
"Es hat ein paar Tage gedauert, bis die Freude durchkam", sagt Meredith Michaels-Beerbaum. Möglicherweise ist die 42-Jährige aus Thedinghausen sogar die Einzige im gesamten deutschen Olympia-Team, bei der die Nachricht über die Teilnahme keine Freude auslöste. Denn das Glück der Springreiterin ist: das Pech eines Konkurrenten. "Ich weiß, wie es ist, wenn man ein verletztes Pferd hat", sagt sie in Gedanken an ihren befreundeten Kollegen Philipp Weishaupt. Weil dessen Pferd Monte Bellini krank geworden ist, muss er Olympia 2012 abhaken. Und aus der Ersatzreiterin Meredith Michaels-Beerbaum wurde am vergangenen Freitag ganz plötzlich eines von vier Teammitgliedern, die in London um Gold im Einzel und mit der Mannschaft kämpfen.
"Es hilft kein Jammern", sagt Otto Becker, "wir sind trotzdem gut aufgestellt, das ist eine gute Truppe." Dabei hätte der Bundestrainer angesichts der Ausfälle allen Grund zu lamentieren. Denn Philipp Weishaupt war nicht der erste Pechvogel, sondern nach Carsten-Otto Nagel, Ludger Beerbaum und Marco Kutscher der vierte, der für London eingeplant war und von der Liste gestrichen werden musste.
Ein Quartett, das mit gesunden Pferden ein heißer Kandidat für die Goldmedaille gewesen wäre, verfolgt nun also die Spiele – vermutlich traurig – als Zuschauer. Meredith Michaels-Beerbaum dagegen nähert sich dem anderen Ende der Gefühlsskala. Der "erste Schock und die gemischten Gefühle", die sie zunächst verspürte, weichen allmählich der Vorfreude auf das große Ereignis. Natürlich hätte sie immer auf ihre Teilnahme gehofft und mit ihrer Stute Bella Donna schließlich auch auf dieses Ziel hingearbeitet; aber realistische Chancen hatte sie eigentlich nicht.
Bella Donna: Unerfahren, aber stark
Corradina (Nagel), Gotha (Beerbaum), Cornet Obolensky (Kutscher) und Monte Bellini (Weishaupt) heißen die Pferde, die aufgrund ihrer Erfahrung den Vorzug vor Bella Donna erhalten hätten. Und Plot Blue (Marcus Ehning), Codex One (Christian Ahlmann) und Lambrasco (Janne-Friederike Meyer), die mit der Neunjährigen nun das Pferde-Quartett von London bilden, rangierten auch noch vor Bella Donna. Entsprechend glücklich war Meredith Michaels-Beerbaum daher schon über ihre Ernennung zur Ersatzreiterin. Diese Belohnung hatten sie und Bella Donna Anfang Juli, beim CHIO in Aachen, für eine starke Leistung bekommen.
Über die Klasse der gebürtigen Kalifornierin gibt es keine zwei Meinungen: Die ehemalige Weltranglistenerste hat ihrer EM-Goldmedaille 1999 mit der deutschen Equipe zahlreiche Medaillen bei Championaten und Siege in großen Turnieren und Turnierserien folgen lassen. Bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 verfehlte sie als Vierte Bronze denkbar knapp, aktuell ist sie Mannschaftsweltmeisterin. Ob Bella Donna denn schon weit genug sei, eine so schwere Prüfung wie in London zu gehen? "Sie ist sehr talentiert, kann überall ’rüberkommen und hat das Potenzial, ein Championatspferd zu werden", sagt die Reiterin.
Ersehnt und unverhofft zugleich, betritt das Duo nun die große Bühne Olympia, wo im besten Fall – nämlich mit dem Erreichen des Einzelfinales – fünf schwere Runden zu absolvieren sind. "Das Ziel ist eine Medaille", sagt Michaels-Beerbaum voller Optimismus, "wir haben trotz aller Ausfälle ein starkes Team." Dass die Favoritenrolle weg ist, wie Bundestrainer Otto Becker meint, reduziere den Erwartungsdruck. "Mir gefällt diese Position besser", sagt die 42-Jährige.
Am Freitag hat die Vorbereitung für Meredith Michaels-Beerbaum neue Fahrt aufgenommen. Zwar nicht in sportlicher Hinsicht, denn auch als Ersatzreiterin hatte sie so trainiert als stünde ein Einsatz bevor. Aber im logistischen Bereich gab und gibt es einiges zu tun: Die Einkleidung musste nachgeholt werden, Ehemann und Trainer Markus Beerbaum sowie Tochter Brianne Victoria brauchten Olympia-Akkreditierungen. Mann und Kind sind inzwischen versorgt, Frau und Mutter nicht. Für den deutschen Reitsport gewiss nicht so wichtig – für Meredith Michaels-Beerbaum aber ein Umstand von Bedeutung. Denn sie möchte unbedingt bei der Eröffnungsfeier dabei sein. Zeitlich ist das zu schaffen, fliegt sie doch am Freitag. Aber ob sie ohne offizielle Olympiakleidung mitmachen dürfte?
Olympische Medaille fehlt noch
Zuerst gar nicht im engeren Kandidatenkreis für die Olympischen Spiele, dann Ersatzreiterin – und seit vergangenem Freitag fest in der deutschen Mannschaft: Der Weg von Meredith Michaels-Beerbaum nach London war alles andere als geradlinig. Dabei hat die 42-Jährige bereits viele Erfolge gefeiert. Sie führte als erste Frau im Dezember 2004 die Weltrangliste der Springreiter an. Aktuell ist sie Weltmeisterin mit der Mannschaft. Eine olympische Medaille allerdings fehlt in der Vitrine der gebürtigen Kalifornierin noch. Als Vierte ritt Meredith Michaels-Beerbaum auf Shutterfly in Peking 2008 denkbar knapp an Edelmetall vorbei. Vielleicht klappt es diesmal auf der noch jungen Stute Bella Donna. Die Wettbewerbe der Springreiter in London finden zwischen dem 4. und 8. August statt. Die Medaillen in der Mannschaftswertung werden am 6. August vergeben, die im Einzelwettbewerb am 8. August. (jgr)




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