
Der 31-Jährige hatte vor dem staunendem Publikum Tempo und Geschehen nach Belieben diktiert. Er wirbelte so grandios hinter Stürmer Robin van Persie, dass der "Observer" sich verwundert die Augen rieb. "Wo hat sich dieser kleine Maestro all die Jahre versteckt?", fragte das Blatt . Mit weiteren vorzüglichen Leistungen in den Wochen danach hatte der frühere Dortmunder einen großen Anteil an Arsenals Comeback. Das Team von Arsène Wenger sicherte sich nach der desaströsen Hinrunde noch den dritten Tabellenplatz.
Zyniker vermuteten, Rosickys Renaissance in diesem Frühjahr könnte im Zusammenhang mit Vertragsverhandlungen – der Tscheche unterschrieb im April für zwei weitere Jahre – gestanden haben, aber zwei andere, banalere Gründe waren eher ausschlaggebend. Zum einen blieb der wegen seiner schmächtigen Figur einst mit dem Spitznamen "Schnitzel" bedachte Feinfuß nach eineinhalb verlorenen Jahren wegen Knieproblemen endlich mal wieder verletzungsfrei. Als Tomas "Ro-Sicknote" (von "sick note", Krankmeldung) hatten ihn hinter vorgehaltener Hand selbst die eigenen Fans verspottet, während Wenger stets leicht verzweifelt von einer "mysteriösen" Verletzung sprach.
In der Saison 08/09 trat der gebürtige Prager kein einziges Mal gegen den Ball. Niemand wusste, er ob jemals wieder zu alter Form auflaufen würde, allein seine Einstellung war über jeglichen Zweifel erhaben. "Ich habe noch nie einen Typen gesehen, der so hart arbeitet, so professionell ist und nie aufgibt," sagte sein langjähriger Mitspieler Cesc Fàbregas, der heute beim FC Barcelona kickt.
Mit der Fitness kam die Sicherheit wieder, doch Rosicky brauchte auch ein bisschen Glück, um wieder zu jenem Spieler zu werden, den man einst als "The Little Mozart" in England bewunderte. Der Ausfall von Supertalent Jack Wilshere ließ ihn in seine Lieblingsrolle rutschen, auf die zentrale Spielmacherposition. "Wie befreit" habe er aufgespielt, stellte die Daily Mal fest. Rosicky hatte nach seinem Wechsel an die Themse 2006 ja das Pech, dass ihn Wenger bevorzugt auf den Außenpositionen einsetzte. Sein strategisches, cleveres Spiel kam dort nicht so zum Tragen, den "echten" Rosicky sah man so meist nur im Trikot der Tschechen. "Er verfügt über große Spielintelligenz", sagte van Persie. "Ich liebe es mit ihm zu spielen, weil er gedanklich so schnell ist. Das kann man nicht lernen. Entweder man hat es, oder man hat es nicht."
Für Michal Bileks Nationalelf hätte das Rosicky-Revival zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. Der neben Stürmer Milan Baros (30, Galatasary) letzte Vertreter der goldenen Generation der Poborskys und Nedveds ist der einsame Kreativkünstler in einer Equipe voller ehrlicher Arbeiter. "Wir werden keine offensive Mannschaft sein, weil wir nicht sehr viele offensive Spieler haben", sagt Teammanager Vladimir Smicer, "jedes einzelne Tor wird wichtig sein."
Mit Rosicky in Bestform braucht das Achtelfinale kein Traum zu sein. Doch vor dem Turnierstart in zehn Tagen muss das ganze Land erst noch ein bisschen zittern: Rosicky laboriert an einer Oberschenkelzerrung. "Ich bin überhaupt nicht nervös", sagte der Mittelfeldregisseur vor dem eher nicht überzeugenden 2:1-Testspielsieg der Tschechen gegen Israel am Samstag, "ich zähle zu 100 Prozent darauf, dass ich für die Euro fit werde."
Das kann man nur hoffen, denn sonst würde es zu einem Hattrick der unerwünschten Art kommen: Rosicky hat schon die Euro 2008 (Knieverletzung) und WM 2010 (verpasste Qualifikation) versäumt. Und viel mehr Gelegenheiten, auf der ganz großen Bühne zu spielen, bieten sich dem kleinen Mozart nicht mehr.


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