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3. Etappe des Grenzgängers
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Durch Strom stromern

27.07.2015 0 Kommentare

Die Autobahn ist mein Feind. Sie lockt mich in ihre Fänge, und ich habe Mühe zu widerstehen, obwohl ich weiß, was es bedeuten würde, wenn ich erstmal drauf bin und so schnell nicht wieder abfahren kann. Ich habe Mühe, sie zu meiden und den richtigen Weg zu finden, das ist immer so, wenn ich in dieser vermaledeiten Ecke mit dem Auto unterwegs bin.

Die A 281, ein Beispiel für die Wurschtelei von Rot-Grün. Sie wird auch in 20 Jahren noch nicht fertig sein und bis dahin nur Ärger machen. Rechts rum, links rum, geradeaus? Verdammt, ich will nach Strom, zum Ausgangspunkt meiner nächsten Etappe, aber das ist gar nicht so einfach. Eigentlich schon, auch auf der Autobahn, nur weiß ich es eben nicht besser. Am Ende klappt es doch noch, und die Wanderung auf der Grenze beginnt. Ewig die Stromer Landstraße entlang, parallel zur Ochtum, das schlaucht, wenn es heiß ist.

Grenzgänger - Am Ochtumdeich
Der Grenzgänger auf seinem Weg zum Ochtumsperrwerk. Im Hintergrund sind die Stahlwerke zu sehen und die Windmühlen drumherum. (Frank Thomas Koch)

Es riecht nach Gras, nach Sommer, schön. Die Weiden reichen bis zum Güterverkehrszentrum, das sich in der Ferne ausbreitet und mit fast 500 Hektar das größte seiner Art in Deutschland ist. Kühe auf den Wiesen und Rinder. „Rindfleisch gibt’s hier direkt vom Erzeuger“, wirbt ein Landwirt auf einer Tafel. Auf der anderen Seite der Straße liegt der Deich, davor lauter Häuser, Wohnhäuser, eine Schule, die Feuerwehr. Und ein Hotel.

Luley’s Hotel Europa ist eine Unterkunft für minderjährige Flüchtlinge. Vor Kurzem hat es dort richtig Zoff gegeben. Ein paar der Jugendlichen sind ausgerastet, sie haben die Einrichtung kurz und klein geschlagen und konnten erst von der Polizei gestoppt werden. Niemand weiß, was sie so wütend gemacht hat.

Als ich an dem Hotel vorbeikomme, treffe ich vor dem Eingang einen der Betreuer. Souaifi Fadhel, ein Mann aus Tunesien. Er will zunächst nichts sagen und verweist auf seine Chefs, dann erzählt er aber doch, von Ayoub, seinem Schützling, auf den er so stolz ist.

Ayoub ist 17 Jahre alt, er ist aus Algerien nach Deutschland geflüchtet, die genauen Umstände kennt sein Betreuer nicht. Ayoub ist Fußballer, er hat sich bei Werder vorgestellt und hofft darauf, einen Vertrag zu bekommen. „Die sind begeistert von ihm“, sagt der Betreuer. Ein technisch versierter Spieler, der aber noch an seiner Kraft und Kondition arbeiten muss und deshalb jeden Tag in der Umgebung des Hotels seine Läufe macht und im Fitnessstudio Eisen biegt.

Weiter geht der Gang auf der Grenze, diesmal am Ochtumdeich entlang. Im Hintergrund die Stahlwerke und die Windräder drumherum.
Die Weiden rund um Strom bieten den Landwirten viel Platz für ihre Rinder.
Rindfleisch direkt vom Erzeuger, darauf sind sie stolz.
Immer an der Ochtum entlang führt der Weg des Grenzgängers, bis zum Sperrwerk kurz vor der Mündung in die Weser, so das Ziel.
Fotostrecke: Unterwegs am Ochtumdeich

Ayoub kommt fürs Foto dazu. Ein Schlacks, groß und sehr dünn. Er spricht kein Deutsch, auch kein Englisch. Er lächelt, ein offenes, freundliches Gesicht. Wir geben uns zum Abschied die Hand. Viel Glück, Ayoub!

Hier am Deich war irgendwo mal ein Portugiese, ein Restaurant direkt an der Ochtum. Lange her, aber die Erinnerung an das Essen ist noch da. Fisch, serviert mit einem sehr guten und eiskalten Weißwein. Und wie schön wir dort am Tisch gesessen haben, draußen am Wasser, herrlich!

Ich gehe weiter und habe spontan ein Ziel. Vielleicht wegen der Erinnerung von gerade eben, denn da ist ja noch ein anderes Lokal an der Ochtum, und wenn ich Glück habe, kann ich nicht nur einen Kaffee trinken. Ein Plausch mit dem Chef, das wär’s. Hoffentlich ist er da.

