
Günter Hermann ist heute Trainer des VSK Osterholz-Scharmbeck.
Zehn Jahre lang, von 1982 bis 1992, trug der kleine Mann mit dem großen Kämpferherzen Werders Trikot. Es war das Jahrzehnt der zweiten Meisterschaft (1988), des zweiten Pokalsieges (1991), des einzigen Europacup-Gewinns (1992). Und es war auch das Jahrzehnt des Otto Rehhagel, der Werder in der Bundesligaspitze und auf europäischem Parkett etablierte. Als Hermann nach dem Erfolgsgeheimnis von „König Otto“ gefragt wird, tut er sich etwas schwer, sagt erst einmal, was es nicht war: „Also sein Training, das war ganz normal, fast eintönig. Wir haben immer dasselbe gemacht“, erzählte „Jimmy“, wie er fast immer genannt wurde. Um hinzuzufügen: „Er hat uns starkgeredet. Und er wusste alles über den Fußball, stellte jeden genau ein. Wenn wir auf den Platz gingen, wussten alle, was zu tun war. Und dann hat er immer genau die richtigen Leute nach Bremen geholt.“
Das mit dem Händchen für die passenden Verstärkungen begann gleich 1982. Bei 1860 München hatte gerade ein junger Mann namens Rudi Völler über 40 Saisontore in der zweiten Liga geschossen, doch Nachbar Bayern fand, für die Bundesliga reiche es wohl doch nicht. Auch Rehhagel hatte eigentlich einen anderen Stürmerstar im Auge. Doch Dieter Schatzschneider von Hannover 96 gab mit dem Hinweis, mit dem HSV sei sein Ziel Nationalelf leichter zu erreichen, Rehhagel einen Korb. Wie man sich so irren kann: Schatzschneider schaffte es nie ins DFB-Trikot, verschwand sportlich in der Versenkung. Während es sich wohl erübrigt, Näheres über Rudi Völler zu sagen: „Ruuudi“ war das Beste, was Werder und Fußball-Deutschland in diesem Jahrzehnt passieren konnte. Mit Rudi Völler kamen auch Wolfgang Sidka und ein junger Hamburger Amateur namens Frank Neubarth an die Weser, beide schrieben ebenfalls Werder-Geschichte.
Es blieb nicht bei den Glücksgriffen von 1982. Zwölf Monate später folgte mit dem Österreicher Bruno Pezzey ein Weltklasse-Libero, 1984 unterschrieben Michael Kutzop, Thomas Wolter und Frank Ordenewitz. Und 1985 glückte Rehhagel ein nur anfangs belächelter Geniestreich: Mit Mirko Votava (von Atletico Madrid) und dem bereits 36-jährigen Manfred Burgsmüller unterschrieben zwei, die ihr bestes Fußballeralter nur scheinbar hinter sich hatten.
Werder war in all diesen 80er-Jahren Bundesliga-Spitze, doch mit dem Titelgewinn wollte es nicht klappen. 1983 wurde der HSV nur dank des besseren Torverhältnisses Meister vor Werder, drei Jahre später spielte sich in Bremen ein bis heute unvergessliches Fußball-Drama ab, als Erinnerung genügt das Stichwort „Kutzop-Elfer“. Den Strafstoß setzte der sonst so sichere Schütze Michael Kutzop am vorletzten Spieltag in der letzten Minute des Spiels gegen die Bayern an den Pfosten, es blieb beim 0:0. Eine Woche später waren die Bayern dank des besseren Torverhältnisses Meister. Auch ein Remis beim Finale in Stuttgart hätte Werder noch zum Titel gereicht, doch die Bremer verloren 1:2. Günter Hermann erinnert sich: „Ich war hundertprozentig sicher, dass Kutzi treffen würde. Er hatte ja immer getroffen.“ Kutzop selbst glaubt, den Grund für seinen Fehlschuss gefunden zu haben: „Es hat zu lange gedauert. Nach dem Pfiff vergingen fast fünf Minuten, es gab ja einen unglaublichen Wirbel, weil die Bayern immer wieder protestierten. Und da bin ich irgendwann ins Grübeln gekommen und etwas unsicher geworden.“
Die Saison 1986/87 sollte ein Jahr des Neuaufbaus werden, so hatte es Rehhagel angekündigt. Rudi Völler war dem Lockruf des Geldes nach Rom gefolgt, Werder freute sich dank eines vorsorglich bis 1990 verlängerten Vertrages über etliche Millionen. Uwe Reinders hatte den Verein in Richtung Bordeaux verlassen, aus einem nicht unbedingt sportlichem Grund: Reinders hatte Spielschulden von über eine Million Mark angehäuft, teilweise auch Werder-Sponsoren angepumpt, war nicht mehr tragbar. Als nennenswerte Neuverpflichtung ist nur der Norweger Rune Bratseth erwähnenswert. Immerhin: Werder wurde Fünfter, war international wieder dabei.
