
Blochin, 59, findet das weniger erheiternd. Er habe schon vieles über sich gelesen, was nicht stimme, sagt der Trainer des EM-Gastgebers Ukraine. Aber manche Geschichten stimmen schon, auch manch kauzige Aussage, die von ihm überliefert ist. „Was soll ich mir bei ihm denn anschauen?“, hat er zum Beispiel gefragt, als er erklären sollte, warum er nicht mal Anatoli Timoschtschuk beim FC Bayern beobachtet. Blochin brauchte nur ein Wort, um den Stellenwert Timoschtschuks in seinem EM-Kader zu verdeutlichen. „Natürlich“, hat der Trainer geantwortet auf die Frage, ob der Bayern-Profi bei ihm gesetzt sei. Um zu wissen, was er an ihm hat, muss er nicht nach München fliegen.
Es sagt schon einiges aus über die Mannschaft des EM-Gastgebers Ukraine, dass Timoschtschuk ihr unumstrittener Kopf ist. Beim FC Bayern hat er es seit 2009 nur in kurzen Phasen zu einer Stammkraft gebracht. Zuletzt fiel er mit der Weigerung auf, im Finale der Champions League zum Elfmeterschießen anzutreten. In der Ukraine aber, als Rekordnationalspieler, wird er als Autorität auf dem Platz verehrt. Als Sechser soll er die Defensive ordnen und zugleich das schnelle Konterspiel ankurbeln, so wie damals bei Zenit St. Petersburg, als er 2008 den Uefa-Cup gewann.
Anatoli Timoschtschuk ist als einziger Profi aus einer europäischen Topliga der Schlüsselspieler der Mannschaft, die zudem noch den gealterten Stürmerstar Andrej Schewtschenko und den ehemaligen Leverkusener Andrej Woronin in ihren Reihen hat. Sonst aber fällt das Team als ziemlich unsortierte Gruppe auf.
Die ersten drei Torhüter fehlen verletzt oder wegen einer Dopingsperre, insgesamt 41 Spieler hat Blochin in den zehn Testspielen seiner zweiten Amtszeit seit April 2011 ausprobiert. Abgesehen von Timoschtschuk und Woronin, derzeit mit Kevin Kuranyi bei Dynamo Moskau, spielen alle in der heimischen Liga. Oder sie sitzen dort auf der Bank, weil die großen Klubs gerne Gebrauch machen von jener Klausel, nach der nur vier Ukrainer eingesetzt werden müssen.
Umso erstaunlicher wirkt der überbordende Optimismus vor ihrer ersten EM-Teilnahme. „Unser erstes Ziel ist es, die Gruppenphase zu überstehen. Aber ich denke, dass wir mehr erreichen können. Ich träume vom Endspiel“, sagt Timoschtschuk. Schewtschenko, 35 Jahre alt und eher mit Rückenbeschwerden als mit Toren bei Dynamo Kiew auffällig, hofft noch offensiver: „Das ganze Land träumt vom Titel, und wir werden alles versuchen, das zu realisieren.“ Das 3:3 im Herbsttest gegen Deutschland habe ja gezeigt, dass man mit den Favoriten mithalten könne, findet er und erinnert an 2004 und 1992: „Denkt an die Griechen. Oder die Dänen. Die hatte auch keiner auf der Rechnung.“
Es gehört schon viel Fantasie zu einem Titelgewinn der Ukrainer, zumal sie in den Tests gegen die Gruppengegner Schweden (0:1) und Frankreich (1:4) verloren haben und gegen keinen EM-Teilnehmer gewinnen konnten. Zudem treffen sie noch auf England. Timoschtschuk wird dann einige Profis des FC Chelsea wiedersehen, die im finalen Elfmeterschießen der Champions League den Titel gewannen. Doch vielleicht haben Timoschtschuk und Schewtschenko ja auch nur ihrem Trainer aufmerksam gelauscht. Der war mit der Mannschaft bei der WM vor sechs Jahren ins Viertelfinale eingezogen, und er findet: „Wir sind stärker als 2006 in Deutschland.“
Blochin gilt als Motivationskünstler, er versucht vor allem, Selbstvertrauen zu vermitteln. „Wir werden die Gruppe nicht überstehen, wenn wir uns für schwächer als die Gegner halten“, sagt er. „Blocha“, Floh, nennen sie den Trainer. Und er will die Großen piesacken. Ob das einmal als wahre Geschichte erzählt wird, hängt wohl besonders von Timoschtschuk ab.


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