In der Küche brutzeln in zwei großen Pfannen die Brataale. Wie das riecht und aussieht, man möcht’ sie gleich essen. Fingerlange Stücke, die über großer Flamme hin und her hüpfen, als wollten sie der Hitze entfliehen.

„Den Chef? Hol’ ich“, antwortet der Koch, den ich nach Kurt Spille frage. Und da ist er auch schon, wir sind alte Bekannte. Journalisten mögen gute Geschichten, und Spille kann sie erzählen. Einmal im Jahr ruft er an, um der Welt etwas kundzutun: Die Stinte sind da! Die Zeitung weiß dann gleich Bescheid und teilt es ihren Lesern mit. Einst war er ein Arme-Leute-Essen, mittlerweile ist der Stint eine willkommene Abwechslung für die Speisekarte im Winter.

Die Weiden rund um Strom bieten den Landwirten viel Platz für ihre Rinder.
Die Weiden rund um Strom bieten den Landwirten viel Platz für ihre Rinder.

Wir setzen uns nach draußen und trinken im Schatten der Linden vorm Haus einen Kaffee. Spille erzählt vom Geschäft, dass er zufrieden ist, mit seinen 60 Jahren aber nicht mehr ewig machen muss. Für später lädt er mich zum Essen ein, es gibt Matjes, ein Klassiker, mit Bratkartoffeln und Bohnen mit Speck. Doch vorher setze ich meine Wanderung fort. Endstation soll das Ochtumsperrwerk sein, dort will mich der Fotograf abholen und zurück zu Spille bringen.

Der Wirt hatte mich gewarnt: „Setz dir eine Mütze auf“, sagte er, „ich borg’ sie dir.“ Doch nein, ich meinte, es auch so zu schaffen, ohne Schutz auf dem Kopf: Das kurze Stück, das bisschen Sonne, hey, was soll’s.

Tatsächlich ist es dann ein ziemlich langer Weg, immer auf dem Deich, mit herrlichem Blick in die Landschaft. Kurt Spille ist die Strecke früher viermal in der Woche gejoggt. So hat er sich fit gehalten für die langen Abende in seinem Lokal. Für mich ist das nichts, die Knie, ich gehe gemächlich und ergötze mich an der Natur.

Als Kontrast und Kulisse sind am Horizont die Stahlwerke zu sehen. Seit mehr als 100 Jahren wird dort am Hochofen gearbeitet. Die „Hütte am Meer“, wie der Standort wegen seiner Lage an der Weser auch genannt wird, war jahrzehntelang schlicht „Klöckner“. Die Arbeiter sagten es so, „ich arbeite bei Klöckner“. Heute gehört das Unternehmen zu Arcelor Mittal, dem größten Stahlproduzenten der Welt.

Auf einem Strommast entdecke ich ein Storchennest und kann beobachten, wie ein Jungtier die ersten Flugversuche unternimmt. Ein gefährlicher Ort, aber die Vögel kommen offenbar klar damit. Ich sehe einen Schwan, der einsam auf dem Wasser kreuzt. Ich beobachte einen Bussard, wenn es einer ist, sicher bin ich mir nicht. Ich gehe und gucke und merke langsam, dass etwas nicht in Ordnung ist. Der Kopf, besser: die Platte, denn allzu viele Haare sind nicht mehr drauf. Sonnenbrand! Bereits das zweite Mal, seit ich mit meiner Tour rund um die Stadt Bremen begonnen habe.

Am Sperrwerk also mit Sonnenbrand. Der Fotograf, den ich dort treffe, muss lachen, und ich lache mit. Als wir das letzte Mal an dem Ort waren, zu einem Spaziergang mit einem Kapitän, über den zu berichten war, gab es ebenfalls Blessuren. Damals, im Winter, wegen der schneidenden Kälte, auf die wir nicht vorbereitet waren und die uns mit Husten und Schnupfen bestraft hat. Wie kleine Kinder, die partout nicht lernen wollen.

Auf der nächsten Etappe erlebe ich ein Abenteuer. Ich steige zur Ochtum hinab und unterquere sie. Der Kriechgang im Sperrwerk macht es möglich. Danach geht es am Weserdeich zunächst nach Altenesch, wo sich vor knapp 800 Jahren die Stedinger eine Schlacht mit den Schergen des Bremer Erzbischofs geliefert haben.

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Hinrichs im Hochhaus

Im Juni 2014 ist WESER-KURIER-Chefreporter Jürgen für einen Monat ins Aalto-Hochhaus in der Neuen Vahr gezogen. Während dieser Zeit entstanden viele Reportagen, Fotoserien und Videos sowie ein Tagebuch über das Leben der Bewohner. Für die Serie "Hinrichs im Hochhaus" wurde Jürgen Hinrichs mit dem Deutschen Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Kategorie "Alltag" ausgezeichnet. Hier können Sie alle Texte nachlesen.