
Balotelli und Cassano werden gemeinhin als Skandalnudeln beschrieben, als Diven oder wahlweise als böse Jungs. Aber man darf sich in ihrem Fall durchaus mal etwas weiter aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass Antonio Cassano und Mario Balotelli nicht ganz dicht sind. Oder wie sonst soll man einen Menschen nennen, der aus lauter Langeweile Darts-Pfeile auf Nachwuchsspieler wirft, wie Balotelli es getan hat. Oder sein Haus anzündet, weil er in geschlossenen Räumen ein Feuerwerk abbrennt. Auch das hat Mario Balotelli hinbekommen.
Antonio Cassano, der mehrfach aus seinen Klubs geflogen ist – unter anderem hat er Rudi Völler nach einer Auswechslung sein Trikot ins Gesicht geschmissen – scheint in seinem Leben dem Motto des legendären Georg Best gefolgt zu sein, der da einst gesagt hatte: „Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst.“
Genie und Wahnsinn jedenfalls liegen bei Cassano und Balotelli dicht beieinander. Ihren Galaauftritten auf dem Platz lassen sie höchst zuverlässig Eskapaden außerhalb des Rasenvierecks folgen. Im täglichen Arbeitsleben ist es hingegen nicht weit her mit ihrer Zuverlässigkeit. „Wenn Mario auch nur 50 Prozent Einsatz im Training zeigen würde, wäre er zweifellos einer der besten Stürmer der Welt“, sagte José Mourinho über Balotelli, als der noch beim Inter Mailand spielte, „das Problem aber ist, er ist noch nicht einmal bei 25 Prozent.“ Und Roberto Mancini, derzeit Trainer Balotellis beim englischen Meister Manchester City, erklärte Woche für Woche trotz hervorragender Leistungen des Enfant terrible, dass er ihn nicht mehr länger in seiner Mannschaft dulde. Balotelli trat am Boden liegenden Gegenspielern an den Kopf, Balotelli vergab tausendprozentige Torchancen, weil er vor dem leeren Tor eine Pirouette drehte und versuchte, mit der Hacke einzunetzen.
Real Madrids ehemaliger Präsident Ramon Calderon regte sich noch Jahre später über den trainingsfaulen Antonio Cassano auf, der, wie Calderon anmerkte, in Madrid hauptsächlich „die Geburtenrate gesteigert und die Prostitution belebt hat“. In seiner Autobiografie prahlte Cassano, mit mehr als 600 Frauen im Bett gewesen zu sein, und erklärte, seinen Schulabschluss geschenkt bekommen zu haben – nachdem er sechsmal sitzengeblieben war. Bei der Präsentation seines Buches sagte er: „Ich bin wohl der Erste, der mehr Bücher geschrieben als gelesen hat.“
Antonio Cassano, der einen Tag nach dem WM-Sieg Italiens 1982 in Bari geboren wurde, versuchte scherzhaft, eine Erklärung für sein gewöhnungsbedürftiges Verhalten zu geben. „In der Nacht, in der ich geboren wurde, waren alle Ärzte besoffen, weil sie Italiens WM-Sieg feierten.“ Es hat aber wohl mehr damit zu tun, dass Kindheit und Jugend von Antonio Cassano, der sich selbst als „Hurensohn der Straße“ bezeichnet, wahrlich nicht auf der Sonnenseite des Lebens angesiedelt waren.
Sein Vater war ein Kleinkrimineller, der sich mit Zigaretten-Schmuggel über Wasser hielt. „Die Schnelligkeit hat Antonio von mir geerbt“, sagte Cassano senior einmal stolz. Vielleicht war es aber auch das tägliche „Training“, die Sprints des jungen Antonio, die er einlegen musste, um den Schlägen des Vaters mit einer Eisenstange zu entkommen. Cassaono entkam dem Elend, weil er ein begnadeter Fußballer war und ist. Aber wirklich klarkommt er auch mit seinem Leben als Profi nicht.
Balotelli wurde als Mario Barwuah als Sohn ghanaischer Einwanderer in Palermo geboren. Diese ließen ihn nach einer Unterleibserkrankung in einer Klinik zurück, und der kleine Mario kam in die Obhut der Pflegefamilie Balotelli. Dort hatte er es nicht wirklich schlecht. Aber er war bereits als jugendlicher Kicker dem Hass unverbesserlicher Rassisten im italienischen Fußball ausgesetzt. Sowohl im Fußballalltag als auch in der Nationalmannschaft wurde er von den Tifosi aufs Schlimmste beleidigt. Cesare Prandelli sagte nach Balotellis zweitem Länderspiel im November 2010: „Sollte das wieder passieren, werden wir Mario umarmen und aufhören zu spielen.“
Antonio Cassano erlitt im Oktober 2011 einen Hirnschlag und musste sich einer Herz-Operation unterziehen. Fünf Monate später kehrte er ins Training zurück, nun soll er bei der EURO an der Seite seines kongenialen Kollegen Balotelli für Tore der „Squdra Azzurrra“ sorgen. Für Cassano, der bei Werders Champions-League-Einzug im Sommer 2010 im Team von Sampdoria Genua stand, wurde in seiner Heimat eigens die Wortschöpfung „Cassanate“ kreiert – eine Kombination aus seinem Namen und dem Begriff „Cretinata“, was so viel wie Dummheit oder Blödsinn bedeutet. Erstaunlich, dass noch niemand für Mario Balotelli das Wortspiel „Ballaballatelli“ erfunden hat.


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