
Die Spielanalyse war bald abgeschlossen. Klaus Allofs hatte das Wichtigste gesagt zu Werders 1:2-Niederlage gegen Bayern München. Etwa, dass sich Werder ordentlich verkauft hatte. Dass Werder das womöglich vorentscheidende 2:0 nicht gemacht hatte. Dass Aaron Hunt ein ordentliches Comeback gefeiert hatte, und dass Aleksandar Stevanovic die große positive Überraschung in der Bremer Mannschaft gewesen war. Als diese Themen abgehakt waren, ging es plötzlich um große, ganz grundsätzliche Dinge. Um die Werder-Bilanz der letzten Jahre, um die Arbeit des Trainers, um die stagnierende Entwicklung bei Spielern und schließlich auch um Allofs' Wirken als Werder-Boss selbst.
Zu behaupten, die Bundesliga-Kolumne von Jörg Wontorra am Tag des Bayern-Spiels in dieser Zeitung hätte für Aufregung gesorgt, wäre eine ziemliche Untertreibung. Fans posten den Beitrag auf ihrer Facebook-Seite, empfehlen ihn weiter, kommentieren ihn. Auf der Internetseite dieser Zeitung ist der Text der mit Abstand am häufigsten gelesene Artikel. Via "Bild" hatte Werder-Präsident Klaus-Dieter Fischer schon am Spieltag zurückgekeilt (wir berichteten).
Fernsehmann Wontorra hat mit seiner Kritik an den handelnden Personen bei Werder einen Nerv getroffen. Bei einer Online-Umfrage des Weser-Kurier mit mehr als 3000 Teilnehmern stimmen fast 70 Prozent der Einschätzung Wontorras zu, gut 20 Prozent geben ihm in Teilen recht. Wontorra, Ex-Aufsichtsratsmitglied bei Werder, hatte unter anderem Aufsichtsratsboss Willi Lemke und Fischer gemeint, als er festhielt: "Sie schmoren im eigenen Saft, und sie merken nicht, dass die Welt sich weiterdreht." Wontorra kritisierte die Transferbilanz von Klaus Allofs ("Da muss wirklich etwas schief gelaufen sein.") und empfahl Thomas Schaaf den Posten des Sportdirektors, um den Weg für einen "innovativen Trainer" freizumachen.
Allofs verteidigt Werders Weg
Allofs versuchte, seinen Umgang mit der Wontorra-Kritik so professionell wie möglich zu gestalten. Mit Blick auf seine vermeintliche Überbelastung als Vorsitzender der Geschäftsführung und Sportdirektor in Personalunion sagte Allofs: "Ich find's gut, dass man sich so große Sorgen um mich macht." Trotzdem kam Allofs nicht umhin, Standpunkte zu beziehen.
Zu Thomas Schaaf: "Es ist ein großes Glück, dass wir diesen Trainer haben. Es ist natürlich so, dass wir uns Gedanken machen, aber es ist auch so, dass wir immer wieder zu diesem Ergebnis kommen. Wir werden in der nächsten Saison die jungen Spieler weiterentwickeln und die Spieler mittleren Alters verbessern."
Zur künftigen Ausrichtung: "Wir werden unseren Weg gehen. Einige Verträge werden nicht verlängert. Wir werden Veränderungen vornehmen, aus sportlichen Gründen, aber auch begleitet von wirtschaftlichen Zwängen."
Zur Erwartungshaltung: "Es ist normal, dass es Unruhe gibt, wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden. Aber unsere Fans haben Geduld. Sie haben ein Gespür dafür, weil sie wissen, was machbar ist."
Die Fakten machen aktuell wenig Mut. Werder spielt die schlechteste Rückrunde seiner Bundesligageschichte, gewann nur zwei von 15 Spielen in diesem Jahr. Schlechter sind überhaupt nur Absteiger Kaiserslautern und die Abstiegskandidaten Hertha und Köln. Werder ist dabei, zum dritten Mal innerhalb von vier Jahren eine Bundesliga-Saison mit negativer Bilanz zu beenden, also mit mehr Niederlagen als Siegen. Es droht das zweite Jahr in Folge Europapokal-Abstinenz.
Eine Bestandsaufnahme mit Blick auf die kommende Saison ergibt folgendes Bild: Als verlässliche Größen mit Bundesliga-Erfahrung bleiben mit Sicherheit Kapitän Clemens Fritz, Sebastian Mielitz als potenzieller Nachfolger von Nationaltorwart Tim Wiese, die Abwehrspieler Francois Affolter, Lukas Schmitz und Florian Hartherz, fürs Mittelfeld Aaron Hunt, Philipp Bargfrede, Mehmet Ekici, Zlatko Junuzovic, Aleksandar Ignjovski und Tom Trybull sowie im Sturm Marko Arnautovic und Niklas Füllkrug. Das sind 13 Namen.
Drei Sonderfälle
Gültige Verträge haben außerdem Marko Marin, Sokratis und Naldo. Offiziell will Werder auch mit ihnen weiterarbeiten. Sie nehmen aber gleichwohl eine Sonderposition ein, weil sie mögliche Spieler wären, für die Werder eine gute Ablösesumme erzielen könnte. Marin wird in England und Italien nach wie vor sehr geschätzt. Sokratis würde liebend gern im Europapokal spielen. Naldo schließlich hat mehrfach erklärt, sich im Sommer eine Rückkehr nach Brasilien vorstellen zu können. Keine Chance auf einen neuen Vertrag hat Mikael Silvestre. Obwohl Thomas Schaaf für das Bayern-Spiel diverse Außenverteidiger fehlten, ließ der Werder-Trainer den 34-jährigen Franzosen auf der Ersatzbank und brachte stattdessen den gelernten Mittelfeldspieler Aleksandar Stevanovic für die Viererkette. Noch keine Bundesliga-Sekunde gespielt haben Tim Borowski und Denni Avdic in dieser Saison, wobei Avdic noch bis 2014 unter Vertrag steht.
Aussichten auf eine Vertragsverlängerung haben bei Werder dagegen Innenverteidiger Sebastian Prödl und Außenverteidiger Sebastian Boenisch, mit denen Klaus Allofs Gespräche geführt hat. Ob auch Markus Rosenberg, mit neun Saisontoren zweitbester Torschütze hinter Claudio Pizarro, bleiben darf, ist äußerst ungewiss. Apropos ungewiss: Das Geduldsspiel um die Zukunft von Pizarro setzt sich fort. Nach dem 1:2 gegen die Bayern verriet der Stürmerstar auch nicht mehr als in den Wochen zuvor. Nur zum Zeitpunkt äußerte er sich: "Ich hoffe, dass es sich noch während der Saison entscheidet, dann kann ich beruhigt in den Urlaub fahren." Ruhige Zeiten bei Werder - die sind bis auf Weiteres passé.
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