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Werder Bremen Werder-Arzt tritt Fan-Vorwürfen entgegen

Werders Mannschaftsarzt Götz Dimanski.
Werders Mannschaftsarzt Götz Dimanski.

Herr Dimanski, sobald bei Werders Profis Muskelverletzungen auftreten, stellen Fans die Kompetenz der medizinischen Abteilung und damit auch Ihre infrage. Was entgegnen Sie dieser Kritik?

Götz Dimanski: Verständlicherweise sind bei den Fans viele Emotionen im Spiel, aber es gibt einfach in einer Saison solche Phasen. Statistisch ist nachgewiesen, dass es zum Ende einer Saisonphase, also zum Ende der Hin- wie auch der Rückrunde, zu Häufungen von Verletzungen kommt. Das hängt mit der Summation der Belastung zusammen. Das ist Punkt eins. Punkt zwei ist: Wir spielen mit Werder Fußball – und Fußball ist eine Sportart, die die Muskulatur besonders beansprucht. Beanspruchte Strukturen neigen eben auch zu Verletzungen.

In anderen Klubs wird auch Fußball gespielt...

Durchschnittlich 38 Prozent aller Verletzungen, die pro Saison in einer Fußball-Bundesligamannschaft auftreten, sind Muskelverletzungen. Auch das ist in einer Studie nachgewiesen. Betrachtet man unsere Statistik, liegen wir darunter. Sie hatten aber gefragt, was ich der Kritik entgegne. Ich verstehe, dass sich die Fans über jede Verletzung ärgern. Aber ich weiß auch, dass ihnen vielfach der Hintergrund fehlt, um die einzelne Verletzung einschätzen und beurteilen zu können.

Wie behandeln Sie einen Muskelfaserriss?

Da gibt es sehr, sehr unterschiedliche Formen der Behandlung. Durch den Riss in der Muskelfaser ist es zu einer Einblutung gekommen, also zu einer Wunde unter der Oberfläche. Wir lassen diese Wunde zunächst einmal zur Ruhe kommen und verheilen. Wenn die Wunde verheilt ist, beginnen wir mit leichten Bewegungsübungen, damit sich keine Verklebungen bilden, sich beginnende Verklebungen sofort wieder lösen und sich die Narbe in funktioneller Richtung ausrichten kann. Wir schauen dann, dass sich im Muskel keine Tonusstörungen entwickeln...

Das sind Verkrampfungen des Muskels...

Ja. Jeder nicht tätige Muskel befindet sich in einem entspannten Zustand. Es kann aber zu einer angespannten Situation kommen, wenn es in dem Muskel eine Wunde gibt. Außerdem kontrolliere ich die Sportler jeden Tag: Man prüft die Dehnfähigkeit der Muskulatur, den Dehnschmerz und wie weit der Muskel schon wieder angespannt werden kann. Und schließlich braucht man das Fingerspitzengefühl, um ertasten zu können, wie sich die Wunde im Muskel verhält. Je nach Befund steigert sich dann die Belastung.

Häufig verletzt war im Herbst 2010 Claudio Pizarro. Nach einem Faserriss im Oberschenkel spielte er vier Wochen später wieder, musste statt geplanter 60 Minuten 88 Minuten ran – und prompt brach die Verletzung erneut auf. Das macht stutzig.

Das ist ein sehr gutes Beispiel. Es gibt bei der Behandlung von Muskelfaserrissen, wie ich schon sagte, sehr unterschiedliche Wege. Es gibt dabei auch – ich nenne es mal – ein "Nord-Süd-Gefälle". Denn natürlich ist es immer auch die Frage, wer eine Verletzung behandelt. Sie haben Claudio Pizarro nicht gefragt, wer seinen Muskelfaserriss behandelt und ihm die Einsatzfreigabe gegeben hat?

Nein. Wir sind davon ausgegangen, es wäre hier passiert.

