Fakt ist: Joachim Löw wollte wieder mal Überraschungen reinrotieren. Hatte ja auch zweimal gut geklappt bei diesem Turnier, und weil der Bundestrainer dafür von der versammelten Medienschar sofort in den Adelsstand gehoben wurde, lag es fast auf der Hand, den Versuch zum System zu machen. Drei Mann raus, drei Mann rein, der Gegner wirkt erst mal irritiert, und das nutzen wir gnadenlos aus. Ein schöner Plan! Nur leider erstarrte nicht der Gegner vor der Idee, sondern das deutsche Team. Mit dem abermaligen Stühlerücken hat Löw eher für Verwirrung in den eigenen Reihen gesorgt, er hat sich schlicht und einfach verzockt.
Es waren Wechsel ohne Not, die da unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit vollzogen wurden. Immerhin hatte das Team gegen Griechenland den Nachweis angetreten, dass es in genau dieser Zusammensetzung glänzend funktionierte. Reus, Klose und auch Schürrle lieferten gute Argumente für ihre Weiterbeschäftigung in der Startelf. Warum also umbesetzen? Zumal Lukas Podolski in den Partien zuvor nicht auffällig geworden war und Mario Gomez trotz seiner drei Tore kein echter Spielpartner für die Filigrantechniker ist, die das Prinzip Löw tragen sollten. Mit schnellen und beweglichen Nebenleuten vom Schlage Klose oder Reus kommt jedenfalls ein Gestalter wie Mesut Özil besser ins Reine.
Der Bundestrainer muss dann auch zügig erkannt haben, dass ihm dieses Mal kein goldener Griff gelungen war, sonst hätte er nicht schon in der Halbzeit Korrekturen vorgenommen. Doch da war es längst zu spät. Wer nach 35 Minuten 0:2 gegen Italien zurückliegt, kann eigentlich nur noch die weiße Flagge hissen.
Als Einziger von den Neuen durfte Toni Kroos durchspielen. Seine Nominierung war die wohl größte Überraschung im Löwschen Personen-Puzzle, und darum bedurfte sie auch einer Extra-Erklärung. Kroos sollte mitnichten die rechte Seite besetzen, so war zu vernehmen, sondern er sollte die Mitte stärken, um dort auch die Kreise von Andrea Pirlo einzuengen. Das ging gewaltig schief, denn dadurch kam dem deutschen Team die Ordnung nach vorn abhanden, Boateng musste die rechte Seite ganz allein bearbeiten, und Löw verstieß auch noch gegen sein eigenes Gebot. Denn normalerweise ist es ihm zuwider, den Spielstil seiner Mannschaft nach dem Gegner auszurichten. So bleibt also der Eindruck, dass der Bundestrainer den Schmeicheleien über sein Goldhändchen erlag und einen Überraschungseffekt um jeden Preis wollte.
Und dennoch sollte eine einzige Fehlentscheidung kein Grund sein, an der überzeugenden Arbeit von Joachim Löw zu zweifeln. Der Mann hat bisher einen richtig guten Job gemacht, die Handschrift ist unverkennbar. Nur ein Titel ist ihm weiterhin versagt. Bei drei Turnieren in Eigenverantwortung blieb am Ende immer eine lobende Anerkennung, nicht mehr und nicht weniger. Dem ambitionierten Macher wird das selbst zu wenig sein, und er wird nach den wahren Ursachen forschen müssen. Große deutsche Mannschaften haben immer einen echten Anführer gehabt: Sammer 1996, Matthäus 1990, Beckenbauer 1974. Dem aktuellen Kader fehlt genau diese Figur. Bastian Schweinsteiger hätte normalerweise das Zeug dazu, aber ausgerechnet er war die größte Enttäuschung des Turniers. Und das wiegt schwerer als ein falscher Personalplan. Die Suche nach dem Anführer für 2014 kann beginnen.


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