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Die Angst vor dem Abstieg

08.02.201717 Kommentare

Bei Werder war die Stimmung schon mal besser.  (Imago)

Wie schlecht kann eine Saison sein, in der Werder gegen große Klubs wie Borussia Dortmund und den FC Bayern mithalten kann und gegen kleinere Klubs wie den FC Augsburg auch auswärts das Spiel bestimmt? Zahlenmäßig ist sie mit 16 Punkten nach 19 Spieltagen so schlecht wie keine andere Werder-Saison, seit die Drei-Punkte-Regel 1995 eingeführt wurde. Rechnet man die Punkte der Abstiegssaison 79/80 auf die Drei-Punkte-Regel um, hatte Werder sogar in diesem schlimmsten Jahr seiner Geschichte nach 19 Spieltagen fünf Punkte mehr gesammelt. Die Tabellensituation bereitet Spielern und Verantwortlichen Sorgen – denen von heute, aber auch denen aus früheren Zeiten, deren Herz nach wie vor an Werder hängt. Jeder bangt auf seine Art, jeder hat eine eigene Sicht auf Werders Lage.

Willi Lemke: "Schwierig, Spieler zu begeistern"

Weil es Werder schon wieder nicht gelingt, eine sorgenfreie Saison zu spielen, befürchtet Willi Lemke Folgen für den Fußballstandort. "Es wird immer schwieriger werden, Spieler dafür zu begeistern, nach Bremen zu kommen", sagt Werders früherer Aufsichtsratsvorsitzender. "Kein Spieler will wochen- oder gar monatelang unter der Angst spielen abzusteigen." Dabei müsse Werder auch zur nächsten Saison wieder gute Transfers hinbekommen. Vom Kader ist Lemke nämlich nur teilweise überzeugt: "Im Angriff sind wir sehr gut aufgestellt, in der Verteidigung nicht."

Fotostrecke: Der Kader von Werder Bremen im Überblick

Außer für Werders Kaderplanung befürchtet Lemke auch Folgen auf den Rängen. "Die Frage ist: Wie lange billigen die Fans uns solche Zitter-Saisons noch zu?" Die Fans seien das Beste, was Werder habe. "Aber es wird schwieriger werden, sie immer wieder zu begeistern." Es bestehe "die Gefahr, dass das irgendwann mal kippt, wenn der Abstiegskampf der Normalfall wird". Von einem Abstieg in der laufenden Saison will Lemke nicht sprechen, aber er sagt: "Wenn wir weiter solche Niederlagen einstecken, bei denen wir mit unserer Spielweise zufrieden sein können, aber nicht punkten, dann geraten wir in allergrößte Gefahr. Ich mache mir große Sorgen."

Klaus-Dieter Fischer: "Wir haben keinen Leader"
Klaus-Dieter Fischer fragt sich vor allem, warum Werder seit Jahren so viele Gegentore kassiert – egal, unter welchem Trainer und mit welchen Spielern. Er hat eine interessante Antwort auf diese Frage gefunden. Werders Ehrenpräsident sagt: „In der Abwehr haben wir seit Jahren keinen Leader mehr. Mir fehlt dort jemand, der sich für das Gesamtkonstrukt verantwortlich fühlt und der es schafft, das Kommando zu übernehmen.” So ein Chef, glaubt Fischer, könne beispielsweise dafür sorgen, dass die Abseitsfalle zuverlässig funktioniert.

Früher, in seinen guten Zeiten, hatte Werder solche Chefs. Werder hatte Spieler wie Rune Bratseth, Valérien Ismaël, Per Mertesacker und Naldo. Und jetzt? „Wir haben eigentlich fantastische Spieler da hinten”, sagt Fischer, „aber irgendwie ist das kein Verbund.” Oft gehe irgendwo zwischen Abwehr und Torwart etwas schief, beobachtet er: „Wir haben ja auch im Tor keinen Leadertyp.” Wenn dann auch noch oft das Personal wechsle, wegen Verletzungen und Sperren, werde alles nur noch schwieriger.

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Dem Trainer, sagt Fischer, vertraue er: „Man muss den Mumm haben, mit Alexander Nouri den Weg weiterzugehen.” Egal, was in den nächsten Wochen passiere.