Ist es nicht. Jeder Spieler hat natürlich freie Arztwahl. Und inzwischen lässt Claudio Pizarro seine Muskelverletzungen auch hier in Bremen behandeln, weil sich genau in diesem HSV-Spiel folgende Situation ereignet hat: Es haben sich zwei Bremer Spieler Muskelfaserrisse zugezogen. In diesem Fall waren es zwei total vergleichbare Muskelfaserrisse. Ich habe den Spielern gesagt, es werde etwa zwölf Tage brauchen, um wieder fit zu sein, wenn sie es nach unserem natürlichen "Schema Nord" machen ließen...

Also bei Ihnen hier in Bremen...

...oder drei bis dreieinhalb Wochen, wenn sie die Süd-Schiene nutzen.

Wer hat was gemacht?

Der Spieler, der sich hier hat behandeln lassen, ist am zwölften Tag wieder ins Training eingestiegen, während es bei dem anderen, der sich im Süden hat behandeln lassen, dreieinhalb Wochen gedauert hat.

Das war Claudio Pizarro.

Genau. Er hat sich später einen dritten Muskelfaserriss zugezogen, danach in Bremen behandeln lassen – und hatte anschließend keine Probleme mehr.

Werder hatte 2008 Yann-Benjamin Kugel als Fitnesstrainer eingestellt, der nun ausscheidet. Hat sich sein Einsatz aus medizinischer Sicht positiv ausgewirkt?

Wir sind ja ein großes Team, das an der Mannschaft arbeitet. Wir haben Physiotherapeuten und auch Masseure und natürlich auch den Fitnesstrainer. Die Co-Trainer sind in der letzten Phase bei der Reintegration eines verletzten Spielers in die Mannschaft beschäftigt. So hat jeder an einer bestimmten Stelle seine Aufgabe, ein Fitnesstrainer ist eine von vielen Stützen im System.

Kürzlich hat Per Mertesacker gesagt, er habe beim FC Arsenal nach einer Knöchel-Operation sehr viel Zeit zur Regeneration gehabt. Bei Werder habe er diese Zeit nicht bekommen. Ist die Zeit für ein Aufbauprogramm in Bremen zu knapp bemessen?

Ich habe das Interview mit Per, das Sie ansprechen, anders verstanden. Für mich klang es nach einer Botschaft für den Bundestrainer. Sie lautete: "Bundestrainer, sei nicht traurig, dass ich noch nicht spiele. Du musst wissen, dass ich hart trainiere und auch ohne Spiel zur Verfügung stehe. Ich habe es schon in Bremen bewiesen, wo ich nach meinen Verletzungen nach kürzerer Zeit zum Einsatz gekommen bin und es gut bewältigt habe."

Mertesacker sagte aber auch, bei Arsenal spielten "nur diejenigen, die wirklich 100-prozentig fit" seien. Und: "In Bremen musste ich gleich funktionieren, auch wenn die Zeit eigentlich zu knapp war." Etwas viel für eine Botschaft an den Bundestrainer...

Doch. Das will ich damit ja sagen. Der Bundestrainer kann darauf vertrauen, dass Per auch ohne Spiel sofort wieder da ist. Denn das hat der Spieler bei Werder bewiesen. Man muss nur ein Wort tauschen: das Wort "zu" gegen ein "sehr".

Die Zeit in Bremen war also nicht zu knapp, sondern sehr knapp...

In einem Interview kann es doch passieren, dass man ein Wort mal nicht ganz passgenau verwendet. Ich denke, ihm ging es in seiner Botschaft um die EM-Teilnahme. Er möchte zur EM, und er möchte dem Bundestrainer sagen: "Pass auf, bei Arsenal spiele ich deshalb noch nicht, weil einfach zu viele gute Spieler da sind. Da kann sich der Trainer den Luxus leisten, mich sehr lange draußen zu lassen."

Aber die Quintessenz bleibt dieselbe: Ein Spieler bei Arsenal hat mehr Zeit zur Regeneration als in Bremen.

Nehmen wir mal den ganz schlimmen Fall. Ein Spieler hat einen Kreuzbandriss und schafft es danach, weil die Mannschaft so gut besetzt ist, nicht gleich wieder ins erste Team. Da kann man sagen: Der hat jetzt ein Jahr Aufbauzeit gehabt, und er musste gar nicht spielen...

