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Nach dem Abgang von Stolberg Fall Beluga wird zum Wirtschaftskrimi

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Verlässliche Fakten sind derzeit schwer zu erhalten, dafür brodelt es umso heftiger in der Gerüchteküche. Wir versuchen, etwas mehr Licht ins Dunkel zu bringen. Es ist unüblich, dass Kapitalfonds wie Oaktree ins operative Geschäft einsteigen. Das genau aber ist in der vergangenen Woche geschehen. Neben Stolberg, dem langjährigen Alleingesellschafter und zu diesem Zeitpunkt offiziell noch Mehrheitseigner der Reederei, wurden auch zahlreiche Führungskräfte mit sofortiger Wirkung beurlaubt. Sie alle hatten fünf Minuten Zeit, ihre Schreibtische zu räumen und wurden vom Sicherheitsdienst aus dem Haus geleitet. Darunter waren auch die drei Direktoren aus dem Bereich Chartering. Die Befrachtung ist das Kerngeschäft der Reederei - die zuständige Abteilung bucht die Ladung auf die Schiffe der Flotte, auf eigene und gemietete (gecharterte).

Bereits Mitte vergangener Woche, also unmittelbar nach Stolbergs Demission, hat Oaktree Anzeige gegen den ehemaligen Firmenchef erstattet. Den konkreten Inhalt verrät die Behörde bislang nicht. Denn noch prüft die Bremer Staatsanwaltschaft nach eigenen Angaben, ob "in dem sehr komplexen Fall" tatsächlich ein "strafrechtlich relevantes Fehlverhalten" vorliegt. Die Entscheidung über ein offizielles Ermittlungsverfahren soll angeblich schon heute fallen. Kommt es ganz hart, geht es um den Vorwurf der Bilanzfälschung - darauf stehen Geld- oder sogar Freiheitsstrafen.

Oaktree hatte am Freitag lediglich mitgeteilt, dass mutmaßlich "erhebliche finanzielle Unregelmäßigkeiten in Bezug auf Umsatz und Liquidität" festgestellt worden seien. Demnach geht es der Reederei wirtschaftlich weitaus schlechter, als der US-Investor bislang vermutet hatte. Bei einem Krisentreffen mit Banken und Vertretern von Schiffsfonds soll Oaktree sogar eine Insolvenz ins Spiel gebracht haben, sollten die Gläubiger nicht Charterraten und Forderungen reduzieren oder sogar drei Monate lang ganz auf Geld verzichten.

Gewaltiges Investitionsvolumen

Beluga, bislang Bremer Vorzeigeunternehmen und Weltmarktführer in der Schwergut- und Projektschifffahrt, ist augenscheinlich in sehr schwere See geraten. Stolberg hat sich offenbar verkalkuliert. Er hatte am Ausbau seiner Flotte festgehalten und damit an einem gewaltigen Investitionsvolumen in Höhe von rund einer Milliarde Euro. Gleichzeitig hatten die bereits fahrenden 72 Schiffen nicht mehr die erhofften Einnahmen eingebracht. Stolberg hatte auf eine rechtzeitige Erholung des Schwergutsegments gesetzt - das Gegenteil trat ein.

Durch die jüngste Konjunkturflaute war Beluga dank langfristiger Kontrakte zunächst weitaus besser gekommen als etwa die Containerschifffahrt. Selbst im absoluten Krisenjahr 2009, als andere Reedereien schwerste Verluste verkraften mussten, verbuchte Stolberg noch einen Gewinn von 20 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr wollte er die Summe wenigstens verdoppeln. Doch im Zuge der Krise wurden weltweit keine neuen Kraftwerke, Fabriken und Raffinerien mehr geplant und gebaut.

So blieben letztlich die lukrativen Transportaufträge aus, die Raten (Tageseinnahmen) für Schwergutschiffe sackten erheblich ab, die Beluga-Schiffe verdienten nicht mehr genug Geld. Oder hat Stolberg selbst mit "Kampfpreisen" das Ratenniveau gedrückt, wie andere behaupten? Offenbar liefen jedenfalls die Kosten ungeplant aus dem Ruder.

Neben eigenen Frachtern setzt Beluga vor allem gecharterte Schiffe ein, finanziert über Bankkredite und über sogenannte Emissionshäuser, die das benötigte Eigenkapital bei einer Vielzahl von Privatanlegern einsammeln. Etwa 30 solcher Ein-Schiffs-Gesellschaften von fünf Emissionshäusern sollen Frachter an Beluga verchartert haben, heißt es in Medienberichten. Ausgehend von zu optimistischen Prognosen soll Beluga ihnen, so erzählt es die Branche, viel zu hohe Charterraten garantiert haben, die wegen der schlechten Auftragslage nicht mehr bedient werden konnten.

Von einem der Schiffsfinanzierer ist zu hören, dass vier seiner Schiffsfonds von Beluga über Wochen kein Geld mehr bekommen haben, die Zahlungsausfälle summierten sich auf mehrere Tausend Euro - pro Tag und Schiffsgesellschaft. Allein das Hamburger Emissionshaus HCI ist laut einem Zeitungsbericht mit 17 Fondsgesellschaften und 20 Schiffen betroffen. Die Oltmann-Gruppe aus Leer hat jetzt nach Angaben ihres geschäftsführenden Gesellschafters André Tonn drei Schiffe "aus dem Risiko" genommen und beim Beluga-Konkurrenten Briese untergebracht, der sie offenbar weiter beschäftigen kann.