Max Lorenz: "Das Kollektiv hat versagt"
Am Sonnabend, sagt Max Lorenz, muss es einfach klappen. Dann muss Werder im Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach endlich wieder gewinnen – nach zuletzt drei Niederlagen hintereinander. „Es ist brenzlig. Wir brauchen drei Punkte gegen Gladbach, sonst sieht’s ganz traurig aus”, sagt Lorenz. „Wir müssen wach sein.” Er ist mit Werder 1965 Deutscher Meister geworden, aber er steht auch jetzt zu seinem Verein, in schlechten Zeiten. Es hilft Lorenz, dass er auch in diesen schlechten Zeiten etwas Gutes entdeckt.

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„Wie der Fußball in Bremen angenommen wird, das ist sensationell”, sagt er. Schon die Fans hätten es verdient, dass Werder auch in dieser Saison wieder den Klassenerhalt schafft. Und dass Werder die Punkte nicht so verschenkt wie zuletzt in Augsburg. „Das kann doch nicht angehen!”, hat Lorenz da gedacht. Er sagt: „Das Kollektiv hat versagt. Wir müssen uns ein bisschen cleverer verhalten.” Fußball sei Männersport: „Da muss man auch mal den Mut haben, den Ball einfach in die Wicken zu schießen.” Ob das am Ende der Saison reicht? Lorenz sagt: „Das kann schiefgehen, aber ich hoffe und glaube immer an den Verein. Das müssen wir schaffen, also schaffen wir’s.”

Manfred Müller: "Das ist psychologisch höchst gefährlich"
Wenn man dreimal gut spielt und keine Punkte holt, ist das psychologisch höchst gefährlich und fast das Schlechteste, was einer Mannschaft passieren kann“, sagt Manfred Müller, der bis 2009 Werders Geschäftsführung angehörte. Wenn ein Team schlecht spiele, wisse es wenigstens, woran es gelegen habe. „Aber so, wie es zurzeit läuft, ist das fürs Selbstvertrauen ganz schlimm.“ Müller hört das auch aus dem heraus, was die Spieler nach den Partien sagen: „Sie wissen nicht, was sie noch tun sollen, um zu gewinnen.“

Die nächsten Spiele sind für Müller eine „ganz entscheidende Phase“, denn: „Am Saisonende kommen wieder die dicken Brocken.“ Werder müsse schleunigst Punkte sammeln, „sonst sind wir ein Kandidat für den Relegationsplatz“. Zu den Kandidaten für Platz 16 hatte Müller auch den FC Augsburg gezählt – der nun, nach dem Sieg gegen Werder, vorerst weit weg ist.

„Wenn man solche Spiele nicht gewinnt“, sagt Müller, „setzt sich das in den Köpfen fest.“ Damit das nicht passiert, müsse jetzt ein Impuls von außen kommen, genauer: von den Rängen. „Die Fans müssen diesmal früher ran“, sagt Müller. Mit Aktionen wie am Ende der vergangenen Saison sollten die Fans den Glauben der Spieler an ihre Fähigkeiten wachhalten. „Nicht erst an den letzten drei oder vier Spieltagen, sondern schon jetzt.“

Dieter Burdenski: "Der Trainer verliert mit"
Werders Torwart-Legende Dieter Burdenski schätzt Werders Lage nicht als bedrohlich ein. „Es sind noch 15 Spiele“, sagt Burdenski, der mit Werder sowohl den Abstieg im Jahr 1980 als auch die Meisterschaft 1988 erlebt hat und später als Torwarttrainer im Verein aktiv war. Wenn die Mannschaft weiter so auftrete wie in den vergangenen drei Spielen, werde sie auch wieder gewinnen, sagt Burdenski. „Da mache ich mir keine Sorgen.“ Dass Werder absteigt, kann er sich nicht vorstellen.

„Aber natürlich wird der Druck jetzt größer, sowohl auf die Mannschaft als auch auf den Trainer.“ Es sei nicht Nouris Schuld, "wenn der Ball freistehend vor dem Tor nicht reingemacht wird“, sagt Burdenski. „Aber wenn die Mannschaft verliert, verliert er mit.“ Ein Grund dafür, dass Werder so schlecht dasteht, sind die vielen Gegentore. Burdenski sagt, Jaroslav Drobny und Felix Wiedwald seien „beide keine Weltklassekeeper, das weiß ja jeder“. Wer von beiden spiele, sei nicht entscheidend. „Ob der eine im Tor steht oder der andere, verbessert uns nicht und verschlechtert uns nicht.“

Jürgen L. Born: "Übertrieben freundlich"
Jürgen L. Born sagt, Werders Niederlage in Augsburg habe ihn arg enttäuscht: „Das ging auf die Psyche.” Nach dem Spiel sei er „völlig unkontrolliert zehn Minuten auf und ab gegangen”. Er wusste kaum wohin mit seinem Ärger. Born, der von 1999 bis 2009 bei Werder die Geschäfte geführt hat, findet, die Bremer hätten ihre Führung verteidigen müssen.

