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Angehende Erzieher aus der Fachschule für Sozialpädagogik Delmestraße erzählen Märchen in Kindergärten
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Brüder Grimm unter der Discokugel

05.01.20150 Kommentare
SÜD / Märchen erzählen / Kinderhaus Kodakistan / FS Sozialpädagogik Delmestraße
Die angehenden Erzieher und Erzieherinnen Jens Pielch, Raquel Pelicano und Alena Hopfgarten der Fachschule für Sozialpädagogik Delmestraße erzählen den Knirpsen in Kindergarten Kodakistan Märchen und die hören aufmerksam zu. (Walter Gerbracht)

Deepthi Schmidt sitzt im Kinderhaus Kodakistan im Beginenhof in einem abgedunkelten Raum, unter dessen Decke eine Discokugel rotiert. Helle Punkte wandern über die Wände. Deepthi Schmidt holt tief Luft, blickt noch einmal schnell auf die Notizen in ihrer Handfläche und fragt dann: „Kennt ihr das Märchen vom Froschkönig?“

Deepthi Schmidt  erzählt Kinder das Märchen vom Froschkönig  im Kindergarten Kodakistan, Beginenhof
Deepthi Schmidt mit Frosch. (TOBIS MEYER, Tobias Meyer)

Einige aus der Tintenfisch- und der Seestern-Gruppe, Kinder zwischen zweieinhalb und sechs Jahren, die mit ausgestreckten Beinen auf einer großen Matratze sitzen, nicken eifrig. „Das haben wir schon einmal gehört“, sagt ein Junge, „aber das ist lange her.“ – „Ja, da war ich noch kleiner“, ruft eines der Mädchen. „Da hatte ich noch einen Wackelzahn!“ Deepthi Schmidt lacht, dann legt sie los: „Es war einmal vor langer Zeit…“

Dass die 25-Jährige in dem Kinderhort sitzt und Märchen erzählt, hat etwas mit ihrer Erzieherausbildung zu tun, die sie im September in der Fachschule für Sozialpä-dagogik Delmestraße begonnen hat. Seit anderthalb Jahren wird dort das Märchenerzählen als freiwillig wählbarer Vertiefungskursus angeboten. Sabine Junker-Lange, Lehrerin für Sozialwissenschaft und Deutsch, hat ihn an dem Schulzentrum eingeführt.

„Märchen sind aus pädagogischer Sicht wichtig, weil sie mit den Grunderfahrungen der Kinder übereinstimmen“, sagt Sabine Junker-Lange. „Es geht um Gut und Böse, um Herausforderungen, um die Auseinandersetzung zwischen Starken und Schwachen. Damit beschäftigen sich die Kleinen im Alltag.“ Viele der Märchen hätten etwas Tröstliches, weil am Ende meist alles gut wird. Außerdem sei es gut, wenn die Kinder schon früh an Märchen herangeführt würden. „Das ist ein Volksbrauchtum, das in vielen Kulturen besteht. Sich mit ihnen auseinanderzusetzen, bereitet die Kinder auch auf das Lernen vor.“

Deepthi Schmidt ist mittlerweile bei der spannendsten Szene des Märchens „Der Froschkönig“ angekommen: Der Frosch steigt die Treppe zum Gemach der Prinzessin hinauf. „Pitsch-Patsch, pitsch-patsch“, macht die 25-Jährige und schlägt dazu rhythmisch auf die Oberschenkel. Die Kinder tun es ihr gleich. Gebannt starren sie auf Deepthi Schmidt und die anderen drei Erzählerinnen, die in verteilten Rollen sprechen, immer wieder wandert ihr Blick zu dem großen Frosch, der vor ihnen auf dem Boden liegt und eine goldene Weihnachtskugel im Mund hat. „Iiihhhh“, flüstern die Mädchen, wenn sie hören, wie ekelig der Frosch ist, und „Oooohhhh“ raunen sie, als die Prinzessin den Frosch an die Wand klatscht und dieser sich daraufhin in einen schönen Prinzen verwandelt. „Der Frosch hat dabei die Wand geküsst und sich verwandelt“, weiß einer der Jungs und schlussfolgert: „Das ist eine Zauberwand!“

Aber Moment mal: War das nicht anders? Hat die Prinzessin nicht eigentlich den Frosch geküsst? „Es gibt zwei Versionen“, sagt Schmidt. „Wir haben uns für die klassische von den Brüdern Grimm entschieden.“ Sie könne die „verkitschten Varianten“ von Märchen nicht leiden. „Ich möchte Kinder in die Welt der Märchen einführen – und Märchen können auch mal etwas grausamer sein.“ Schöne, verkitschte Geschichten wie vom Raben Socke oder von Prinzessin Lillifee gebe es im Kindergarten schon zur Genüge.

Die 20 Schülerinnen und Schüler durften die Märchen, die sie in verschiedenen Horten vortragen, selbst auswählen. In einer Erzählwerkstatt lernen sie zunächst, wie sie die Geschichte so lebendig wie möglich transportieren – durch Gestik, Mimik und Betonung. Außerdem haben sie sich mit der Historie der Märchen beschäftigt und damit, welche Bedeutung sie in verschiedenen Kulturen haben. Deepthi Schmidt, die aus Sri Lanka stammt, hat selbst als Kind auch Märchen von ihrer Mutter erzählt bekommen. „Auch dort haben die Erzählungen oft eine Moral“, sagt die 25-Jährige. „Allerdings wurden sie im Laufe der Zeit nicht kindgerecht abgeändert, sondern sind immer noch relativ grausam.“

Auch bei ihrer Darbietung des Froschkönigs habe die Gruppe darauf geachtet, nicht allzu viel am Original zu schrauben. „Wir haben zum Beispiel alte Wörter im Text gelassen.“ Dadurch soll die Fantasie, aber auch die Sprache der Kinder gefördert werden. Überhaupt: „Märchen sind aus pädagogischer Sicht unglaublich gehaltvoll für Kinder“, findet Deepthi Schmidt. Sie möchte mehr Wert auf Märchen legen, wenn sie eines Tages als Erzieherin im Kindergarten arbeitet.

Im Kinderhaus Kodakistan spielen Märchen schon länger eine größere Rolle, sagt Erzieherin Maike Ehlers. Auch viele ausländische Märchen seien dabei – aufgrund der multikulturellen Gruppe. „Wir wollen damit auch eine sprachliche Vorbildung ermöglichen.“ Maike Ehlers findet das Engagement der Schülerinnen – das später auch analysiert und benotet wird – gut: „Man merkt schon, dass die Kinder bei fremden Erzählern noch etwas aufmerksamer sind als bei uns.“

Das Märchen „Der Froschkönig“ geht zu Ende, der Vater der Prinzessin organisiert noch für den nächsten Tag eine große Hochzeitsfeier für das junge Paar. „Und sie waren glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende“, schließt Deepthi Schmidt die Erzählung – und ein Junge ruft: „Tja, Ende im Gelände!“


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Leserkommentare
Pikaya am 18.08.2017 10:08
Die besten und günstigsten Weihnachtsbäume werden am 24.12 Vormittag gekauft.
suziwolf am 18.08.2017 09:59
Waren Sie auch 'mal in finnischen Gewässern ;-) ?

Die Deutschen sind (auch) in Suomi ,hoch angesehen' ob ihrer
Tugenden und ob mit ...
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