Die nächste Spielzeit brachte das erste „Werder-Wunder“. Die Bremer hatten in der zweiten Runde des Uefa-Pokals gegen Spartak Moskau anzutreten. Erst im zweiten Anlauf glückte das Hinspiel. Werder kam nur bis Wilna, musste im Flughafengebäude übernachten und anschließend zurückfliegen, weil in Moskau immer noch Nebel herrschte. Tags darauf glückte es, die Bremer gingen bei zwölf Grad minus in Moskau mit 1:4 unter. Das Aus schien sicher, doch dann kam das Rückspiel am 3. November 1987. Schon nach zehn Minuten hatte Neubarth zweimal getroffen, beim Abpfiff stand es 4:1 – also Gleichstand. In der Verlängerung trafen Riedle und Ordenewitz. Bremen jubelte.
Ein halbes Jahr später wurde wieder gejubelt. Denn Werder war Meister, ganz überraschend schon vier Tage vor Saisonschluss durch ein 1:0 in Abendspiel in Frankfurt. „Ich habe immerhin die Ecke geschossen, die Kalle Riedle dann zum 1:0 einköpfte“, weiß Günter Hermann noch und begründet den Erfolg: „Wir hatten in dem Jahr die beste Abwehr aller Zeiten.“ Der Beleg: Werder kassierte in der gesamten Saison nur 22 Gegentore; davon allein sechs, als die Meisterschaft schon eingefahren war. Auch dabei hatten Rehhagels Einkäufe wieder eine große Rolle gespielt: der Mönchengladbacher Uli Borowka wurde zum Bollwerk der Abwehr, Karlheinz Riedle zum exzellenten Torjäger.
Werder war Meister, und das hieß: Endlich wieder Europacup der Landesmeister. Schon in der ersten Runde hieß der Gegner Dynamo Berlin, ein prestigeträchtiges deutsch-deutsches Duell stand bevor. Nach dem Hinspiel jubelte die DDR-Führung, der „Stasi-Verein“ Dynamo hatte 3:0 gewonnen. Nach dem Rückspiel jubelten Bremen und die Bundesliga, Werder hatte mit einem unglaublichen 5:0 den Spieß umgedreht. „Die hatten vor allem Angst. Kutzop hat an deren Kabinentür gedonnert und gerufen: Kommt endlich raus, jetzt geht es anders herum“, erzählt Günter Hermann. In die Reihe der unvergesslichen Spiele gehört auch noch der Triumph der Saison 1989/90 über den Maradona-Club SSC Neapel (3:2, 5:1) .
Das dritte Werder-Jahrzehnt soll hier enden in Lissabon, dem Schauplatz des einzigen Europacup-Triumphes der Bremer. Mit einer gehörigen Portion Glück hatte der DFB-Pokalsieger von 1991 (4:3 über Köln nach Elfmeterschießen) das Finale gegen den AS Monaco erreicht. In einem halb leeren Stadion schossen Allofs und Rufer die Tore zum Bremer 2:1-Sieg. Doch das Spiel blieb Günter Hermann weniger in Erinnerung als die anschließende Siegesfeier auf der historischen Festung Cascais bei Lissabon: „Eine größere Party habe ich bei Werder nie erlebt.“




















Noch nicht registriert? Jetzt kostenlos registrieren »
Reinders war 1985 schon gegangen. Rudi Völler blieb nach der Pleite im Finale der Saison 1985/86 noch ein Jahr und wechselte im Sommer 1987 nach Italien. Für ihn wurde Karl-Heinz Riedle vom Absteiger Blau-Weiß 90 Berlin geholt, in der Abwehr übernahm Gunnar Sauer die Liberoposition neben Bratseth und dem aus Gladbach geholten Borowka. Oliver Reck kam für Budde ins Tor. Und was mit den langjährigen Stützen Pezzey, Völler, Burdenski und auch Benno Möhlmann, der nach Hamburg wechselte, immer wieder verpasst worden war, gelang dieser neuen Formation auf Anhieb: Bereits vier Tage vor dem Ende der Saison wurde sie, wie oben beschrieben, Meister.