Er kritisiert, sie hätten Raul Bobadilla „nie so bequem einschießen lassen dürfen. Notfalls hätte man ihn härter attackieren müssen – auch wenn eine Karte dabei herausgesprungen wäre.” Born sagt: „Eine gewisse übertriebene Freundlichkeit kann ich in der Abwehr schon erkennen.” Überhaupt dürfe Werders Abwehrarbeit ruhig häufiger unschön sein: „Wir müssen uns eben auch mal in den letzten drei Minuten mit allen Mann hinten reinstellen.”

Wie es jetzt mit Werder weitergeht? „Meine Sorgen sind groß”, sagt Born. Aber er ist auch Optimist. Er sagt: „Vielleicht gibt es im Fußball ja auch so etwas wie sieben fette und sieben magere Jahre. Dann hoffe ich, dass die sieben mageren Jahre nach dieser Saison vorbei sind.”

Günter Hermann: "Das klappt mit Sicherheit"
Klar, sagt Günter Hermann, die Abwehrleistung der Bremer, die stimme auch ihn nachdenklich: „Da hat man falsche Spieler eingekauft” – und zwar viel zu oft in den vergangenen Jahren. Hermann, Werders Weltmeister von 1990, sagt: „Die Fehler, die die Abwehrspieler machen, die sind schon erschreckend. Da muss man gute Leute holen.” Hermann erinnert sich noch heute an einen Spruch, den sein Trainer damals bei Werder ihm und seinen Kollegen immer wieder eingetrichtert habe.

Thomas Schaaf
Jonny Otten
Frank Neubarth
Günter Hermann
Fotostrecke: Werders Eigengewächse seit 1980

„Wie hat Otto Rehhagel gesagt?”, fragt Hermann und gibt die Antwort selbst: „Die Spiele werden hinten gewonnen.” Ob Werder den Klassenerhalt trotz der Abwehrschwächen schafft? „Das klappt mit Sicherheit. Wir werden früh nichts mehr mit dem Abstiegskampf zu tun haben”, sagt Hermann. Schließlich werde Werder fußballerisch immer stärker, speziell der Angreifer Max Kruse steigere sich. Auch wirke die Mannschaft fit, und das sei ein Verdienst des Trainers Alexander Nouri. „Ich glaube, dass Werder mit Nouri einen Guten hat”, sagt Hermann. „Man muss ihm auch weiterhin die Chance geben.”

Rune Bratseth: "Einfach abräumen"
Wann immer Eurosport Norwegen ein Werder-Spiel zeigt, schaltet Rune Bratseth den Fernseher an. Der Norweger hat von 1987 bis 1994 Werders Abwehr geführt, und er fiebert noch heute mit seinem alten Verein mit. Bratseth berichtet, natürlich seien auch seine beiden Söhne Werder-Fans; seine Kinder seien ja alle in Bremen geboren. Er kann nicht jedes Detail des aktuellen Teams beurteilen, dazu ist er zu weit weg. Aber er kann aus seiner Werder-Zeit erzählen. Und wer ihm zuhört, der kann erahnen, was heute vielleicht fehlt.

Bratseth sagt: „Zu meiner Zeit haben wir über Jahre mit den gleichen Leuten in der Abwehr gespielt. Das ist ein Vorteil, weil dann jeder die Stärken und Schwächen des anderen kennt.” Er erinnert sich auch, wie Otto Rehhagel gerade die Abwehr ewig die gleichen Übungen habe trainieren lassen. Wenn einer müde geworden sei, habe er gesagt: „Der stete Tropfen höhlt den Stein.” Bratseth erinnert daran, die Kernaufgabe der Abwehr sei, Tore zu verhindern: „Im Sechzehner muss man einfach abräumen. Da gibt es keine Haltungsnoten.”


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