Eben, er musste nicht spielen...

Nein, die wollen alle spielen. Glauben Sie, dass irgendein Spieler nicht spielen will? Ich kenne viele Spieler, die unzufrieden waren, weil ich sie noch an der Kette gehalten habe.

Viele Fußball-Profis nehmen Schmerzmittel, um überhaupt spielen zu können. Ist das klug?

Das ist so ein pauschaler Vorwurf, der gern in den Raum gestellt wird. Die Frage ist immer: Wer macht so etwas? Wenn Sie von der Situation bei Werder und mir ausgehen, wird der Einsatz von Medikamenten und überhaupt jeder Therapie indikationsgerecht geprüft. Wenn die Indikation zum Einsatz eines Medikaments besteht, wird das Medikament gegeben. Wenn nicht, dann nicht. Das ist vernünftig. Alles andere ist unvernünftig.

Ist es denn vernünftig, einen Spieler spielen zu lassen, obwohl er Schmerzen hat?

Das ist die gleiche Frage, die Sie bei einem Büroarbeiter stellen müssen, ob es vernünftig ist, ihn weiterarbeiten zu lassen, wenn er mal Kopfschmerzen hat. Der Einsatz in einem Spiel oder im Training erfolgt nur, wenn es absolut zu verantworten ist.

Also auch unter Schmerzmitteln?

Ja, sicherlich gibt es auch die Möglichkeit, dass jemand unter Schmerzmitteln trainiert oder mal ein Schmerzmittel im Zusammenhang mit einem Spiel eingenommen hat. Aber immer nur, wenn es, wie zuvor erklärt, auch zu verantworten ist.

Nach Angaben der Deutschen Sporthochschule in Köln sollen aber etwa 30 Prozent aller Bundesliga-Profis im Wettkampf Schmerzmittel nehmen. Lässt sich das auf Werder übertragen?

Nein. Das ist viel zu hoch.

Grundsätzlich zu hoch?

Ich weiß nicht, woher die Zahlen stammen. Was da analysiert worden ist.

Es handelt sich um Zahlen, die aus der Untersuchung von Dopingproben resultieren. Die Hälfte aller Proben aus der Bundesliga werden in Köln untersucht.

Kann sein, dass das eine Zahl ist, die man als eine verlässliche Statistik betrachten müsste. Dann muss man sagen: Wir bei Werder sind auch dort weit unterm Durchschnitt.

Das ärztliche Selbstverständnis verlangt zu heilen, als Arzt im Profi-Sport müssen Sie – böse formuliert – das Arbeitsmittel Spieler möglichst schnell wiederherstellen. Sitzen Sie zwischen den Stühlen?

Nein, ich sitze nicht zwischen zwei Stühlen. Ich habe während meiner Tätigkeit immer darauf geachtet, nicht beim Verein angestellt zu sein – genau um nicht in diesen Zwiespalt zu gelangen. Deshalb bin ich da ganz frei, das ist mir auch wichtig. Ich bin nur einem verpflichtet: der Gesundheit meiner mir anvertrauten Patienten. Und ich bin auch sehr froh, dass ich bei Werder mit Thomas Schaaf und Klaus Allofs Partner habe, die niemals solche Drucksituationen aufkommen lassen. Niemals hat einer hinter mir gestanden und gesagt: Sorg’ dafür, dass der Spieler wieder fit wird. Und niemals ist ein Rat von mir, einen Spieler nicht einzusetzen, missachtet worden.



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Leserkommentare
altwaller am 25.05.2013 11:10
Alle sind gleich bzw. werden gleich behandelt ? Mal sehen wie es läuft. Sammer hat ja, als Bayern rief, eigentlich problemlos die Freigabe erhalten. ...
peteris am 25.05.2013 10:14
Das ist ja auch kein Testspiel. Werder wollte sich bei den vielen Werder - fans aus Delmenhorst mit einem Auftritt bedanken.
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