Schwerste Detonation seit dem Krieg erschüttert Bremen

Es war die schwerste Detonation, die Bremen nach dem Krieg erlebt hat: Am Abend des 6. Februar 1979 vernichtete eine Mehlstaub-Explosion die alte Rolandmühle - 14 Menschen starben.

Es war die schwerste Detonation, die Bremen nach dem Krieg erlebt hat: Am 6. Februar 1979 vernichtet eine Mehlstaub-Explosion die alte Rolandmühle und reißt 14 Menschen in den Tod. 

Am klirrend kalten Abend des 6. Februar 1979 bahnt sich im Holz- und Fabrikenhafen eine gigantische Katastrophe an: Die Mehlstaub-Explosion in der Rolandmühle an der Emder Straße. Das Unglück nimmt gegen 21 Uhr seinen Lauf und mündet durch die Verkettung unglücklicher Zufälle nur wenige Minuten später in der schwersten Detonation, die Bremen seit Kriegsende erlebt hat. Die traurige Bilanz: 14 Tote, 17 Verletzte und 100 Millionen Mark Sachschaden.

Desaster beginnt kurz nach 21 Uhr

Foto: Jochen Stoss

Die Roland Mühle nach der Explosion.

Das Desaster beginnt in der menschenleeren Probenkammer des Wasserspeichers am Hafenbecken. Hier bricht kurz nach 21 Uhr ein kleines Feuer aus – wahrscheinlich verursacht durch einen Kabelbrand in der Radiatorenheizung. Schnell brennt auch die abgehängte Holzdecke. Besonders verhängnisvoll: Über Sackrutsche und Förderband hat der im Keller befindliche Brandherd eine Verbindung zum entlegenen Mehlspeicher. Glutnester verursachen auf dem Weg dorthin mehrere kleine Verpuffungen, wodurch immer wieder Mehlstaub aufgewirbelt wird und weitere kleine Explosionen erfolgen. Im Mehlspeicher wird gerade ein Lastwagen beladen, Mehlstaubwolken hängen in der Halle. Die Katastrophe ist nicht aufzuhalten, das entzündliche Gemisch aus Mehlstaub und Sauerstoff explodiert.

Ein orange-roter Lichtblitz erhellt um 21.24 Uhr die Nacht, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Knall, der bis nach Lilienthal zu hören ist. Mit der Wucht von 20 Tonnen Sprengstoff werden zentnerschwere Steinbrocken durch die Luft geschleudert, etliche Mühlengebäude und angrenzende Bauten fallen in Trümmer. Ein verheerendes Großfeuer wütet. Die gewaltige Druckwelle zerstört im Umkreis von zwei Kilometern zahllose Fensterscheiben.

Großalarm

Der Lastwagenfahrer entkommt dem Inferno, weil er geistesgegenwärtig aufs Gaspedal tritt und mit seinem Fahrzeug das Speichertor durchbricht. Unversehrt bleiben auch die Menschen auf der angrenzenden Cuxhavener Straße. Aufgeschreckte Augen- und Ohrenzeugen vermuten einen Flugzeugabsturz, ein Erdbeben oder eine Bombenexplosion. Über den Feuerwehrruf 112 gehen Meldungen ein: „Der Hafen ist explodiert“, „Kaffee HAG ist in die Luft geflogen“ und „die Rolandmühle ist explodiert“. Polizei und Feuerwehr lösen Großalarm aus.

Das Gelände an der Emder Straße gleicht einem Trümmerfeld. Eine Feuersbrunst verwandelt die Gebäude-Reste in Schutt und Asche. Auch die Ruine des Mühlenturms brennt. Unter den rauchenden Schuttbergen werden etliche Menschen vermutet. Da zum Zeitpunkt der Explosion der Schichtwechsel in der Rolandmühle unmittelbar bevorstand, ist aber unklar, wie viele Personen sich tatsächlich auf dem Gelände befunden haben. Die Polizei befragt Zeugen des Unglücks, um etwaige Aufenthaltsorte der Vermissten einzugrenzen. Wegen der sengenden Hitze und weiterhin bestehender Explosionsgefahr können die Retter zunächst jedoch nur zwölf verletzte Nachtschichtarbeiter bergen.

Gegen 23.30 Uhr trifft die Bundeswehr mit drei Schaufelladern ein, um die Trümmer beiseitezuschaffen. Ohne schweres Räumgerät ist die Suche nach weiteren Opfern unmöglich. Und weitere Explosionen durch aufgewirbeltes Mehl können nicht ausgeschlossen werden. Gegen 0.30 Uhr schießt aus der Amme-Mühle eine 20 bis 30 Meter hohe Stichflamme empor. Die Einsatzkräfte der Berufsfeuerwehr haben das Flammenmeer inzwischen aber unter Kontrolle. Auf der Suche nach Vermissten stoßen die Retter um 2.45 Uhr auf das erste Todesopfer. Stunden vergehen, bevor weitere Leichen geborgen werden können.

20000 Liter Löschwasser pro Minute

Das Ausmaß der baulichen Zerstörung offenbart sich am Tag nach der Katastrophe: Der alte Mehlsilo, die kleine Mühle, die Amme-Mühle und das Verwaltungsgebäude sind vollständig vernichtet. Etliche Gebäude ringsum sind erheblich beschädigt. Und noch immer flackern in unterirdischen Trakten Brände auf. Pro Minute schießt die Feuerwehr immer noch 20000 Liter Löschwasser in die Brandnester. Aber wegen der eisigen Kälte gefriert das Wasser sofort.

Fotostrecke: Inferno am Hafen im Februar 1979Noch bis Ende Februar kommt es während der Löscharbeiten immer wieder zu Verpuffungen mit Stichflammen, im Innern des Mehlsilos brennt es etwa drei Wochen lang. Der Mehlsilo wird ab Mitte März abgerissen, während nebenan der neue Verladesilo in die Höhe wächst. In der Dokumentation von Feuerwehr und Kriminalpolizei heißt es: „Der Einsatz ‚Rolandmühle' endet am 12. April 1979 um 17 Uhr.“

Bei dem Unglück verlieren zwölf Männer und zwei Frauen ihr Leben, darunter auch das Hausmeister-Ehepaar und dessen 29-jährige Tochter sowie ein 24-jähriger Student. Dessen Bruder, ein ehemaliger Mitarbeiter der Rolandmühle, sucht Anfang März in dem noch immer glimmenden vom Einsturz bedrohten Mehlsilo auf eigene Faust nach dem jungen Mann, der nur vorübergehend in der Mühle gejobbt hat. Er wird jedoch nie gefunden.

Für die betroffenen Versicherungsgesellschaften ist die Katastrophe in der Rolandmühle mit 100 Millionen Mark der größte Einzelschaden auf deutschem Boden. Den Hinterbliebenen der Unglücksopfer wird aus einem Firmenfonds finanziell geholfen. Auf einer Tagung der Bundesanstalt für Getreide - und Kartoffelverarbeitung wird am 26. April 1985 berichtet, die neue Rolandmühle sei nun mit Temperaturfühlern und Überwachungsgeräten ausgestattet.

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