Ist Oaktree über die ausgesetzten, sich also aufsummierenden und nach wie vor fälligen Charter-Zahlungen nicht informiert worden? Dafür müssten die Verbindlichkeiten bewusst aus den Geschäftsberichten herausgelassen worden sein. Das könnte erklären, warum alle drei Chartering-Direktoren das Haus verlassen mussten. Und auch das Auftragsbuch war offenbar bei weitem nicht so gut gefüllt, wie Beluga seinem Investor erklärt hatte. Bewiesen ist davon bislang allerdings nichts.

Schließlich soll es einen weiteren Gesellschafter der Beluga-Gruppe geben, eine Holding, die 2,5 Prozent hält. Das war in der Öffentlichkeit bislang nicht bekannt. Gemunkelt wird im Umfeld von Beluga zudem, dass es in der zweiten Jahreshälfte 2010 Versuche gegeben haben soll, auflaufende Verluste mit Kapitaleinzahlungen auszugleichen. Sollte das ohne Wissen von Oaktree geschehen sein, wären Umsatzzahlen und Liquidität "künstlich" beeinflusst und die wahre wirtschaftliche Lage verfälscht worden - eine "Todsünde" gegenüber einem Investor, der wissen will, wie sein Kapital eingesetzt wird und was es (noch) wert ist. Antworten stehen noch aus.

Neue Anteile ohne frisches Kapital?

Weit weniger wert als ursprünglich angenommen ist jedenfalls Beluga inzwischen. Denn nach Informationen unserer Zeitung ist die Aufstockung der Oaktree-Anteile von 37 auf jetzt offiziell 49,5 Prozent nicht etwa durch eine Kapitalerhöhung erfolgt, sondern ergibt sich aus einer Neutaxierung der Unternehmensgruppe durch Oaktree. Der US-Finanzinvestor hatte mit bis zu 175 Millionen Euro vor allem die bestellten neuen Schwergutfrachter und Offshore-Schiffe finanzieren sollen. Doch allein die Baukosten sollen seit dem Einstieg von Oaktree um einen zweistelligen Millionenbetrag gestiegen sein.

Nicht bekannt war bislang auch, dass Oaktree bereits im August 2010 Beluga einen Überbrückungskredit in Höhe von 20 Millionen Euro gewährt haben soll. Liquiditätslücken müsste es also damals schon gegeben haben - und sie wären Oaktree bekannt gewesen. Denn der Einstieg des Investors war zwar schon im Juni angekündigt worden, zum endgültigen Vertragsschluss, dem Closing, soll es aber erst im Oktober gekommen sein. Zuvor hatte Oaktree eigentlich Zeit genug, Beluga detailliert unter die Lupe zu nehmen. Sieben Monate lang soll die bei Firmenbeteiligungen oder -übernahmen weltweit übliche Wirtschaftlichkeitsprüfung (Due Diligence) durch externe Berater gedauert haben. Für 2009 lag eine testierte Bilanz vor, zudem hatten unbestätigten Angaben zufolge Wirtschaftsprüfer einer Unternehmensberatung den Auftrag, die Gefahr einer möglichen Überschuldung zu untersuchen - und sollen Entwarnung gegeben haben.

Dass Oaktree sich jetzt so überrascht von der Geschäftsentwicklung bei Beluga zeigt, führt der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel darauf zurück, "dass bei der Wirtschaftlichkeitsprüfung entweder geschlampt" worden sei oder aber "Oaktree bei der Jagd nach Renditen voreilig, ja gierig" agiert habe. Nun haben die Fonds-Manager, vermutlich auch unter dem Erwartungsdruck der eigenen Anleger, das Ruder bei Beluga im Handstreich übernommen. Bis Ende des Monats wollen sie nach eigenen Angaben die neuerliche Bestandsaufnahme abgeschlossen haben - und dann ihre Konsequenzen ziehen.

Niels Stolberg selbst kann zu all den Vorwürfen nicht befragt werden - wo er sich seit dem erzwungenen Abgang vor genau einer Woche aufhält, ist nicht bekannt.

Hickel warnte am Montag den Bremer Senat davor, der kriselnden Firma vorschnell Hilfe, etwa in Form von Bürgschaften, anzubieten. Wirtschaftsstaatsrat Heiner Heseler hatte das in Bezug auf einen geplanten Kabelleger der Bremerhavener Lloyd Werft ins Spiel genannt. Eine Unterstützung dürfe nur dann gewährt werden, so Hickel, wenn ein Rettungskonzept vorliege.



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Leserkommentare
svwhesse2 am 24.05.2013 19:35
@Paulchen 77

vielen Dank für deinen Kommentar. Genauso sehe ich das auch!!
Netzorath am 24.05.2013 19:13
@adagiobarber

Es hält sich aber weiterhin das Gerücht, Scholl habe hier etwas gekauft und komme zu Werder. Für die Jugendarbeit, als ...
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