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Halbzeit im virtuellen Gerichtssaal / Auflösung des „Arte“-Krimis im Internet eher ermüdend
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Der Zuschauer als Geschworener

26.02.20140 Kommentare

Bremen.

21 Tage lang stehen Angeklagter und Zeugen vor dem Richter. Hat Manon Villers sich selbst umgebracht? Oder hat ihr Mann sie erschossen, weil sie ein Verhältnis hatte? War es gar ein Unfall, spielte ihr Sohn mit dem Revolver?

Was spannend klingt, ist auf 21 Tage verteilt eine zähe Angelegenheit. Grundlage des Arte-Projektes „Mit innerer Überzeugung“ ist ein Film, der dort aufhört, wo es eigentlich interessant wird: bei der Aufklärung des Mordes. Anstatt der Kommissarin beim Ermitteln zuzuschauen, folgen für den Zuschauer des Krimis Stunden vor dem Computer. Am 14. Februar wurde der Film in dem deutsch-französischen Fernsehsender Arte ausgestrahlt (auf der Internetseite immer noch jederzeit abrufbar), seitdem gibt es jeden Tag ein paar Minuten Gerichtsanhörungen im Internet zu sehen.

Richter und Staatsanwälte sind in dem Multimedia-Projekt keine Schauspieler, sie sind reale Juristen. Sie stellen Fragen, wie sie sie in einem wirklichen Gerichtsprozess stellen würden. Die Zuschauer sind diesem ausgeliefert, sie können nichts selbst machen, außer zuschauen. Keine eigenen Fragen auswählen, noch nicht einmal die Reihenfolge der Zeugen.

Hinter der Passivität der Zuschauer steckt ein Konzept: In Frankreich erklärt das Gesetz, dass die Geschworenen durch ihre „innere Überzeugung“ geleitet werden sollten. Über einen langen Zeitraum sollen sie sich „mit ihren Gedanken auseinandersetzen“, schreibt der Sender Arte, „und gemeinsam zu einem Urteilsspruch gelangen.“

Um das selbst zu erleben, sollen die Zuschauer auf der Arte-Internetseite sich ein eigenes Profil anlegen, um die Videos der Anhörungen zu kommentieren. Über Facebook sollen sie sich mit ihren Freunden über die Webserie austauschen, über Twitter ihre innere Überzeugung mitteilen. Viel Arbeit für einen fiktiven Mordfall, der einen, zugegeben, nicht gerade vom Hocker reißt.

Dabei scheint das Krimi-Format wie gemacht für eine Fortsetzung im Internet. Schließlich will jeder wissen, wer der Mörder ist. Der SWR machte es 2012 bei einem „Tatort“ vor: Die Zuschauer sollten nach dem Krimi durch eigene Online-Recherche den Täter finden. Proteste hagelten, man wolle nicht den Mörder online suchen, sondern einen guten „Tatort“ sehen. Daher stützte sich das zweite „Tatort“-Internet-Experiment, wieder SWR, auf einen multimedialen Handlungsstrang neben dem abgeschlossenen „Tatort“. Man konnte sich im Internet an Recherchen zu einem Mordfall beteiligen – die aber keinen Einfluss auf den Film hatten. Dabei glichen die Ermittlungen einem Computerspiel. Statische Bilder, gezeichnete oder fotografierte Schränke und Tische, in denen nach Beweismaterial gesucht werden konnte.

Artes „Mit innerer Überzeugung“ hat einen anderen Ansatz: Hier geht es nicht nur um das Binden einer hauptsächlich jungen Zielgruppe an den eigenen Sender durch Spaß am Computer-Ermitteln, sondern es soll aufgeklärt werden: Wie ist es, sich als Geschworener über einen längeren Zeitraum mit dem Fall zu befassen? Was ist, wenn es kein richtiges oder falsches Ende gibt, wenn man selber zu einem Urteil kommen muss? Ein einzelner Film kann die Fragen nicht in dem Maße thematisieren, wie es eine 21-tägige Web-Serie tut. Es ist nicht Artes erstes Projekt, in dem die Macher versuchen, dem Zuschauer eine erlebte Botschaft mitzugeben.

„About: Kate“ ist eine Multimedia-Serie aus dem vergangenen Jahr, in der die Protagonistin Kate auf Facebook schrieb, als wäre sie eine reale Person. Kate war internet- und handysüchtig, lieferte sich aus lauter Überforderung durch die sozialen Medien selbst in eine Klinik ein.

Als Zuschauer bekam man während der Serie durch eine App ständig Benachrichtigungen auf sein Smartphone. Nach einer Folge fühlte man sich mindestens ebenso überfordert wie Kate – nur dass man wusste, eine Klinik würde nun auch nicht helfen.

Die Kate-Serie hatte ein Problem: Für den pädagogischen Effekt reichte eine Folge aus. Warum sollte man sich das noch einmal antun? „Wir geben dem Zuschauer keine Möglichkeit zu entfliehen”, sagte Christian Ulmen, dessen Produktionsfirma ulmen.tv die Serie gemeinsam mit Arte produzierte. Doch es war irgendwie sehr einfach zu entfliehen. Kate entwickelte keine Anziehungskraft, sie blieb trotz ihrer permanenten Facebook-Posts unpersönlich – keine komplexe, vielschichtige Figur.

„Mit innerer Überzeugung“ zeigt einen ähnlichen Mangel: Film und Webserie erzeugen keinen Sog. Um aus der Serie ein virales Phänomen zu machen, bräuchte sie Protagonisten, die nicht gut oder böse sind, bei denen man nicht vor der Frage steht, schuldig oder unschuldig – sondern die einen zur eigenen Verzweiflung bringen, weil dieses Schubladendenken nicht passt. Erst dann würde man endlich persönlich berührt vor dem Computer sitzen und hätte keine andere Wahl, als dranzubleiben.


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Leserkommentare
djhg am 18.08.2017 07:27
@Werderland: Ich denke eher, dass Nouri und Baumann auch ihren Aussagen aus der letzten Saison gelernt haben und es deshalb eher intern ...
abrakadabra am 18.08.2017 07:26
Der Betrag ist ja wohl lächerlich ... Warum gibts da nicht wenigstens einen Punkt in Flensburg? Für Taxifahrer als angebliche Profis darf es auch ...
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