelfeld vor dem Verteidiger Lukasz Piszczek. Mit Wojciech Szczesny vom FC Arsenal haben die Polen einen erstklassigen Torwart, mit Damien Perquis (FC Sochaux) und Ludovic Obraniak (Girondins Bordeaux) zwei in Frankreich gebürtige Spieler mit doppelten Staatsbürgerschaften, die reichlich Erfahrungen aus der Ligue 1 einbringen.
Für sie gilt die gleiche Sprachregelung wie für alle anderen Spieler aus dem polnischen Kader. Es war nur noch zu schätzen, wie oft Jakub Blaszczykowski diesen einen Satz bei der Pressekonferenz im Dortmunder Stadion sagte: "Wir wollen die Vorrunde überstehen und das Viertelfinale erreichen."


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